Am 20. Juli 1944 verübte Claus Schenk Graf von Stauffenberg im »Führerhauptquartier Wolfsschanze« das Attentat auf den Diktator Adolf Hitler. Vorvergangene Woche wurde der Jahrestag im Berliner Bendlerblock begangen.
Experten vermuten, dass das Scheitern des Anschlags auch auf die baulichen Gegebenheiten der Baracke zurückzuführen war, in der Hitler mit seinen Leuten tagte. Der »Lageraum« hatte nicht so dicke Wände wie andere Bunker, unter dem Holzfußboden gab es einen Hohlraum, im Hochsommer waren die fünf Fenster weit aufgerissen. Boden und Wände gaben der Detonation wohl nach, diese konnte nicht ihre volle Wucht entfalten.
Jetzt legt ein Aktenfund nahe, dass Hitler wegen eines Staatsbesuchs gar nicht in der Wolfsschanze hätte sein sollen. Dementsprechend hätte auch die Besprechung mit Stauffenberg woanders stattgefunden.
Salon im Schloss
Als eigentlicher Ort für die Lagebesprechung war womöglich ursprünglich ein Salon im Schloss Kleßheim bei Salzburg vorgesehen. In dem damaligen Gästehaus der Reichsregierung empfing Hitler regelmäßig verbündete Regierungschefs zu Staatsbesuchen, wenn er auf dem Obersalzberg weilte.
Hotelier Erwin Gutwinski
»Im gemauerten Raum wäre das Attentat geglückt« – das zumindest behauptete der österreichische Hotelier Erwin Gutwinski 1984 in einem bislang unveröffentlichten Bericht, der dem SPIEGEL vorliegt. Gefunden hat ihn der US-amerikanische Forscher Rolf Windbiel im Salzburger Landesarchiv. Zuvor befand sich das Dokument wohl im Besitz des österreichischen Historikers Ernst Hanisch.
Hotelier Gutwinski war von 1939 bis 1947 Direktor des Salzburger Hotels Österreichischer Hof, des heutigen Hotels Sacher. Er war zuständig für die Vorbereitung von Hitlers Staatsempfängen, lieferte Lebensmittel, stellte Kellner und Zimmermädchen.
Mehrere Anschlagspläne
Bei einem Berlinbesuch Mitte Juli 1944 sei er vom Chef der Präsidialkanzlei, Otto Meißner, in die Reichskanzlei bestellt worden, so Gutwinski. »Herr Minister Meißner teilte mir mit, dass sofort die Vorbereitungen für einen Staatsbesuch in Kleßheim getroffen werden müssen und deutete mir an, dass Mussolini erwartet werde.« Hitler hatte den italienischen »Duce« schon zuvor mehrfach auf Schloss Kleßheim empfangen, zuletzt im April 1944.
»Ich sollte gleich in der Reichskanzlei verbleiben und Anweisungen nach Salzburg telefonisch durchgeben«, berichtete Gutwinski rückblickend. »Das Büro Meißner werde abends nach Salzburg fliegen, und ich sollte gleich mitfliegen.« Am folgenden Tag habe Gutwinski die Nachricht bekommen, dass der Termin noch nicht klar sei. »Schließlich wurde der Besuch am nächsten Tag für Salzburg abgesagt.«
Die Aussagen des Hoteliers lassen sich rückblickend nicht verifizieren. Sicher ist, dass es bereits vor dem 20. Juli 1944 auch für Schloss Kleßheim Anschlagspläne der Widerstandskreise um Stauffenberg gegeben hatte. Etwa am 7. Juli, als dem »Führer« dort neue Wehrmachtsuniformen vorgeführt wurden. Doch der als Attentäter vorgesehene Chef der Organisationsabteilung im Heeresgeneralstab, Helmuth Stieff, zündete die Bombe nicht.
Hitler blieb nahezu unversehrt
Als gesichert gilt außerdem, dass Hitler am 14. Juli 1944 vom Obersalzberg, wo er sich seit Februar aufgehalten hatte, mit seiner Entourage nach Ostpreußen in die Wolfsschanze flog. Die militärische Lage war verheerend, gut einen Monat zuvor waren die Alliierten in der Normandie gelandet. Im Osten stand die Rote Armee an der deutschen Grenze. Stauffenberg plante bereits für den 15. Juli ein Attentat, brach es jedoch aus unbekannten Gründen ab.
Den Anschlag fünf Tage später überlebte Hitler nahezu unversehrt. Das dürfte nicht nur an der vergleichsweise leicht befestigten Bauweise der Baracke gelegen haben, sondern auch an dem massiven Eichentisch und dessen Sockel im »Lageraum«. Die Aktentasche Stauffenbergs, der bei dem Treffen über die Personalersatzlage des Heeres berichten sollte, hatte sich unter dem Tisch befunden.
Das Treffen mit dem Faschistenführer Mussolini fand später am Tag in der Wolfsschanze statt. Hitler sagte zu ihm: »Ich bin auf wunderbare Weise dem Tod entronnen. Die Vorsehung hat mich ausersehen.« Wäre das Attentat geglückt, hätte dies bis zur deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 Millionen Menschen das Leben gerettet, unter ihnen Hunderttausende KZ-Häftlinge in Auschwitz und anderswo.
Katastrophale militärische Lage
Wie wahrscheinlich ist es, dass Hotelier Gutwinski mit seinem 1984 niedergeschriebenen Ablauf der Ereignisse recht hatte? »Ob für den Mussolini-Besuch am 20. Juli ursprünglich Kleßheim vorgesehen war, dafür habe ich keinen Beleg finden können«, sagt der Historiker Johannes Tuchel, ein Experte für den deutschen Widerstand gegen das NS-Regime und das Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944.
Angesichts der katastrophalen militärischen Situation an der Ostfront hält Tuchel es »eher für unwahrscheinlich, dass Hitler einen Termin in Kleßheim hätte wahrnehmen wollen«. Zudem wäre womöglich Stauffenbergs Anwesenheit bei einer Lagebesprechung in Schloss Kleßheim gar nicht vonnöten gewesen. Es sei nicht sicher, dass die Personalersatzlage des Heeres dort thematisiert worden wäre.
Gleichzeitig schließt Tuchel aufgrund der Quellenlage aber nicht aus, »dass es zumindest Planungen für einen Besuch von Mussolini in Kleßheim gab«. Wenn die Lagebesprechung dort am 20. Juli 1944 tatsächlich in Anwesenheit Stauffenbergs stattgefunden hätte, »dann wäre ein Anschlag möglich gewesen«, so Tuchel.


