Ende Juli und Anfang August geht die Lage am Abend auf Weltreise: SPIEGEL-Korrespondentinnen und -Reporter berichten aus den Metropolen und entlegenen Ecken Asiens, Afrikas, Amerikas und Europas. Und natürlich bekommen Sie hier auch weiterhin Ihr Nachrichten-Briefing: News, Meinung, Stories – alles, was am Tag wirklich wichtig ist.
1. Chaos in Ceuta: Was löste den Grenzsturm auf die spanische Enklave aus?
Sánchez in Ceuta: Doppelstategie
Foto:Jorge Guerrero / AFP
Sie kraulen um die Kaimauer, andere laufen am Grenzzaun vorbei um den Felsen, dahinter weitere Tausende, die sich auf den Weg gemacht haben mit einem Ziel: Ceuta erreichen, die spanische Enklave in Nordafrika, 80.000 Menschen leben da, keine 20 Quadratkilometer groß.
Seit Tagen befindet sich die Enklave im Ausnahmezustand. Keiner weiß bisher genau, warum Tausende Marokkaner zugleich die Grenzen gestürmt haben. Der Andrang ist enorm, nach Angaben des spanischen Innenministeriums sind in den vergangenen Tagen, vor allem am Donnerstag, 50.000 Migranten auf irregulärem Weg nach Ceuta gelangt. Demnach seien 37.500 Menschen freiwillig nach Marokko zurückgekehrt.
Spanien ist alarmiert, sandte heute Militär nach Ceuta. Von einer humanitären und sozialen Krise ist die Rede, viele Migranten tragen kaum etwas am Leib. Mindestens 57 sind gestorben.
Mein Kollege Steffen Lüdke hatte gestern schon über mögliche Gründe für den Ansturm geschrieben. Einerseits über den Verdacht, Marokko könnte Spanien gezielt unter Druck setzen. In der spanischen Regierung glaubt man eher, dass ein Urteil des Obersten Gerichtshofs Spaniens vom 8. Juli das Chaos ausgelöst haben könnte. In dem erklärten die Richter die Praxis der »heißen Rückkehr« für illegal: Menschen, die schwimmend ankommen und damit keine Grenzanlagen überwinden, dürfen an der Grenze nicht mehr sofort zurückgewiesen werden. (Hier geht es zum Text. )
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni sowie mehrere andere Regierungschefs plädieren bereits dafür, Spanien aus dem Schengenraum auszuschließen – was allerdings schwerlich möglich wäre – oder zumindest die Grenzen entgegen dem Abkommen verstärkt zu kontrollieren.
Mein Kollege Steffen nennt das unangebracht und wohlfeil. »In Spanien betrachtet man die Vorgänge als Angriff auf die territoriale Integrität des Landes«, schrieb mir Steffen vorhin. »Wenn nun auch EU-Partner mit Schengenausschluss drohen, statt sich solidarisch zu zeigen und den Druck auf Marokko zu erhöhen, wird man das in Madrid und auch in Ceuta nicht so schnell vergessen.«
Lesen Sie hier mehr: Wie Sánchez sein Ceuta-Problem lösen will
2. Fifa-WM-Plan vor dem Aus: Was heißt das Scheitern für Infantino?
Fifa-Präsident Gianni Infantino: Der Weltverband will an seinem geplanten Investorenmodell festhalten – wie lange noch?
Foto: Darryl Dyck / APSeit heute ist klar: Auch aus Asien gibt es Widerstand gegen die Investorenpläne des Fifa-Präsidenten Gianni Infantino. Nach der Uefa und der nord-, zentralamerikanischen und karibischen Fußballkonföderation Concacaf hat am Freitag auch die asiatische Fußballkonföderation AFC Infantinos Ideen eine Absage erteilt.
Man sei der Ansicht, dass die vorgeschlagene Fifa-Reform »realistisch gesehen nicht den notwendigen breiten Konsens und die Einheit erreichen kann, die erforderlich sind, um voranzukommen«, erklärte die AFC in einer Stellungnahme.
