SpOn 09.08.2026
20:15 Uhr

»Die Odyssee«: Die wichtigsten Fakten zur Kritik um Christopher Nolans Epos


In der Diskussion über Christopher Nolans Homer-Adaption werden alle plötzlich zu Altphilologen. Sie wollen leidenschaftlich mitreden? Die wichtigsten Antworten und Fakten vor oder nach Ihrem Kinobesuch.

»Die Odyssee«: Die wichtigsten Fakten zur Kritik um Christopher Nolans Epos

Lange gab es nicht mehr so viele leidenschaftliche Debatten über den Inhalt eines Kinofilms. Taugt Matt Damon als Odysseus? Ist es okay, den Namen mit US-amerikanischem Akzent auszusprechen? Sind die gezeigten Schiffe historisch akkurat? Hätten da nicht mehr Griechen mitspielen sollen? Und wo bleibt eigentlich die Erotik? Filmkritiker, Altphilologinnen und Elon Musk – alle haben eine starke Meinung zu Christopher Nolans Adaption der »Odyssee«.

In gewisser Weise passt das zum Originalstoff. Denn auch an der Vorlage des Films, Homers Dichtung, arbeiteten sich bereits Generationen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ab und fragten sich: Wie viel Realität steckt hinter der Geschichte von Odysseus? Und wie sollte sie interpretiert werden?


Die Vorlage

Was ist die Odyssee? Und wer war Homer noch mal?

Auch die »Odyssee«, 24 Gesänge mit mehr als 12.000 Versen, ist Fiktion. Zwar werden darin reale Orte und Akteure benannt, aber sie erzählt auch von Fabelwesen und Göttern. Die »Ilias«, das Vorgängerwerk, entstand um 700 vor Christus und erzählt von der Sage des Trojanischen Kriegs. Vermutlich einige Jahre später beschreibt die Odyssee die anschließende Heimreise des Helden Odysseus.

Was ist die Geschichte der Odyssee?

Odysseus ist ein Held des trojanischen Krieges. Er ist es, der die Idee zur List des trojanischen Pferds hat. Nach zehn Jahren zermürbender Belagerung Trojas versteckt er sich mit einer Gruppe Soldaten im Bauch eines Holzpferdes, getarnt als Geschenk und Gottesopfer. Nachts öffneten die versteckten Griechen das Tor und eroberten die Stadt.

Die Odyssee erzählt nun die Heimreise des Kriegshelden vorbei an verschiedenen Stationen, etwa der Zauberin Circe, den Sirenen oder dem Zyklopen Polyphem. Auf seiner Heimatinsel Ithaka wird seine Frau Penelope unterdessen von Freiern bedrängt. Als er nach zehn Jahren schließlich zurückkehrt, muss er um sie und sein Königreich kämpfen.

Die Geschichte der Ilias, Gesang für Gesang nacherzählt, finden Sie hier .

Die Figuren und Geschichten der beiden Erzählungen sind heute weltberühmt. Gerade in Deutschland war Homers Mythos enorm populär. Die schöne Helena, das trojanische Pferd, Sirenen, Zyklopen – sie alle sind wichtige Referenzen der Popkultur geworden. Als einer der ältesten Stoffe der abendländischen Literatur handelt die Odyssee zudem vom Erzählen an sich. Wer sie liest, kann dementsprechend viel über Geschichte lernen, das Lineal »historisch korrekt« anzusetzen, ergibt jedoch wenig Sinn.

Das beginnt bereits mit dem Autor. Über Homer ist wenig bekannt, schon in der Antike rätselte man über seine Person. Vermutlich lebte er als bekannter Dichter vor 2800 Jahren. Es ist jedoch weder belegt, dass er wirklich gelebt hat, noch dass seine Epen ausschließlich von ihm verfasst wurden. Homer könnte, vermuten Historiker, ein Star gewesen sein, ein Meister des Erzählens. Seine Heldengesänge sollen bei den Mächtigen seiner Zeiten so beliebt gewesen sein, dass er damit von Hof zu Hof reiste.

