Welt 16.03.2026
07:18 Uhr

Alkoholmissbrauch ist „unsozialistisch“ – fanden die Wodka-Freunde im SED-Politbüro


Eine Viertelmillion Alkoholiker gab es 1989 in der DDR – das wussten selbst die Mächtigsten im „Arbeiter- und Bauern-Paradies“. Der Spirituosen-Konsum lag zweieinhalbmal so hoch wie in der auch nicht gerade abstinenten Bundesrepublik.

Alkoholmissbrauch ist „unsozialistisch“ – fanden die Wodka-Freunde im SED-Politbüro

Ausgerechnet „Tapeten-Kutte“ machte sich Sorgen. Der SED-Chefideologe Kurt Hager (verlinkt auf https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/kataloge-datenbanken/biographische-datenbanken/leonhard-kurt-hager) , dem freche DDR-Bürger wegen seiner rhetorischen Frage: „Würden Sie, nebenbei gesagt, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“ 1987 den wenig schmeichelhaften Spitznamen verpasst hatten, warnte in der Politbürositzung am 12. September 1989 (verlinkt auf https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/e1fb4045-cf2d-49de-8873-957e99d592f1/) : „Wir haben mittlerweile 250.000 Alkoholiker in der DDR. Ich habe Informationen von Schriftstellern, die regelrechte Hoffnungslosigkeit widerspiegeln.“ Auch die Staatssicherheit rechnete mit ähnlichen Zahlen – in einem Bericht von 1986 hieß es: „Andere Fachleute schätzen, dass gegenwärtig in der DDR von einer Zahl von 200.000 Alkoholkranken ausgegangen werden muss.“ Etwa 15.000 davon müssten oft monatelang stationär behandelt werden, warnte die SED-Geheimpolizei. Ab den 1980er-Jahre war das Problem derart allgegenwärtig, dass in zahlreichen Kombinaten und „Volkseigenen Betrieben“ betreute Arbeitsplätze eingerichtet wurden, die schamhaft den Namen „besondere Brigaden“ erhielten. Hier sollten Mitarbeiter, die aus physischen oder psychischen Gründen auf normalen Planstellen nicht mehr einsetzbar waren, von ihren bisherigen Kollegen, dem „Kollektiv“, getrennt und mit Hilfstätigkeiten zu beschäftigt werden. Das Ziel: sie gegebenenfalls wieder in den normalen Alltag zu integrieren. Gut dokumentiert ist diese Alkoholkrankenbetreuung in der Rostocker Neptun-Werft – die staatliche Filmgesellschaft Defa veröffentlichte darüber sogar 1983 den Film „ Abhängig (verlinkt auf https://www.defa-stiftung.de/filme/filme-suchen/abhaengig/) “. Fünf Jahre später gab es hier vier solche „besonderen Brigaden“ mit insgesamt 42 Beschäftigten, bei etwa 6000 Arbeitern insgesamt, zu denen neben den eigentlichen Schiffsbauern auch rund 650 Personen in sozialen Verwendungen wie Kindergärten oder der eigenen Poliklinik gehörten. Und eben Männer wie der gelernte Bootsbaumeister Eberhard Kunstmann, zuständig für die Betreuung der Alkoholkranken. Im Defa-Film berichtete er, dass vor allem Schnapskonsum in der Neptun-Werft pro Jahr zu 10.000 bis 15.000 Arbeitsstunden Ausfall führe – nicht gerechnet der Zeitaufwand für die Begleitung der Süchtigen. Die Historikerin Anne Kluger hat jetzt das wesentliche Wissen über Alkohol und Alkoholmissbrauch in der DDR in einer Broschüre zusammengefasst, die gemeinsam die Landeszentrale für politische Bildung Thüringen und die Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben haben (zu beziehen über www.politische-bildung-thueringen.de/publikationen (verlinkt auf https://www.politische-bildung-thueringen.de/publikationen) ). Darin wird das sonst gewöhnlich eher in anekdotischen Erinnerungen dargestellte Thema auf eine knappe, aber solide Grundlage gestellt. Das allerdings ist durchaus schwierig. Während nämlich für die 1960er- und 1970er-Jahren zum Teil sogar recht exakte Daten über das Ausmaß des Alkoholismus in der DDR zu finden waren, sind ähnliche Informationen für die 1980er-Jahre Mangelware. Einigermaßen gesichert immerhin ist der durchschnittliche Konsum in der DDR, angegeben in Liter Reinalkohol pro Kopf der Bevölkerung. In den ersten Jahren nach dem Krieg waren Spirituosen noch Mangelware; so kamen die Statistiker für 1955 auf einen Durchschnittswert von 4,4 Litern