Falls Sie, so wie ich, nicht ganz so oft die Nachrichten der Fifa verfolgen – Infantino plante Folgendes: In einer Tochtergesellschaft namens Fifa Forward Enterprise, kurz FFE, sollten künftig die Vermarktungsrechte und die Ausrichtung der Turniere des Weltverbandes gebündelt werden. 20 Prozent der Anteile sollen an private Investoren gehen.
Im Streit über den Investorenplan trat heute außerdem der ranghohe Fifa-Berater Carlos Cordeiro, eigentlich enger Vertrauter Infantinos, aus Protest zurück. Er könne »nicht tatenlos zusehen, wie die Fifa den Verkauf einer Beteiligung an der Weltmeisterschaft in Erwägung zieht«, schrieb er.
Mein Kollege Marco Fuchs aus dem Sport-Ressort erklärte mir vorhin: »Eine so offene Opposition gegen Infantino von Europa bis Asien hat es bislang nicht gegeben.« Der 56-jährige Infantino, so Marco, durchlebe die schwierigste Phase seiner Präsidentschaft – Ausgang offen. »Selbst ein Sturz erscheint plötzlich denkbar.«
Allerdings: Am Ende ist der Plan erst, wenn er zurückgezogen wird. Das ist bisher noch nicht passiert. Ein paar Winkelzüge traut Kollege Marco Infantino immer noch zu.
Lesen Sie hier mehr: Wackelt Infantino jetzt?
3. Warum starb das chinesische Mädchen Mei?
Das Xinhua-Krankenhaus in Shanghai: Vom Erfolg im Tiermodell bis zur klinischen Anwendung im Menschen noch ein weiter Weg
Foto: CFOTO / Barcroft Media / Getty ImagesChinas Genforschung wird aktuell von einem Skandal erschüttert. Im März 2025 war in Shanghai ein sechsjähriges Mädchen, dem die Eltern das Pseudonym Mei gaben, im Zuge einer experimentellen Gentherapie gestorben. Den Eltern war aufgefallen, dass das Mädchen sich langsamer entwickelte als Altersgenossen. Ein DNA-Test ergab, dass Mei am Snijders-Blok-Campeau-Syndrom litt, einem extrem seltenen Gendefekt.
Meine Kollegen Johann Grolle und Bernhard Zand haben sich mit dem Fall befasst. Übersteigerter Fortschrittsglaube und eine laxe chinesische Wissenschaftsaufsicht, schreiben sie, hätten zu dem tragischen Tod des Mädchens geführt.
An Mei wurde ein sogenanntes Base-Editing durchgeführt. Dabei wird punktgenau ein einzelner schadhafter Baustein des Erbmoleküls DNA durch einen anderen ausgetauscht. Doch die Therapie funktionierte nicht. Die Eltern, die umgerechnet 750.000 Euro für die Behandlung ausgegeben hatten, wussten nicht, wie groß das Risiko war. Im Nachgang wurde Meis Tod vertuscht.
»Der Fall erschüttert so viele Menschen in China, weil hier an einem Mädchen mit einer vergleichsweise milden Behinderung ein lebensgefährliches Experiment durchgeführt wurde«, sagte mir mein Kollege Bernhard hier in Peking. »Die Eltern wurden nicht ausreichend über diese Gefahr informiert – und das Kind ist gestorben. Mit ihrem Ehrgeiz haben die Forscher erneut Zweifel an ihrer ethischen Reife geweckt. Das ist ein schwerer Rückschlag für das Ansehen der chinesischen Genforschung.«
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Warum starb das Mädchen Mei?
Was heute sonst noch wichtig ist
Starker Wind erschwert Löscharbeiten in Griechenland und der Türkei: In Spanien und Frankreich können Tausende Evakuierte nach Hause zurückkehren. Anders ist die Lage in Griechenland und der Türkei. Viele Einsatzkräfte sind völlig erschöpft.
Wadephul begrüßt Abkommen zwischen USA und Hamas: US-Präsident Trump will die Hamas »vollständig entwaffnen«, Deutschlands Außenminister Wadephul befindet diesen Plan für gut. Deutschland werde die Vereinbarung und die Menschen in Gaza unterstützen.