Hat Odysseus wirklich gelebt?

Forscher gehen davon aus, dass Odysseus auch schon vor der Ilias besungen wurde. Es könnte also sein, dass er ein historisches Vorbild hatte, einen regionalen Fürsten etwa. Beweisen lässt sich das jedoch genauso wenig wie die Frage, ob ein Trojanischer Krieg je stattgefunden hat. Der deutsche Archäologe Heinrich Schliemann grub im 19. Jahrhundert nach den Überresten Trojas. Mehr zu seinen Entdeckungen können Sie in einem SPIEGEL-Sonderheft nachlesen.

Gemälde »Der Einzug des Trojanischen Pferdes« von Giovanni Domenico Tiepolo, um 1760: Gab es historische Vorbilder?

Gemälde »Der Einzug des Trojanischen Pferdes« von Giovanni Domenico Tiepolo, um 1760: Gab es historische Vorbilder?

Foto: Fine Art Images / Heritage Images / picture alliance

Bis heute bleibt es schwer bis unmöglich, die »homerische Frage«, also die Frage wann, wo und wie die Ilias und die Odyssee entstanden sind, genau zu beantworten. Wahrscheinlich ist, dass darin mündliche Heldengesänge aufgegriffen und niedergeschrieben wurden. Es ist zudem wahrscheinlich, dass es Orte und Herrscher, denen die Epen vorgetragen wurden, als Referenzen in die Texte schafften.

Dennoch erzählt die Odyssee auch von einer realen Katastrophe. Um 1200 vor Christus gingen mehrere Kulturen der Region unter. Im sogenannten Zusammenbruch der Bronzezeit  zerfielen in kurzer Zeit verschiedene Hochkulturen. Auch die historisch umstrittenen »Seevölker« sollen den östlichen Mittelmeerraum mit ihren Plünderungen destabilisiert, für Zerstörungen und Vertreibung gesorgt haben.

Warum ist die Odyssee so berühmt?

Unter anderem, weil sie in einer Zeit aufgeschrieben wurde, in der dies ungewöhnlich war. Homer beschreibt den Krieg zwischen Griechen und Trojanern etwa vierhundert Jahre vor seiner Zeit, ungefähr 1200 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Dabei beschreibt er ungewöhnlich detailreich Waffen, Kleidung und Rituale. Seine Helden wiederum blicken auch auf vergangene Helden zurück – und in die Zukunft. Viel wird über Rückblenden erzählt.

Das macht die Odyssee zu einer Geschichte über den Heldenruhm an sich. Der Rhythmus der Verse und die kunstvolle Konstruktion der Geschichte waren schon damals etwas Besonderes. »Die verschachtelten Handlungsstränge und Rückblenden der ›Odyssee‹ wurden offensichtlich als revolutionär empfunden gegenüber früheren Erzählungen«, sagt Althistoriker Raimund Schulz im SPIEGEL-Interview .


Nolans Adaption (2026)

Der Regisseur Christopher Nolan nimmt es also mit einem der ältesten und bekanntesten Geschichtenschreibern überhaupt auf. Dafür nutzt er die technischen Möglichkeiten unserer Zeit. Heute sind das massive 70-Millimeter-Imax-Kameras statt Hexameter, große immersive Bilder mit rhythmischer (und lauter) Musik statt Gesänge bei einem Festbankett. Auch Nolan erzählt Odysseus' Reise über Rückblenden. Und wie es sich für eine richtige Adaption gehört, wird Homers Dichtung nicht nur wiedergegeben, sondern interpretiert.

Ob er damit dem Original gerecht wird, ist fast so schwer zu beantworten, wie die homerische Frage selbst. Man könnte also auch sagen: Dass seine Interpretation infrage gestellt wird, wird Homers »Odyssee« gerechter als jedes Lob. Es lohnt sich also, die Kritik genauer zu betrachten.

