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28.08.2026
06:35 Uhr
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Nach der Katastrophe im Himalaja sucht man in Nepal immer noch nach mehr als tausend Vermissten. Und es stellt sich die Frage, wie sich die kleine Nation auf eine Zukunft mit größerer Sturzflut-Gefahr vorbereiten kann.

Fast 1500 Menschen werden nach der Sturzflut in Nepal noch vermisst.
PRABIN RANABHAT/AFP
Am nächsten Morgen geht der Albtraum in Nepal weiter. Wie eine tiefe graue Wunde sieht die Schneise aus, welche die zerstörerische Sturzflut vom Mittwochvormittag ins Tal des Flusses Trishuli gegraben hat. Vom tibetischen Hochland erstreckt sie sich flussabwärts, am Grenzstädtchen Timure durch die Distrikte Rasuwa, Nuwakot und Dhading bis nach Gorkha, viele Kilometer weit. Und die Rettungskräfte können nach einer langen Nacht im Katastrophengebiet wenig Gutes vermelden.
Noch mehr Opfer haben sie aus der Schlamm- und Geröllwüste geborgen, welche die Flut hinterlassen hat. Fast 500 Menschen kamen örtlichen Angaben zufolge ums Leben. Bislang. Die Bergungsarbeiten gehen weiter. Mehr als tausend Menschen werden noch vermisst, viele Nepalesen, aber auch viele ausländische Touristen aus mehreren Ländern. Nepals Tourismusbehörde NTB hatte am Abend nach der Katastrophe gemeldet, dass mehr als 100 Inderinnen und Inder unter den Vermissten seien, außerdem Reisende aus den USA, Großbritannien, Australien, Malaysia, Südafrika und den Niederlanden. Auch zu acht Deutschen gebe es aktuell keinen Kontakt.
Nepal ist ein kleines Land der Extreme. Das Leben hier ist für viele der 30 Millionen Menschen nicht einfach. Es gibt tropische Tiefebenen im Süden und die höchsten Berge der Welt im Norden. Dazwischen ist viel schroffes Land mit schlechten Straßen und einer überstrapazierten Natur. Wegen des Mount Everests und anderer Achttausender ist Nepal das Sehnsuchtsland für Extrembergsteiger. Zudem pilgern viele Buddhisten hierher, weil Nepal das Geburtsland von Siddhartha Gautama ist, dem Gründer des Buddhismus. Neben dem Tourismus ist Wasserkraft in den vielen Flusstälern ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.
Umso schlimmer trifft die Sturzflut das Land. Viele Wanderer und Pilger wurden verschüttet. Laut der Tourismusbehörde waren die meisten auf dem Weg zum Berg Kailash und zum Hochgebirgssee Manasarovar in Tibet; beide Orte sind für Hindus und Buddhisten heilig. Der erste Sachschadensbericht zeigte, dass die Wasser- und Geröllmassen nicht nur viele Häuser, 19 Autobrücken und 40 Kilometer Straße weggerissen haben, sondern auch neun Wasserkraftprojekte, deren Strom Nepal zur Energieversorgung und als Exportprodukt braucht.
Die Katastrophe erinnert die Menschen in Nepal daran, wie verwundbar ihre schroffe Heimat ist, in der es meistens bergauf oder bergab geht, aber selten durch milde Ebenen. Die Sturzflut kam am Mittwoch gegen neun Uhr ohne Warnung. Die Welle aus Wasser und Geröll schoss so kraftvoll von der tibetischen Hochebene durchs Tal, dass selbst solide Gemäuer den Wassermassen nachgaben wie Attrappen aus Pappe. Wer an der falschen Stelle stand, als sie durch die Dörfer brach, hatte keine Überlebenschance. Experten waren sich schnell einig darin, dass die Sturzflut eine der schlimmsten Katastrophen in der Geschichte Nepals war. Vermutlich sogar die schlimmste seit den traumatischen Überschwemmungen von 1993 in Sarlahi, Rautahat und Makwanpur, bei denen 1400 Menschen starben.
Und natürlich folgten dem ersten Schrecken bald auch viele Fragen. Wie konnte das passieren? Hätte man die Menschen am Fluss warnen können? Was folgt daraus für die Zukunft Nepals?
Mindestens 472 Menschen kamen ums Leben, viele weitere Opfer werden befürchtet. Rettungskräfte suchen mit Hochdruck nach den Vermissten. Über 1500 Menschen konnten gerettet werden.
