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17.03.2026
16:55 Uhr
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In einem Neuköllner Jugendzentrum soll mindestens ein Mädchen mehrmals Opfer sexueller Gewalt geworden sein. Das zuständige Jugendamt steht massiv in der Kritik, weil es trotz Meldungen nicht handelte.

Tatort mindestens einer mutmaßlichen Vergewaltigung: Das Jugendzentrum in der Wutzkyallee, Berlin-Neukölln. Jens Kalaene/DPA
„Die Jutzkys“, so nennt sich das Team des Jugendzentrums in der Wutzkyallee. Die Straße verläuft am Rand des Bezirks Neukölln, in wenigen Minuten ist man von hier aus schon über die Grenze nach Brandenburg. Die Wohnblöcke ragen hoch in den Himmel, es gibt Schulen, ein kleines Einkaufszentrum, Spielplätze, man sieht viele Kinder; Neukölln gehört zu den jüngeren Bezirken der Hauptstadt. Hinter einem großen Schul- und Kitagelände liegt in einem relativ großen Flachbau der Jugendklub. Und hier soll eine 16-jährige Schülerin mehrfach von verschiedenen gleichaltrigen Jungen sexuell belästigt, vergewaltigt und erpresst worden sein.
Im Garten des Klubs steht eine kleine Hütte, die mit bunten Lampions dekoriert ist, das Angebot im Aushang ist überschaubar: Viel offene Freizeit, zweimal die Woche Sport und dreimal Aktivitäten für Mädchen. Es wirkt auf den ersten Blick wie ein Rückzugsort für junge Menschen, wo sie auch mal laut sein können, ohne Erwachsene zu stören oder von ihnen gestört zu werden. Jetzt aber hängt an der Tür des Clubs ein Zettel mit dürren Worten: „Liebe Besucher*innen, leider bleibt das JZ Wutzkyallee bis Freitag, 20. März geschlossen. Wenn ihr Fragen habt, oder uns sprechen wollt, schreibt uns eine Mail oder auf Insta. Wir halten euch auf dem Laufenden. Eure Jutzkys.“
Seit über einer Woche steht dieser bescheidene Ort im Zentrum eines Skandals, der zu einer politischen Katastrophe insbesondere für die zuständige Stadträtin werden könnte. Denn obwohl die Angriffe auf das Mädchen im Jugendzentrum im Januar bekannt waren und dem Jugendamt gemeldet wurden, blieben sämtliche Zuständige über viele Wochen lang tatenlos; auch dann, als das Mädchen offenbarte, bereits im November im Garten des Jugendzentrums vergewaltigt worden zu sein.
Erst nachdem die Polizei von Amts wegen Ermittlungen gegen mehrere Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren aufnahm, hat sich Jugendstadträtin Sarah Nagel (Die Linke) eingeschaltet. Nach eigenen Angaben erstattete sie Anfang März Anzeige. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Berlin übernommen.
Die Gründe für diese verschleppte Reaktion beschäftigen nun die Berliner Öffentlichkeit und Politik. Der zuständige Staatssekretär Falko Liecke (CDU), der selbst lange Neuköllner Jugendstadtrat war, will sich derzeit nicht äußern, eine Sprecherin der Jugendverwaltung erklärt, man biete dem Bezirk volle Unterstützung an und plane eine Fallkonferenz. Denn schon im Sommer sollen sich Mädchen über sexuelle Übergriffe beim Team des Jugendzentrums beklagt haben. Dennoch scheint weder für verstärkten Schutz noch für Aufklärung gesorgt worden sein.
Verschärft wird die Lage durch einen schwerwiegenden Vorwurf: Im Jugendamt soll man sich bewusst dagegen entschieden haben, die Polizei einzuschalten, weil man eine Stigmatisierung arabischstämmiger Jugendlicher in diesem Zusammenhang verhindern wollte. So berichten es mehrere Medien übereinstimmend. Das ist brisant in mehrfacher Hinsicht: Zum einen, weil hier möglicherweise nicht nur der Jugendschutz, sondern auch der Opferschutz zugunsten von Tätern und einem falsch verstandenen Antirassismus vernachlässigt wurde. Zum anderen, weil gerade die Linke in Neukölln im Verruf steht, das Thema „antimuslimischer Rassismus“ als eine Art Pauschalschutz für arabischstämmige oder muslimisch gelesene Täter zu missbrauchen.
Nagel weist den Vorwurf zurück: „Es gab keinerlei Versuch der Vertuschung“, erklärte sie am Montag. Auch der Hintergrund der Täter habe „zu keinem Zeitpunkt eine Rolle“ beim Umgang mit den Vorfällen gespielt. Vielmehr habe das Jugendamt entschieden, nur mit Einverständnis des Opfers Anzeige zu erstatten. Das entspreche „einer üblichen Vorgehensweise im Umgang mit Kindeswohlgefährdung bei Jugendlichen, sofern keine akute Gefahr besteht“. Für Rückfragen stand Nagel nicht zur Verfügung.
„Hanebüchen“ findet der SPD-Abgeordnete Marcel Hopp diese Begründung. „Allein in Bezug auf das Opfer bestand ja offensichtlich Wiederholungsgefahr“, sagt er. Dass so argumentiert werde, mache ihn „hellhörig in Bezug auf die Frage, wo hier die klaren Linien gegen sexuelle Gewalt gezogen werden“. Laut Hopp, der in Nordneukölln aufgewachsen ist und den Bezirk heute vertritt, sei es „bekannt“ gewesen, dass für die Größe des Jugendklubs zu wenig Personal vorhanden gewesen sei.
„Dass die Jugendstadträtin jetzt erst ein Konzept zur Sensibilisierung der Mitarbeitenden erstellen will, deutet darauf hin, dass es bereits Probleme bei der Umsetzung des Schutzkonzeptes gab. Sie muss beantworten, was sie eigentlich bisher für den Klub und den Schutz von Kindern hier getan hat.“ Fest steht schon jetzt, dass an der Wutzkyallee ein Ort der Vernachlässigung entstanden ist, mit einem viel zu hohen Preis.
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