SZ 09.10.2026
09:58 Uhr

Oberpfalz: Schüsse, Explosionen und zwei Tote: Der Morgen danach in Berngau


Eine Routinekontrolle eskaliert, ein Mann erschießt zwei Mitarbeiter des Landratsamts. Mitten in der Nacht wird er festgenommen. Der kleine Ort steht unter Schock.

Oberpfalz: Schüsse, Explosionen und zwei Tote: Der Morgen danach in Berngau
Polizisten und Kriminaltechniker stehen vor dem Tatort.
Daniel Löb/dpa

Nachts, gegen halb drei, als das Drama von Berngau zu Ende ging, da habe er einen Knall gehört. So laut, dass sogar Buddy gebellt habe, „der bellt normalerweise nie“, sagt Roland Judaschke, der seinen Yorkshire-Terrier gerade Gassi führt, am Morgen danach.

Es liege jetzt irgendwie „ein Schleier“ über Berngau, sagt Judaschke, der in der Nähe des Tatorts wohnt. Er meint das Gefühl, mit dem die Menschen hier aufgewacht sind, am Freitagmorgen. Aber es gibt auch die sichtbaren Spuren, die der nächtliche Polizeieinsatz hinterlassen hat: die Rußflecken, die zerstörten Rollos an der Giebelseite eines mit weißen Platten verkleideten Hauses.

Gegen 2.20 Uhr hatten Spezialkräfte das unscheinbare Anwesen in einem noch unscheinbareren Wohngebiet der kleinen Gemeinde Berngau im Landkreis Neumarkt in der Oberpfalz gestürmt und einen 60-jährigen Mann überwältigt, der mutmaßlich zwei Menschen auf dem Gewissen hat. Der Mann erlitt bei der Festnahme leichte Schussverletzungen an den Beinen.

Das Drama hatte etwa zwölf Stunden vorher mit einer Routinekontrolle begonnen. Zwei Mitarbeiter des Landratsamts Neumarkt, ein 45-jähriger Mann und eine 54 Jahre alte Frau, wollten „eine männliche Person“ überprüfen, so die Polizei. „Im weiteren Verlauf kam es zu den Schüssen.“ Unbestätigten Informationen zufolge wollten die Behördenmitarbeiter dem Mann die Waffen nicht wegnehmen, sondern lediglich überprüfen, ob er sie ordnungsgemäß aufbewahrt. Einem Bericht der Bild zufolge soll es sich um einen Sportschützen handeln, der vorher polizeilich nicht in Erscheinung getreten war. Er besaß demnach insgesamt zehn auf ihn registrierte Schusswaffen.

Waffen? Nein, davon habe sie nichts gewusst, sagt Silke, eine Nachbarin, die ihren Nachnamen lieber nicht sagen möchte. Sie wohnt zwei Häuser weiter, den mutmaßlichen Täter kenne sie trotzdem nur flüchtig. Er sei im Ort „nicht integriert“ gewesen, habe sich sehr „zurückgezogen, er hat nicht gegrüßt“. Natürlich habe sie ihm nicht zugetraut, dass er auf Menschen schießen könnte, „aber er war seltsam“.

Auch Bürgermeister Tobias Meier (CSU) ist am Morgen noch einmal zum Tatort gekommen. Und auch er sagt über den 60-Jährigen: „Ich glaube, er ist für sich allein gewesen.“ Ihm und anderen Menschen im Ort sei nicht bekannt, dass er hier in einem Verein oder sonst irgendwo engagiert gewesen ist.

Wie das Landratsamt Neumarkt am Freitagvormittag mitteilte, handelte es sich um eine routinemäßige Waffenkontrolle, wie sie turnusgemäß und ohne Voranmeldung bei allen Inhabern von Waffenbesitzkarten vorgenommen würden. Und zwar ohne vorherige Abstimmung mit der Polizei, so es keinen konkreten Gefährdungsverdacht gibt. Einen solchen habe es im Berngauer Fall nicht gegeben.

