1. Die Grünen stellen Bedingungen
Anstatt ihr Wahlergebnis in Berlin ausgiebig zu feiern, musste die Linke sich gestern erst mal damit rumschlagen, dass ihr Neuköllner Bundestagsabgeordneter Ferat Koçak einigen Mitgliedern des Rammo-Clans offenbar ein bisschen zu nahe stand. Koçak spricht inzwischen von einem Fehler, er wolle sein »Kommunikationsverhalten aufarbeiten«.
SPD‑Politiker Steffen Krach, Grüner Werner Graf und Linke Elif Eralp
Foto:Jens Kalaene / dpa
Jetzt sollte es endlich um Inhalte gehen. Sondierungsgespräche stehen an zwischen Linken, Grünen und SPD. Die drei Parteien würden gern gemeinsam die Hauptstadt regieren – wenn da nicht diese Antisemitismusvorwürfe gegen einige Linkenmitglieder wären.
Führende Grüne fordern deshalb heute, die Linkspartei solle sich bitte von den Antisemiten in den eigenen Reihen trennen. »Es darf keine Koalition geben, an der Antisemiten beteiligt sind«, sagte Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour dem SPIEGEL. »Es kann auch keine Regierung geben, die in irgendeiner Weise von Antisemiten, Kriminellen oder Terrorunterstützern abhängig ist oder mit deren Stimmen gewählt wurde.« Ein Seitenhieb auf Koçak.
Der Antisemitismus in der Linkspartei sei auch für die Bundesebene ein Problem, kritisierte Nouripour. »Wenn Mitglieder der Linksfraktion im Bundestag Terroristen hofieren, kann die Bundes-Linke nicht schweigen.« Nouripour forderte die Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Heidi Reichinnek, auf, zu »erklären, wie sie diese Leute loswerden will«.
Die Linke hat darauf bislang nicht reagiert.
Hier mehr über die Wahl in Berlin: Diese Bedingungen stellen SPD und Grüne an die Linke Elif Eralp
2. Überlastete Notaufnahmen
Kennen Sie auch die Geschichten von stundenlangen Wartezeiten in der Notaufnahme, die man sich am Spielfeldrand vom Fußballtraining oder beim Abendessen mit Freunden erzählt? Nun, in diesem Fall ist die gefühlte Wahrheit offenbar leider die echte. Denn laut einer Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Notfallmedizin (DGINA) ist fast jede zweite Notaufnahme in Deutschland überlastet. Teilweise werde dabei sogar die Patientensicherheit gefährdet.
Notaufnahme mit Rettungswagen (Symbolbild)
Foto: Lars Berg / laifFür ihre Analyse hat die DGINA Notaufnahmen in allen Bundesländern zu ihrer Situation am Stichtag 2. Juni 2026 befragt. 45 Prozent der Einrichtungen meldeten zurück, an diesem Tag überbelegt und überlastet gewesen zu sein. Die Gründe dafür sind wenig überraschend: Es fehlt unter anderem an freien Betten auf anderen Stationen und an Personal.
Wie schlecht die Stimmungslage unter den Notfallmedizinern der Kliniken ist, lässt sich an den freien Anmerkungen in der Umfrage ablesen. Dort heißt es beispielsweise: »Die Notaufnahme ist chronisch belastet.« Die Belastung sei in den vergangenen zwei Jahren deutlich gestiegen. »Es macht keinen Spaß mehr, und alle sind müde.«
Hier mehr über die Studie: Fast jede zweite Notaufnahme in Deutschland ist gefährlich überlastet
3. Doch kein Alibi?
Angelika Raubal, genannt Geli, war die Nichte Adolf Hitlers. Um das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Onkel ranken sich seit jeher Gerüchte, manche vermuteten eine Liebesbeziehung zwischen Hitler und der Tochter seiner Halbschwester. Die Geschichtswissenschaft interessiert sich vor allem deshalb für Raubal, weil sie im September 1931 tot in Hitlers Münchner Wohnung aufgefunden wurde.
Raubal studierte zunächst in München Medizin, begann dann aber eine Gesangsausbildung, die Hitler finanzierte. Er kontrollierte Raubals Alltag offenbar stark. Nach der etablierten Erzählung kam es am 18. September 1931 zu einem Streit zwischen ihr und Hitler über ihre Reisepläne, Raubal wollte ihre Ausbildung wohl in Wien fortsetzen.
NSDAP-Chef Hitler mit seiner Nichte Geli Raubal um 1930
Foto:ullstein bild / picture alliance
Als Hitler München bereits in Richtung Nürnberg verlassen habe, habe sich Raubal mit einer Pistole ihres Onkels erschossen, heißt es im Polizeibericht. Entdeckt worden sei ihre Leiche erst am nächsten Morgen.