hochprozentiger Getränke pro Kopf. Dieser Wert nahm mit dem (verglichen mit der Bundesrepublik freilich mäßigen) Steigen des Lebensstandards in der SED-Diktatur bis auf 16,1 Liter Spirituosen pro Kopf zu – darin war die DDR tatsächlich weltweit Spitze. Auch für 1977 gibt es differenzierte Zahlen: Demnach betrug der durchschnittliche Konsum jedes DDR-Bürgers 9,8 Liter Spirituosen pro Jahr – allerdings mit starken regionalen Schwankungen: In Dresden waren es „nur“ 6,7 Liter, in Rostock dagegen 14,1 Liter. Kein Wunder, dass Eberhard Kunstmann viel zu tun hatte: Er kannte Beschäftigte, die mit 3,5 Promille intus noch gerade gehen konnten, aber natürlich zu keinerlei Tätigkeit mehr in der Lage waren. Wie war im Vergleich dazu die Entwicklung in der damaligen Bundesrepublik? Zunächst stieg der Konsum in beiden deutschen Staaten mit ähnlichen Raten an, wobei das Startniveau im Westen höher war, was wohl an der weiter verbreiteten Weinkultur von Franken bis zur Saar sowie im Südwesten zu tun haben dürfte. 1974 jedoch überholten die Ostdeutschen die Westdeutschen hinsichtlich des durchschnittlichen Pro-Kopf-Verbrauchs. Ende der 1980er-Jahre tranken DDR-Bürger durchschnittlich mehr als alle anderen Bevölkerungen. So lag der Spirituosen-Konsum in der DDR 1988 gar zweieinhalbmal so hoch wie in der Bundesrepublik. Eine Broschüre für die Wirte von Dorfkneipen mahnte 1964 eindringlich: „Alkoholmissbrauch ist unsozialistisch. Er entspricht nicht den neuen Lebensformen unserer Gesellschaft, gefährdet das Leben unserer Bürger und ihr Eigentum, schadet der Gesundheit und in vieler Hinsicht der Volkswirtschaft – schadet immer uns allen!“ Trotzdem musste die SED in ihrem offiziellen Programm von 1976 nicht nur dem „asozialen Verhalten“ und dem „Rowdytum“ den Kampf ansagen, sondern auch dem „Alkoholmissbrauch“. Damit wurde, so Anne Kluger, das Problem „erstmals offiziell“ anerkannt. Vielleicht war die Diskrepanz zwischen den formalen Regeln (die Regel 0,0 Promille im Straßenverkehr galt offiziell schon seit 1956) und der gelebten Wirklichkeit einfach zu groß geworden. Wobei ausgerechnet der von 1971 bis 1989 fast unangefochtene Machthaber in Ostdeutschland Erich Honecker zu den moderaten Trinkern gehörte und wenig Hochprozentiges zu sich nahm – er bevorzugte, den Angaben seines persönlichen Dieners und gleichzeitig Personenschützers Lothar Herzog (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/gallery146797048/Honeckers-Butler-erinnert-sich.html) zufolge, importiertes Dosenbier aus Dortmund. Damit war er aber keineswegs ein Vorbild: Armeeminister Heinz Hoffmann, Wirtschaftschef Günter Mittag und vor allem der hochkorrupte Gewerkschaftsvorsitzende Harry Tisch waren für ihre Alkoholexzesse berüchtigt. Im November 1985 nutzte Honecker sogar die Alkoholprobleme des Politbüro-Mitglieds und Ost-Berliner SED-Parteichefs Konrad Naumann (verlinkt auf https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/kataloge-datenbanken/biographische-datenbanken/konrad-naumann) , um den zunehmend „selbstherrlichen“ Funktionär schlagartig abzulösen. Nachdem er mehrere Wochen mit einem lebensgefährlichen akuten Leberschaden im DDR-Regierungskrankenhaus Buch gelegen hatte, wurde er mit einer eigens renovierten Villa in Karlshorst und einer bedeutungslosen, aber anständig bezahlten Funktion in Potsdam abgefunden, versüßt durch einen persönlichen Chauffeur. Ob das eine Vorsichtsmaßnahme wegen des geltenden absoluten Alkoholverbots am Steuer war, ist ebenso unbekannt wie der Blutalkoholpegel von Kurt Hager, als er gegenüber dem West-Journalisten Peter Pragal (verlinkt auf https://www.das-parlament.de/kultur/geschichte/als-westdeutscher-journalist-in-der-ddr) seine berühmte Äußerung über die Perestroika machte. Einigen Gläsern Wodka jedenfalls soll Hager wenig abgeneigt gewesen sein – zu der Viertelmillion Alkoholkranken jedoch dürfte er sich selbst sicher nicht gezählt haben. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.