In Bayern finden Waffenkontrollen als „verdachtsunabhängige Aufbewahrungskontrollen“ statt. Zuständig dafür sind die jeweiligen Kreisverwaltungsbehörden, also die Landratsämter oder kreisfreien Städte, deren Mitarbeiter die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben zur sicheren Lagerung von Waffen und Munition überprüfen.

Die rechtliche Grundlage für Kontrollen ist in Paragraf 36 Absatz 3 des Waffengesetzes (WaffG) verankert. Dabei wird zwischen zwei Arten von Kontrollen unterschieden: Unangekündigte, verdachtsunabhängige Kontrollen und anlassbezogene Kontrollen.

Letztere, so gibt es das Gesetz vor, finden statt, sobald es einen konkreten Verdacht oder Anlass gibt. Dazu gehören zum Beispiel Hinweise auf eine unsachgemäße Lagerung, Nachbarschaftsstreitigkeiten, Scheidungen mit Bedrohungsszenarien oder nach dem Umzug in einen neuen Landkreis.

Die Routinekontrolle eskalierte, es kam zu „schussähnlichen Geräuschen“, wie die Polizei zunächst mitteilte, die von mehreren Anwohnern alarmiert worden war. In der Folge rückte ein Großaufgebot an Einsatzkräften in Berngau an und sperrte den Ortskern der 2600 Einwohner zählenden Gemeinde ab. Mehrere Hubschrauber kreisten, Drohnen stiegen auf, auch ein gepanzertes Fahrzeug kam zum Einsatz. Am Sportgelände des FSV Berngau bezogen Rettungskräfte Station. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, die Häuser nicht mehr zu verlassen; das öffentliche Leben kam weitgehend zum Erliegen, abendliche Veranstaltungen wurden abgesagt.

Der eigentliche Einsatz konzentrierte sich auf das Haus mit der weiß gekachelten Fassade und dem augenscheinlich erst vor Kurzem neu eingedeckten Dach. Vor dem Gebäude bargen die Beamten die Leiche des männlichen Behördenmitarbeiters, der durch Schussverletzungen ums Leben gekommen war. Seine Kollegin wurde noch in dem Haus vermutet, in dem sich der mutmaßliche Täter verschanzt hatte.

Er meldete sich „telefonisch bei der Einsatzzentrale des Polizeipräsidiums Oberpfalz“, so ein Sprecher. In den folgenden Stunden gelang es den Beamten, direkten Kontakt mit ihm aufzubauen. „Wir sind im Gespräch“, sagte ein Polizeisprecher am Abend. Dabei soll der 60-Jährige die Schüsse auf die Mitarbeiter des Landratsamts gestanden haben. Zudem soll er gesagt haben, er halte sich in seiner Wohnung auf, verfüge über Schusswaffen und werde sich nicht widerstandslos ergeben.

Gegen 23 Uhr gelang es der Polizei, die Leiche der Frau aus dem Wohnhaus zu bergen. „Die Auffindesituation spricht dafür, dass die Frau bereits im Zuge der zu Einsatzbeginn gemeldeten Schussabgaben tödlich verletzt wurde“, sagte ein Polizeisprecher. Zur erhofften gewaltfreien Lösung kam es nicht. „In den frühen Morgenstunden erfolgte gegen 2.20 Uhr ein schlagartiges Eindringen von Polizeikräften. Hierbei konnte der mutmaßliche Schütze überwältigt und festgenommen werden“, teilte das Polizeipräsidium Oberpfalz am frühen Freitagmorgen mit. Der leicht verletzte mutmaßliche Täter wurde in ein Krankenhaus gebracht, sein Tatmotiv ist noch unklar.

Das Landratsamt in Neumarkt blieb am Freitag „wegen der schrecklichen Ereignisse in Berngau“ für den Besucherverkehr geschlossen. „Wir im Landratsamt sind alle tief betroffen und unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei der Familie und Angehörigen unseres Kollegen“, erklärte Landrat Martin Meier und sprach den Angehörigen der beiden Toten sein Mitgefühl aus. Passanten legten am Eingang der Behörde Blumen ab, um ihr Mitgefühl auszudrücken. Kindergarten und Schule in Berngau nahmen am Freitag regulär ihren Betrieb auf; auch über ihre Schließung wurde kurzzeitig nachgedacht.

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