SpOn 18.09.2026
12:14 Uhr

EU und Kanada: So kommentieren europäische Medien den Schulterschluss


Kanada als Partner der EU jenseits des Ozeans? Von der Leyen und Carney skizzieren eine historische Annäherung. Medien sind sich über den Ursprung der Idee einig – und skeptisch bei ihrer Umsetzung. Pressestimmen aus Europa.

EU und Kanada: So kommentieren europäische Medien den Schulterschluss

Kanada soll nach den Vorstellungen von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ein »assoziiertes Mitglied« der Europäischen Union werden. Der kanadische Premierminister Mark Carney pflichtete dem Vorschlag einer EU-Sondermitgliedschaft für sein Land bei. »Wir begrüßen diesen Vorstoß«, sagte der liberale Politiker in seiner Rede vor dem Europäischen Parlament.

Medien in Europa zeigen sich offen für die Idee, auch wenn sie deren konkrete Umsetzung noch skeptisch beäugen. Einig sind sie sich in dem, was den Schulterschluss zwischen der EU und Kanada maßgeblich vorangetrieben hat: die Politik von US-Präsident Donald Trump.

»La Vanguardia«, Barcelona: Trump treibt Kanada in die Arme Europas

»Am 29. November 2024, wenige Tage nach seinem Wahlsieg, lud Donald Trump den damaligen kanadischen Premierminister Justin Trudeau in eines seiner Hotels in Florida ein. […] Trump schlug vor, Kanada könne der 51. Bundesstaat der Union werden […]. Die kanadische Delegation nahm dies zunächst als Scherz auf, bis sie Trumps wahre Absichten in Bezug auf seine Steuerpolitik erkannte. Die Vereinigten Staaten verhängten schließlich Zölle von bis zu 50 Prozent auf eine breite Palette kanadischer Produkte.

Trudeaus Nachfolger Mark Carney ließ sich davon jedoch keineswegs einschüchtern, sondern führte seinerseits Zölle in gleicher Höhe auf Exporte aus den Vereinigten Staaten ein. Zudem äußerte er sich bei jeder Gelegenheit kritisch gegenüber Trumps Politik. […] Trump treibt Kanada in die Arme Europas.«

»Libération«, Paris: Carneys Mut könnte Europa mitreißen

»Der Albtraum Trump, der unser Leben seit fast zwei Jahren belastet, hat somit dazu geführt, dass ein Regierungschef in Erscheinung getreten ist, mit dem niemand gerechnet hatte und der plötzlich einen unerwarteten Hoffnungsschimmer in dieser Welt voller Raufbolde darstellt. […]

Mark Carney, der innerhalb weniger Monate zum beliebtesten Premierminister in der Geschichte Kanadas geworden ist, verkörpert den Mut, ›Nein‹ zu Donald Trump zu sagen. Er könnte Europa mitreißen […].«

»Politiken«, Kopenhagen: Kanada hat der EU viel zu bieten

»Die USA haben unter Trumps Führung nicht nur Handelskriege gegen langjährige Verbündete wie Kanada und die EU geführt, er hat beide auch territorial bedroht. Vor wenigen Tagen hat er in den sozialen Medien ein Bild geteilt, auf dem Kanada, Grönland und Island in ein riesiges USA eingegliedert waren.

In einer solchen Situation macht es für den Rest des Westens Sinn, enger zusammenzurücken. Wie Mark Carney in seiner Rede am Donnerstag in Straßburg betonte, hat Kanada der EU viel zu bieten und umgekehrt. Kanada verfügt über enorme natürliche Ressourcen, die EU ist der weltweit größte Markt. Wir teilen demokratische, liberale Werte und glauben an eine regelbasierte Weltordnung. Dass Trump bereits gegen diese Idee wettert, unterstreicht deren Bedeutung und Potenzial umso mehr.«

»La Stampa«, Turin: Mitgliedstatus ungeklärt

»Was den Rahmen betrifft, den Status eines ›assoziierten Mitglieds‹ der EU, beschränkte sich Carney darauf, die von von der Leyen geäußerte ›Ambition‹ zu begrüßen. Diese vorsichtige Haltung ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen: allen voran die Tatsache, dass ein solcher Status derzeit nicht existiert und in den europäischen Verträgen nicht vorgesehen ist.«

»Club Z«, Sofia: Visionäres Projekt der Demokratien

»Es ist ein Versuch, einen neuen globalen Block der Demokratien zu schaffen, in dem die EU das Zentrum bildet und Kanada der erste Partner jenseits des Ozeans ist. Doch der Weg ist lang: rechtlich, politisch und geopolitisch. Die Idee muss mit Inhalt gefüllt werden, den Weg durch die Institutionen nehmen und dem Druck aus Washington, London sowie den internen Schwankungen innerhalb der EU standhalten. Es handelt sich um ein visionäres Projekt. Aber visionäre Projekte beginnen immer so – mit einer Geste, die den Denkrahmen verändert.«

jmm