SpOn 16.10.2026
11:34 Uhr

Kanaren: Warum auf La Palma nun diese vier Riesenspiegel stehen


Mit Satelliten suchte das US-Militär einst nach Spuren verbotener Atomtests in der Atmosphäre. Stattdessen registrierten sie einen Gammablitz aus dem All. Vier Superspiegel sollen solche Phänomene jetzt untersuchen.

Kanaren: Warum auf La Palma nun diese vier Riesenspiegel stehen

Wer derzeit auf der kanarischen Insel La Palma urlaubt, hat sie womöglich bereits gesehen: vier riesige, aus zahlreichen Facetten bestehende Spiegel, die in den Himmel blicken. Auf dem Gipfelkamm des Roque de los Muchachos, in rund 2400 Meter Höhe, sollen sie künftig nach hochenergetischer Gammastrahlung aus fernen Galaxien suchen. Jetzt ist die »LST Subarray« genannte Anlage offiziell eingeweiht worden.

Ihre Fertigstellung sei »der Höhepunkt von mehr als 15 Jahren internationaler Zusammenarbeit und technologischer Innovation«, erklärte Masahiro Teshima vom Max-Planck-Institut für Physik. »Diese Teleskope werden es uns ermöglichen, einige der extremsten Umgebungen im Universum zu erforschen, darunter supermassereiche schwarze Löcher, Neutronensterne, die Ursprünge der kosmischen Strahlung und die Natur der Dunklen Materie.«

Fehlalarm enthüllt Strahlung aus dem Weltall

Doch warum genau stehen die Spiegel jetzt überhaupt dort? Zu verdanken ist das einem Zufallsfund – genauer gesagt einem Fehlalarm: Mit mehreren Satelliten suchte das amerikanische Militär in den Sechzigerjahren nach Spuren verbotener Atomtests in der Atmosphäre, die sich durch Gammastrahlen verraten würden. Am 2. Juli 1967 registrierten zwei der Satelliten einen starken Gammablitz. Doch die Daten passten nicht zu einer Atombombe: Die Strahlung kam, wie sich zeigte, nicht aus der Atmosphäre, sondern aus dem Weltall.

Observatorien auf dem Roque de los Muchachos

Observatorien auf dem Roque de los Muchachos

Foto: Christian Ditsch / IMAGO

Vom Erdboden aus ist die kosmische Gammastrahlung schwierig zu beobachten. Denn wenn Gammastrahlung auf die Moleküle der Atmosphäre trifft, löst sie bereits in 50 Kilometer Höhe einen gewaltigen Schauer aus elektrisch geladenen Teilchen aus. Diese Elektronen und Positronen sausen weiter nahezu ungebremst mit Lichtgeschwindigkeit durch die Lufthülle der Erde. Dadurch kommt es zu einem seltsamen Phänomen.

Während die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum des Weltalls rund 300.000 Kilometer pro Sekunde beträgt, ist sie in der Luft etwas geringer – auf Meereshöhe um etwa 90 Kilometer pro Sekunde. So bewegen sich die Elektronen und Positronen mit einer höheren Geschwindigkeit als das Licht durch die Atmosphäre. Das führt zu einer Art optischem »Überschallknall« , einem schwachen blauen Leuchten, benannt nach seinem Entdecker Pawel Tscherenkow. Dieses Tscherenkow-Licht versuchen die Astronomen mit ihren großen Spiegeln aufzufangen.

Nahaufnahme der Spiegel

Nahaufnahme der Spiegel

Foto: Christian Ditsch / IMAGO

Die Beobachtung mit mehreren Teleskopen aus unterschiedlichen Blickwinkeln macht es den Forschenden möglich, die Energie der ursprünglichen Gammastrahlung und die Richtung, aus der sie gekommen ist, genau zu bestimmen. So können die Wissenschaftler möglicherweise herausfinden, von welchen Objekten die Strahlung kommt und wie sie entstanden ist.

Ein Signal aus acht Milliarden Lichtjahren Entfernung

Die vier Gammateleskope auf La Palma sind jeweils 23 Meter groß und bestehen aus 198 identischen, sechseckigen Spiegelfacetten.

Als Test für das neuartige Baukonzept ging bereits 2018 das erste der Teleskope in Betrieb und erwies sich sofort als sehr erfolgreich. So stellte das Instrument mit dem Nachweis von Gammastrahlung aus einer acht Milliarden Lichtjahre entfernten Galaxie einen neuen Rekord auf. Die jetzt eingeweihte Anlage auf La Palma steht aber nicht allein da. Sie ist der erste Teil des Cherenkov Telescope Array Observatory CTAO, das bis 2030 mit insgesamt 64 Teleskopen zum weltweit größten und empfindlichsten bodengebundenen Observatorium für hochenergetische Gammastrahlung ausgebaut werden soll.

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Um den ganzen Himmel beobachten zu können, hat das CTAO neben La Palma einen zweiten Standort in der Atacama-Wüste in Chile. Von dort haben die Forscher auch einen Blick auf das Zentrum unserer Milchstraße, in dem es besonders viele Neutronensterne und schwarze Löcher gibt, die Gammastrahlen aussenden.

In wenigen Jahren könnten 100.000 Satelliten die Erde umkreisen. Astronomen fürchten schon jetzt, dass viele Himmelsbeobachtungen unmöglich werden, manche sehen gar »einen der letzten Orte unserer Identität« in Gefahr. Lesen Sie hier mehr: Wem gehört der Himmel? 

mkh/dpa