Fachleute und nepalesische Behörden waren zunächst vorsichtig mit ihren Erklärungen. Aber Satellitenbilder aus China ließen offensichtlich erste Schlüsse zu. Demnach soll ein Erdrutsch und eine Lawine aus Eis den Lauf des Nebenflusses Lhende blockiert haben. Etwa 20 Kilometer flussaufwärts hinter der Miteri-Brücke an der nepalesisch-chinesischen Grenze soll sich deshalb Geröll und das Wasser des Flusses aufgestaut haben.
Binod Parajuli, Leiter der Abteilung für Hochwasservorhersage in Nepals Hauptstadt Kathmandu, erklärte in der Zeitung Kathmandu Post: „Es bildete sich ein See aus Eis und Geröll, der dann brach.“ Wie durch einen nachgebenden Damm soll der braune Schwall geschossen sein, Richtung Trishuli-Fluss, dessen oberer Lauf auch Bhotekoshi genannt wird. Der Schwall trug viel Geröll davon, das machte ihn so verheerend. „Wäre es nur klares Wasser gewesen, wäre die Zerstörung nicht so groß geworden“, sagte Parajuli.
Zwischendurch hieß es, dass ein Erdbeben den Bruch des Sees ausgelöst haben könnte. Aber später sagten Experten, dass wohl eher der riesige Schwall aus Wasser und Geröll die Erderschütterung ausgelöst habe. Es gibt auch den Verdacht, dass ein geborstener Gletschersee zur Katastrophe beigetragen haben könnte, denn wegen des Klimawandels kommt das immer häufiger vor im Himalaja. Aber laut dem Klimaforscher Rijan Bhakta Kayastha von der Kathmandu-Universität blieb es zunächst beim Verdacht. In der Kathmandu Post sagte er, genauere Erkenntnisse darüber könne es erst in „mehreren Tagen“ geben.
Der Hinweis auf den Klimawandel legt jedoch auch nahe, dass solche Katastrophen sich in Zukunft in Nepal häufen könnten. Zumal schon im Juli 2025 eine Sturzflut am Bhotekoshi-Fluss gab. Sie war nicht so verheerend wie die am Mittwoch. Aber auch damals starben Menschen. Und seinerzeit stellten die Behörden fest, dass tatsächlich ein gebrochener Gletschersee die Ursache war.
In nationalen Medien begann eine erste Debatte über fehlende Frühwarnsysteme und nachbarschaftliche Verantwortung. Nach den ersten Erkenntnissen brach der Geröllsee ja in Tibet, das offiziell zu China gehört. Warnungen hätten demnach vom großen Nachbarn kommen müssen. Seit 2019 gibt es auch ein Abkommen zwischen Nepal und China zum gemeinsamen Katastrophenschutz. Aber die gute Absicht hat offensichtlich bislang nicht dazu geführt, dass man sich eingehender mit der Sturzflutgefahr im Grenzgebiet befasst. Die Sturzflut vom Mittwoch war eine Mahnung, die Gefahren im Himalaja ernster zu nehmen.
Der Donnerstag verging für viele Familien in Sorge und banger Erwartung. Zum Beispiel für die Familie von Sanju Timalsina. „Ich vermisse meinen Bruder“, sagt er. Wie viele andere auch ist er zum Tribhuvan University Teaching Hospital in Kathmandu gekommen, weil es dort zumindest eine kleine Hoffnung gibt, etwas zu erfahren. Die Polizei hat dort einen Informationsstand. Porträts von Todesopfern hängen aus, damit Familienangehörige sie identifizieren können. Sanju Timalsina, ein 24-jähriger Kaufmann, steht an der Liste mit den Namen jener Leute, die nach der Flut mit Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Der Name seines Bruders Sabin steht nicht darauf.
Sabin sei Touristenbus-Fahrer, sagt Sanju Timalsina. Am Mittwoch sei er unterwegs gewesen. Könnte es nicht sein, dass er doch woanders im Einsatz war? Sanju Timalsina schüttelt traurig den Kopf. „Ich kann ihn nicht mehr erreichen. Und in so einer Lage meldet man sich doch.“ Er zeigt ein Foto auf seinem Handy. Sein Bruder und er mit erhobenen Daumen. Sie lächeln. Zwei Optimisten. Sabin sei 22, sagt Sanju. Er will nicht an das Schlimmste glauben. Also hofft er, solange er noch kann.
Mehr als 500 Menschen starben bei der plötzlichen Sturzflut. Das Ausmaß der Katastrophe in Bildern und Videos.
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