SpOn 11.03.2026
12:53 Uhr

Champions League: Der FC Bayern München und die verdächtigen Gelben Karten von Bergamo


War das etwa Absicht? Beim Stand von 6:0 gegen Atalanta kassierten zwei vorbelastete Bayern-Profis Gelb. Damit fehlen sie im wohl bedeutungslosen Rückspiel. Vorsatz wurde anschließend geleugnet. Aus gutem Grund.

Champions League: Der FC Bayern München und die verdächtigen Gelben Karten von Bergamo

Alles, was man über das Spiel des FC Bayern München bei Atalanta bis zu diesem Moment wissen musste, zeigte sich bei einem schnöden Eckball in der 77. Minute. Er führte zu keinem Tor. Aber an ihm zeigte sich die fast schon absurde Überlegenheit der Bayern in Bergamo.

Jene Ecke sollte Michael Olise treten. Er trottete zur Ausführung, vorbei an einem extra für Ecken bereitliegenden Ball, als wäre dieser unsichtbar. Olises Ziel befand sich einige Meter hinter der Eckfahne, dort lag ein zweiter Ball bereit. Olise nahm ihn auf, schlich zurück in Richtung Spielfeld. Schon da schaute ihn der Schiedsrichterassistent finster an, er hatte Olise durchschaut.

Als sich der Münchner den Ball dann zwar hinlegte, aber derart ausgiebig die Stutzen richtete, als wollte er nie wieder aufhören, hatte der Unparteiische genug. 35 Sekunden lang hatte er Olise zugesehen, nun zückte er die Gelbe Karte wegen Spielverzögerung.

Michael Olise war am Ziel.

Man wird es ihm nicht nachweisen können, aber höchstwahrscheinlich wollte er diese Verwarnung provozieren. Diese Gelbe war Olises dritte im Wettbewerb. Beim Rückspiel in München am kommenden Mittwoch fehlt er daher gesperrt. Und dieses Rückspiel ist nach dem 6:1-Sieg in Bergamo sportlich ungefähr so packend wie der Schlussspurt im Bundesliga-Titelkampf. Auch da liegen die Bayern so gut wie uneinholbar vorn.

»Ärgerlich!«

Während Dayot Upamecano trotz eines zaghaften Trikotzupfversuchs eine Sperre verpasste, kassierte wenig später auch Joshua Kimmich die Gelbe Karte. Wie Olise war auch er vorbelastet in diese Partie gegangen; er ließ sich ebenfalls Zeit, als er einen Standard ausführen sollte, diesmal war es ein Freistoß in der eigenen Hälfte. Und natürlich wusste auch er, dass eine Sperre im Rückspiel gegen Atalanta weniger schmerzhaft ist als im dann folgenden Viertelfinale. Dort träfen die Bayern auf Real Madrid oder Manchester City.

Also, Herr Kimmich, geben Sie’s zu: Das war Absicht, oder?

»Generell bin ich schon einer, der jedes Spiel machen möchte«, sagte Kimmich in der Mixed Zone von Bergamo. Er habe nicht ins gegnerische Pressing reinspielen wollen, daher sein Zögern. Unnötiges Zeitspiel sei das gewesen, das schon, aber nichts Strafbares. Kimmich, 31, schaute sehr ernsthaft, als er all dies sagte. Und als er zuvor im TV über seine Verwarnung sprach, nannte er diese sogar »ärgerlich«.

Kimmich hätte auch zwinkernd erklären können, dass er schon schmerzhaftere Sperren kassiert hatte. Aber schlau wäre das nicht gewesen, es wäre sogar gefährlich. Denn Fußballverbände wie die europäische Uefa neigen dazu, vorsätzliche Gelbe Karten hart zu bestrafen.

Sergio Ramos (hinten) gegen Ajax Amsterdam: Fatale Gelbe Karte

Sergio Ramos (hinten) gegen Ajax Amsterdam: Fatale Gelbe Karte

Foto: Peter Dejong/ AP

Da ist zum Beispiel der Fall Sergio Ramos. 2019 provozierte der damalige Kapitän von Real Madrid bei einem 2:1-Erfolg bei Ajax Amsterdam eine Gelbe Karte, die ihn im Achtelfinalrückspiel in der Champions League aussetzen ließ.

»Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte sie nicht provoziert«, sagte Ramos anschließend, und dass er eine »komplizierte Entscheidung« getroffen habe. Stilecht hatte sich Ramos diese Karte nicht durch Zeitspiel eingehandelt, sondern durch ein Foul am Amsterdamer Stürmer Kasper Dolberg. Das war in der 89. Minute gewesen, zwei Minuten nach dem Treffer zum 2:1 für Real.

Problematisch war an der Gelben Karte nicht die Sperre, sondern das öffentliche Einräumen seiner Absichten. Nur so konnte ihm die Uefa eine intendierte Gelbsperre nachweisen und ihn bestrafen. Ramos musste nun zwei Partien aussetzen, das Rückspiel sowie das dann folgende Viertelfinalhinspiel. Dazu kam es nicht. Das Rückspiel in Madrid bestritt Real ohne Ramos und verlor 1:4. Möglicherweise hing beides miteinander zusammen.

Zlatko Junuzović (vorne) und Clemens Fritz (r)

Zlatko Junuzović (vorne) und Clemens Fritz (r)

Foto: RALPH ORLOWSKI/ REUTERS

Ähnlich erging es 2016 auch zwei Bundesligaprofis von Werder Bremen. Damals wollten die vorbelasteten Zlatko Junuzović und Clemens Fritz lieber im Spiel gegen den FC Bayern fehlen als gegen ein Team, gegen das sich die Bremer Chancen ausrechneten. »Um ehrlich zu sein: Es gibt sicherlich schlechtere Spiele, als gegen Bayern auszufallen«, hatte Fritz damals gesagt. Diese Offenheit brachte den DFB in eine Bredouille. Einerseits wollte er Ehrlichkeit nicht bestrafen, andererseits wertete er den Gelbtrick als unsportliches Verhalten.

Der DFB verhängte Geldstrafen und verzichtete auf weitere Maßnahmen, warnte aber Nachahmer, dass sie mit Sperren zu rechnen hätten.

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Kimmich und Olise haben eine Absicht dementiert oder zumindest nicht zugegeben. Und damit dürften sie einer Uefa-Untersuchung entgehen. Die Fälle von Junuzović und Fritz sowie Olise und Kimmich haben trotzdem eines gemein: Anlass der Gelben Karten war wohl jeweils die extreme Überlegenheit des FC Bayern München.