Was ist die moralische Botschaft?

Die Odyssee erzählt von der Reise eines Helden und dem Untergang eines Volkes. Die moralische Botschaft ist nicht so eindeutig wie in Nolans Interpretation. Auch bei Homer geht es um die Gefahr, der Hybris zu verfallen. Menschlicher Hochmut wird von den Göttern bestraft. Auch Loyalität, Treue und Ausdauer sind Thema.

Nolans Odysseus hadert mit den Kriegstaten. Er leidet unter dem Verlust der vielen Männer, die in seinem Namen und infolge seiner List gestorben sind. Heute würde man das wohl eine posttraumatische Belastungsstörung nennen. Die Göttin Athene an seiner Seite wirft immer wieder die Frage der individuellen Verantwortung auf.

Darsteller Damon in »Die Odyssee«: Eine posttraumatische Belastungsstörung

Darsteller Damon in »Die Odyssee«: Eine posttraumatische Belastungsstörung

Foto: Landmark Media / IMAGO

Es scheint nicht nur der Held selbst, sondern der Heldenbegriff an sich zu sein – die Gesänge auf Odysseus und der Wunsch nach einer Heldenfigur –, die letztlich die Zivilisation zu Fall bringen. Seine Idee zum trojanischen Pferd ist der Wendepunkt: Er verletzt das Gastrecht. Die göttliche Ordnung ist zerstört. Am Ende ist es der Held selbst, der seine Heimat destabilisiert. Die gefürchteten »Seevölker« sind Odysseus und seine Männer selbst.

Nolan wiederholt häufig das Motiv des Gastrechts, das Gesetz von Zeus: Behandle Fremde an deiner Tür so, als könnten sie in Wirklichkeit Götter in Verkleidung sein. 2026 drängen sich dabei Bezüge zu aktuellen Debatten rund um Migration und Menschenrecht auf. Wie wollen wir mit Fremden umgehen und was ist es, das eine Zivilisation wiederholt zum Scheitern bringt?

Warum wird die Odyssee so viel kritisiert?

Ja, die Frauenrollen sind unterentwickelt, das Schiff stammt nicht aus der Bronzezeit und Sex hat auch kaum jemand in Nolans »Die Odyssee«. Aber reicht das wirklich aus für die hohe Welle an Diskussionen, die seit der Premiere über den Film hereinbricht?

Neben Botschaft und Historizität stand auch die Besetzung schon vor der Premiere in der Kritik. In den sozialen Medien störten sich manche an der Diversität des Casts, an Schwarzen und einem trans Schauspieler, die für Schlüsselrollen eingesetzt wurden. Auch wurde Kritik laut, weil keine Griechen und Griechinnen zu sehen waren, in der Verfilmung dieses sehr griechischen Textes. Auch die amerikanisierte Aussprache der Namen und der Hollywood-Look sorgten für Häme.

Bild »Odysseus entgeht der Falle des Gesangs der Sirenen« von Pierre Blanchard 1803: Zeit, Erinnerung und Geschichte

Bild »Odysseus entgeht der Falle des Gesangs der Sirenen« von Pierre Blanchard 1803: Zeit, Erinnerung und Geschichte

Foto: Stefano Bianchetti / Bridgeman Images / picture alliance

Mit einer anderen Kritik hat Nolan hingegen bereits aus früheren Filmen Erfahrung: der, dass Frauen in seiner »Odyssee« eine untergeordnete Rolle spielen. Die wenigen Figuren, die es gibt, erfüllen eine einfache Funktion, haben mitunter wenige Dialoge und sind nicht sonderlich komplex ausgearbeitet.

