New York, Hongkong und, wenn man wenig bescheiden sein möchte, Frankfurt am Main: Städte wie diese beeindrucken mit ihren Skylines, mit Hochhäusern also, die ein modernes Stadtbild zeichnen. Bislang galten Bauten mit vielen Stockwerken als Erfindung der Neuzeit. Erst Beton und Stahl, so die bisherige Annahme, ermöglichten den Bau mehrstöckiger Häuser.
Doch eine neue Untersuchung stellt das infrage. Martin Drieschner von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg und Mike Schnelle vom Deutschen Archäologischen Institut analysierten einen monumentalen Palastbau in Yeha, im Norden Äthiopiens. Laut der Analyse könnte dieser eines der ersten Hochhäuser der Welt gewesen sein.
Der Palast Grat Be’al Gibri wurde um 800 vor Christus erbaut, brannte jedoch in der Antike ab und wurde größtenteils zerstört. Erhalten blieben lediglich ein großer Teil des Erdgeschosses und das Fundament. Die Grundmauern und eine Grundfläche von 60 mal 60 Metern geben Hinweise darauf, wie riesig der Palast einst gewesen sein muss. »Dies ist das größte bekannte palastartige Bauwerk aus dem frühen ersten Jahrtausend v. Chr. in Südarabien und Ostafrika«, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie in der Fachzeitschrift »Heritage« .
Laut statischen Modellen bis zu 19 Stockwerke möglich
Die Untersuchung liefert Hinweise darauf, dass der Palast einst mehrere Stockwerke umfasste. Davon zeugen die Überreste einer nach oben führenden Treppe, dicke Innenwände und rund zehn Meter hohe Säulen im Eingangsbereich der Fassade. Die Befunde sprechen dafür, dass das Gebäude mindestens drei Stockwerke umfasste. Noch entscheidender ist den Forschenden zufolge jedoch die Bauweise der Wände.
Demnach wurden dafür Holzbalken verwendet, die abwechselnd längs und quer lagen – und so ein Gerüst im Mauerwerk bildeten. Eine Bauweise, die Gebäuden eine hohe Stabilität verleiht und bis heute genutzt wird.
Um die Tragfähigkeit zu prüfen, rekonstruierten die Forscher Teile des Palasts virtuell und testeten sie mit statischen Modellen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Konstruktion 19 Stockwerke hätte tragen können.
Zuvor hatten Funde in Südarabien bereits Zweifel geweckt an der These, dass Hochhäuser eine vergleichsweise junge Erfindung sind: Forschende entdeckten dort mehr als tausend Jahre alte Felsmalereien und Wandgemälde, die Bauwerke mit mehr als neun Stockwerken zeigen. Zudem erwähnt ein Chronist des 10. Jahrhunderts einen Palast in Sanaa, der bis zu 20 Etagen gehabt haben soll.
Ob die einstigen Baumeister des noch mal deutlich älteren Grat Be’al Gibri im heutigen Äthiopien das Potenzial von bis zu 19 Stockwerken ausschöpften, ist unbekannt. Die aktuellen Befunde legen jedoch nahe, dass Menschen in Nordostafrika schon vor mehr als 2800 Jahren hohe Gebäude errichten konnten. »Auch wenn nicht sicher ist, ob die alten Baumeister das statische Potenzial ihrer Mauerkonstruktion bis an die Grenzen ausschöpften, waren sie in der Lage, hocheffiziente Bauwerke zu entwickeln und beeindruckende Architektur zu schaffen«, schreiben Drieschner und Schnelle.

