Wie viele Menschen lebten in Australien vor der Kolonisierung? Laut einer neuen Studie war die indigene Bevölkerung Australiens vor der europäischen Kolonisierung offenbar deutlich größer als bislang angenommen. Demnach lebten 1788 im heutigen Australien rund 2,22 Millionen Aborigines und Torres-Strait-Insulaner (indigene Bewohner der Inseln vor der Nordküste). 1861 – nur rund 70 Jahre später – waren demnach 93 Prozent dieser Bevölkerung durch die Folgen der Kolonisierung verschwunden. Frühere Schätzungen gingen von 250.000 bis zu einer Million Menschen vor der Ankunft der Europäer aus.
Die Studie eines Forschungsteams verschiedener australischer Universitäten wurde im Fachjournal »Nature Human Behaviour« veröffentlicht . Die Wissenschaftler werteten ethnografische Beobachtungen sowie archäologische und genetische Rekonstruktionen aus und kombinierten diese mit Computermodellen, um zu ermitteln, wie viele Menschen der Kontinent damals ernähren konnte.
Das Team errechnete so eine mittlere Vorkolonialbevölkerung von etwa 2,22 Millionen Menschen beziehungsweise 0,29 Menschen pro Quadratkilometer. Damit liegt die neue Schätzung viel höher als frühere Angaben.
Large estimated size of the Australian Indigenous population before its extensive decline following colonial invasion https://t.co/MGXKwqRHE7 pic.twitter.com/f5XSQvps2A
— Nature Human Behaviour (@NatureHumBehav) September 15, 2026
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Schätzungen gingen lange auf den Anthropologen Alfred Radcliffe-Brown zurück, der in den Dreißigerjahren die Zahl der Indigenen vor der Kolonialisierung auf mindestens 250.000 Menschen bezifferte. Die Forschenden halten diese Zahl für deutlich zu niedrig, weil ihren Untersuchungen zufolge die Bevölkerung bereits stark dezimiert war, bevor genauere Zählungen begannen. Radcliffe-Brown war sich laut der aktuellen Studie dessen bewusst und habe selbst darauf hingewiesen, dass seine Schätzungen höchstwahrscheinlich zu niedrig gewesen seien. Dennoch hätten sich viele Forschende später darauf berufen.
Nach dem neuen Modell war die indigene Bevölkerung bis 1861 auf rund 155.000 Menschen geschrumpft – etwa sieben Prozent der für 1788 geschätzten Zahl. Gründe für den dramatischen Rückgang waren nach Angaben der Forscher vorwiegend Krankheiten und Gewalt durch die Siedler, aber auch Vertreibung und die damit verbundenen Veränderungen der Lebensweise. Die Indigenen hatten seit jeher eine sehr tiefe Verwurzelung mit dem Land, auf dem sie lebten, auch spirituell. Nun fielen Wanderrouten und Jagdgründe weg, was teilweise zu Hungernöten führte.
Der Sender ABC berichtet zudem von Massakern als einem weiteren wichtigen Faktor. »Die Dezimierung der indigenen Bevölkerung um 93 Prozent innerhalb von 70 Jahren kann nur als verheerend interpretiert werden«, zitierte die ABC den Co-Autor Corey Bradshaw von der Flinders University. Die indigene Professorin Larissa Behrendt von der University of Technology Sydney sprach von einer »demografischen Katastrophe im Herzen der australischen Geschichte«.
Seit den Fünfzigerjahren wächst die indigene Bevölkerung Australiens wieder. Einem Zensus zufolge lag sie 2021 bei etwa 813.000. Damit erreichte sie rund 37 Prozent der nun geschätzten Bevölkerungszahl der vorkolonialen Zeit. Wenn das Wachstum anhält, könnte sie nach Berechnungen der Forscher um das Jahr 2047 wieder das damalige Niveau erreichen.
Die Untersuchung soll nach Angaben der Forscher auch zum Verständnis der Folgen der Kolonisierung, von generationenübergreifenden Traumata und zur weiteren Aufarbeitung der australischen Geschichte beitragen. Denn die Ereignisse seit der Ankunft der ersten Siedler prägen das Leben der indigenen Bevölkerung bis heute.
Mit der Ankunft der britischen »First Fleet« (Erste Flotte) in Sydney Cove 1788 begann für die von der Kolonialmacht als Aborigines bezeichnete Urbevölkerung in Australien eine Zeit der Unterdrückung und Diskriminierung. Indigene wurden vertrieben und getötet – oder starben an aus Europa eingeschleppten Krankheiten. In der 1901 verabschiedeten Verfassung wurden sie nicht einmal erwähnt.
Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden zudem indigene Kinder ihren Familien entrissen, um in christlichen Einrichtungen oder bei weißen Familien »umerzogen« zu werden. Die Opfer werden als »Stolen Generations« bezeichnet. Nach Angaben des Australischen Instituts für Gesundheit und Wohlfahrt (AIHW) leiden viele indigene Australier heute vor allem unter den Folgen von Armut, sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung. Auch gesundheitliche Probleme sowie Alkoholkonsum sind verbreitet.