Doch bislang unbekannte Dokumente, die dem SPIEGEL vorliegen, stellen diese Darstellung infrage. Der Geschichtsforscher Harald Sandner hat die Unterlagen im Staatsarchiv und im Stadtarchiv in München gefunden. Zwei Todesanzeigen und der Eintrag im Sterberegister des Standesamts München II datieren die Entdeckung der Leiche Geli Raubals auf Freitag, den 18. September 1931, um 10.15 Uhr.
Demnach wäre Raubal rund 24 Stunden früher aufgefunden worden. Und Hitler hätte für den Vormittag des 18. September kein Alibi mehr. Denn zu diesem Zeitpunkt hielt sich der NSDAP-Chef wahrscheinlich noch in München auf.
Was das bedeutet? »Der Fund stellt die bisherige Chronologie des Falls auf den Kopf«, sagt Felix Bohr aus dem Geschichtsressort. »Er zwingt die Forschung, die damaligen Ermittlungen noch einmal neu zu prüfen.«
Hier mehr über die Hintergründe: Neuer Aktenfund erschüttert Hitlers Alibi beim Tod seiner Nichte
Was heute sonst noch wichtig ist
Konjunktur in Deutschland: Die deutsche Wirtschaft zieht nach jahrelanger Flaute wieder an. Nun erhöhen Ökonominnen und Ökonomen ihre Voraussage deutlich, auch für das kommende Jahr.
Kosten fürs Wohnen: So teuer könnte Heizen 2026 werden. Mieter und Eigentümer müssen in diesem Jahr einer aktuellen Berechnung zufolge mehr zahlen, damit ihr Zuhause warm wird. Je nach Heizungsart können die Kosten um bis zu einem Viertel steigen.
Kurz nach der Geburt: Weibliche Babys schauen länger auf Gesichter, männliche Babys auf Gegenstände. Sind Unterschiede zwischen Geschlechtern angeboren oder anerzogen? Eine Untersuchung an wenige Stunden alten Babys liefert neue Hinweise.
Bei Kommunalwahl in Niedersachsen: AfD-Kandidatin in Buchholz zählte Stimmen, obwohl sie selbst Kandidatin war. Im niedersächsischen Buchholz in der Nordheide kandidierte eine AfD-Politikerin für Kreistag, Stadtrat und Ortsrat – und betätigte sich trotzdem bei der Stimmenauszählung. Das Wahlergebnis bleibt dennoch gültig.
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
Friedrich-Ebert-Straße, Cottbus, Juli 2026
Foto:Martha Roschmann / DER SPIEGEL
Das Wunder von Cottbus: Die Stadt in der Lausitz gilt laut einem Ranking des Wirtschaftsforschungsinstituts IW als dynamischste Stadt Deutschlands. Zu Recht?
Was heute weniger wichtig ist
Jimi Blue Ochsenknecht
Foto: Frank Hoermann / Sven Simon / picture allianceAngst im Dunkeln: Der Schauspieler Jimi Blue Ochsenknecht, 34, schläft in Hotels »meistens mit ein bisschen Licht an«, und er »gucke halt, dass kein Spiegel direkt vorm Bett ist«. Das erzählte er im Podcast »Mit den Waffeln einer Frau«. Als Kind sei er nachts im Hotel aufgewacht und habe vor dem Spiegel ein kleines Mädchen gesehen. Vielleicht habe er geträumt, aber für ihn sei das sehr real gewesen, so Ochsenknecht. »Ich habe sehr laut geschrien und habe auch richtig Panik bekommen.«
Mini-Hohlspiegel
Von der Website der »Süddeutschen Zeitung« über den Waldbrand in Belgien: »Die 17 Häuser in den Ortslagen Ruitzhof und Geisberg mit rund 30 Bewohnern waren am Sonntagabend gegen 22 Uhr in Sicherheit gebracht worden.«
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Klaus Stuttmann
Und heute Abend?
Bunkerszene mit den Darstellern Bär (l.) und Behrendt
Foto: Thomas Kost / WDRWie heute bekannt wurde, hört Schauspieler Klaus Behrendt nach 30 Jahren als Kölner »Tatort«-Kommissar Max Ballauf auf. Grund genug, sich die aktuelle Folge, die just am vergangenen Sonntag lief, in der ARD-Mediathek anzuschauen. Darin wird ein Berufsschullehrer genau dann ermordet, als eine Weltkriegsbombe geborgen wird. In dem Prepper-»Tatort« herrsche »Endzeitatmosphäre auf allen Ebenen«, urteilte SPIEGEL-Kritiker Christian Buß. (Hier die ganze Rezension.)
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihre Laura Backes, Autorin
