Am frühen Morgen des 3. Januar entführten die USA den venezolanischen Machthaber Nicolás Maduro. Rund 150 Helikopter und Flugzeuge hatten die Hauptstadt Caracas beschossen, während Eliteeinheiten den Militärkomplex Fuerte Tiuna stürmten, Maduro überwältigten und mit seiner Frau Cilia Flores ins New Yorker Metropolitan Detention Center flogen. Dort warten die beiden seitdem darauf, dass ihr Prozess beginnt. Die amerikanischen Behörden werfen ihnen Drogenhandel und Terrorismus vor. (Lesen Sie hier und hier mehr zu den Vorwürfen.)
Auch Nicolás Maduro Guerra, 35, Maduros einziger Sohn, ist Teil der Anklage. Nicolasito, wie ihn die Venezolaner rufen, wurde lange Zeit als »príncipe« gehandelt, als Thronfolger eines Vaters, der sich zuletzt vor allem durch gefälschte Wahlen und ein repressives Vorgehen gegen Oppositionelle an der Macht gehalten hat. In einer Zeit, in der Millionen Menschen vor der Armut im ölreichsten Land der Erde flohen, bereitete sich Maduro Guerra als Abgeordneter auf seine zukünftige Rolle vor. Jetzt sieht es so aus, als müsste er umdenken.
Um seinen Vater zu verteidigen, ist er jetzt bereit, mit einem westlichen Medium zu sprechen. Wie begegnet man einem Vertreter dieses Regimes, das sich in den vergangenen Jahren komplett abgeschottet hat? Welche Fragen kann man stellen, ohne in diesem Land mit seinem berüchtigten Geheimdienst die eigene Sicherheit zu gefährden?
Maduro Guerra empfängt in Caracas im achten Stock eines Büroturms, auf dessen Fluren finster dreinschauende Sicherheitsmänner stehen. Der Blick durchs Fenster geht auf den Militärflughafen La Carlota, wo am 3. Januar die amerikanischen Bomben einschlugen. Davor steht eine Ledercouch. Maduro Guerra, der nicht so groß ist wie sein Vater, aber von ähnlich kräftiger Statur, lächelt, als er fragt: Wollen Sie sich zu mir setzen, oder haben Sie's lieber formell? Auf dem Sofa, ohne Abstand, beginnt also dieser beidseitige Annäherungsversuch.
SPIEGEL: Señor Maduro, wie geht es Ihnen?
Maduro: Die automatische Antwort wäre: gut. Aber in Wahrheit trage ich viel mit mir herum. Ich bemühe mich, gelassen zu bleiben, meiner Verantwortung gerecht zu werden und weiter für den Chavismo und unsere Revolution zu kämpfen, aber es fällt mir nicht so leicht.