Eine der prominentesten und vielleicht gewichtigsten Kritikerinnen ist Emily Wilson, Altphilologin an der University of Pennsylvania und Autorin der ersten englischen Odyssee-Übersetzung durch eine Frau. Ebendiese Übersetzung soll Nolan bei seiner Adaption inspiriert haben. Ihr Urteil zum Film fiel vernichtend aus: »Ich würde mich dafür schämen, wenn ich davon auch nur einen kleinen Teil geschrieben hätte«, schrieb sie in der London Review of Books . Sie bemängelt die fehlende emotionale Tiefe, die in den epischen Bildern verloren gehe. Die Charaktere seien unterentwickelt. Auch fehle es an einer überzeugenden Erzählung zu den Themen Zeit, Erinnerung und Geschichte. Eine Kritik, die tiefer geht als die Streitereien um Schiff und Schauspieler.

Ist »Die Odyssee« von Christopher Nolan erfolgreich?

Trotz aller Kritik ist der Film bislang ein großer Erfolg. Am Startwochenende allein spielte »Die Odyssee« weltweit 264,1 Millionen US-Dollar ein. Und auch viele der Rezensionen waren positiv. »Man liebt oder hasst diesen Film«, schrieb SPIEGEL-Kritiker Wolfgang Höbel . »Die Odyssee« sei ein obsessives Männerdrama mit einem durch Selbsthass getriebenen Antihelden.

Seine Massentauglichkeit ist am Ende vielleicht die große Krux des Werks. Schließlich ist es bei Weitem nicht das erste Mal, dass jemand die Odyssee verfilmt. Aber dieses Mal ist es nun mal einer der erfolgreichsten Regisseure Hollywoods, noch dazu mit immens hohem Budget und absurd berühmtem Cast ausgestattet. Doch Massentauglichkeit hat ihren Preis: Epische Bilder und immersive Musik schaffen bei manchen Zuschauern und Zuschauerinnen eher Distanz als Nähe.

Szene aus »Die Odyssee«: Massentauglichkeit hat ihren Preis

Szene aus »Die Odyssee«: Massentauglichkeit hat ihren Preis

Foto: Landmark Media / IMAGO

Auch die von Nolan adaptierte Handlung krankt vielleicht teilweise an ihrer Geradlinigkeit, inklusive spektakulärem Showdown. Denn einer Odyssee, auf die sich viele Menschen einigen müssen, wird es vielleicht immer an eben jener Ambiguität und Vielstimmigkeit mangeln, die Homers Dichtung auszeichnet. Nolan ist selbst eine Art Odysseus, ein Held Hollywoods, der mit seiner Verfilmung nach Hause zurückkehrt, zum Ursprung der erzählerischen Kultur. Wo könnte es also anders hingehen, als auf eine ausgesprochen ruckelige Reise?

Sollte man die Odyssee jetzt selbst lesen?

Kritik hin oder her – dass sich so viele Menschen über die Odyssee streiten, könnte man ebenfalls als Erfolg verbuchen. Nolans Verfilmung ist ein guter Anlass, sich dieser uralten Geschichte noch einmal zu nähern.

Lese-Empfehlungen zu »Die Odyssee«

Übersetzungen der Odyssee gibt es einige. Und unterschiedlicher könnten sie nicht sein. Ein Klassiker ist die Übersetzung von Johann Heinrich Voß, 1781. Sie ist in Versform und gemäß ihrer Zeit geschrieben.
Eine der modernsten deutschen Übersetzungen schrieb 2007 der Altphilologe Kurt Steinmann.
Auch die Übersetzung von Karl Ferdinand Lempp ist deutlich zugänglicher als ältere Varianten: Sie ist in Prosa geschrieben und 2026 als Schmuckausgabe im Inselverlag erneut erschienen.

Denn: Die Beschäftigung mit der Odyssee lohnt sich eigentlich immer. Um zu verstehen, auf welchen Geschichten große Teile unserer Kultur aufgebaut sind. Aber auch, um die vielen Anspielungen und Referenzen zu verstehen, die sich noch heute durch unsere Welt ziehen.