Nirmal Purja und weitere Bergsteiger am Broad Peak von Lawine erfasst: Nach einer Lawine an einem Achttausender in Pakistan sind mindestens vier Personen tot. Die Suche nach sechs Bergsteigern geht weiter. Der bekannte Extremsportler Nirmal Purja soll die Expedition geleitet haben.
Meine Lieblingsgeschichte heute: Sie regiert. Sie kriegt ein Baby. Na und?
Bürgermeisterin Kawata vor Porträts ihrer männlichen Amtsvorgänger: »Ich will zeigen, dass Frauen sich nicht entscheiden müssen«
Foto:Joseph Campbell / REUTERS
»Matahara«, habe ich im Text meines Kollegen Cornelius Dieckmann gelernt, heißt auf Japanisch Mütterdiskriminierung. In dem Land werden Schwangere und Mütter derart benachteiligt, dass es ein eigenes Wort dafür gibt. Japan schneidet im »Global Gender Gap Index« des Weltwirtschaftsforums jährlich miserabel ab, landete zuletzt auf Platz 118 von 148 Ländern. Deutschland liegt auf Platz neun. Männer machen Karriere, Frauen die Care-Arbeit. Wer in einer Führungsposition ist, ist oft entweder ein Mann oder kinderlos.
Eine der Frauen, denen es reicht, ist Shoko Kawata, 35, die erste Bürgermeisterin der Stadt Yawata. Und sie ist hochschwanger. Eine Premiere. Cornelius hat sie im Rathaus besucht, wo sich Kawata fürs Foto öffentlichkeitswirksam vor die Wand – und die Porträts ihrer Vorgänger – stellte. Sechs frühere Stadtchefs, sechs Politiker mittleren Alters. Sechs Männer.
Mir ist beim Lesen des Texts, den ich Ihnen empfehle, die Spucke weggeblieben bei all der Ungleichheit, die sich durch die japanische Gesellschaft zieht. Die Bürgermeisterin Kawata hat ein Ziel: dass in dem ostasiatischen Land Frauen in Zukunft angstfrei Mutter werden können. Sie geht voran.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Sie regiert. Sie kriegt ein Baby. Na und?
Was heute weniger wichtig ist
Produzent Siegel im Jahr 2023
Foto: Sven Hoppe / dpaEin bisschen besser: Schlagerkomponist Ralph Siegel, 80, hat die Intensivstation eines Krankenhauses verlassen können. Das teilte er der »Bild« mit. Siegel war aufgrund einer Lungenentzündung Anfang Juli in ein künstliches Koma versetzt worden. Siegels bekanntestes von insgesamt mehr als 3000 veröffentlichten Liedern ist der Hit »Ein bisschen Frieden«, mit dem die Sängerin Nicole 1982 den Eurovision Song Contest gewann. Das Einzige, was für ihn jetzt wichtig sei, sagte Siegel, sei, zu Kräften zu kommen: »Verhältnismäßig geht es mir gut.«
Mini-Hohlspiegel
Wettervorhersage im »Siegerländer Wochen-Anzeiger«
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Foto: Klaus StuttmannUnd am Wochenende?
Könnten Sie sich auf die faule Haut legen. Ich werde es genauso machen. Sofa, Liegestuhl, Badetuch, und mit irgendwas (Ventilator, Fächer, Palmblatt) dem Gesicht kühle Luft zuführen. Darf ich vorstellen: die faulste Sau von Peking. Ich habe sie neulich im Massagesalon um die Ecke von unserem SPIEGEL-Büro abfotografiert. In einen Wellnesstempel passt das Tier natürlich perfekt. Aber ich würde so eine Sau am liebsten auch zu Hause aufstellen. Als Erinnerung: Nimms nicht so schwer, morgen ist auch noch ein Tag!
Ich wünsche Ihnen ein wundervolles Wochenende.
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihre Maria Stöhr, Peking

