Die britische BBC ist nach wie vor eine Institution, und ihre Berichte können Dinge in Bewegung bringen. Der Beitrag, der am Donnerstag zur besten Sendezeit ausgestrahlt wurde, könnte ebenfalls das Potenzial dafür haben. Darin dokumentiert ein Reporterteam unter Leitung von Sue Mitchell monatelange Recherchen, die tiefe Einblicke in die Geschäfte von Schleuserbanden gewähren. Videoclips mit Ausschnitten aus dem TV-Beitrag kursieren aktuell bei X, sie werden viel geteilt und kommentiert. Der Bericht widmet sich einem Mann namens Twana Jamal, einem gebürtigen Kurden aus dem Irak, der in Frankreich als Schleuser zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Das Gericht sah es damals als erwiesen an, dass der Mann jahrelang im großen Stil Menschen aus französischen Migrantenlagern nach Großbritannien geschmuggelt und damit bis zu 100.000 Euro pro Woche verdient hatte. Für seine Vergehen wurde er 2019 zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Nach einem Tipp eines Informanten starteten die BBC-Reporter ihre Recherche und machten den Mann in England ausfindig. Jamal lebe nun in Leicestershire, in einem kleinen Ort namens Blaby, und das unter einem neuen Namen, mit dem er offenbar auch Asyl in Großbritannien beantragt hat. Die Reporter beobachteten für ihre Recherche den Mann, verdeckt und wochenlang. Sie dokumentierten, dass er illegal arbeitet, ohne Führerschein Auto fährt und gegenüber Vertrauten protzt, dass ihm der ganze Ort „gehören“ würde. In der Tat finden die Journalisten zahlreiche Geschäftsverbindungen des Mannes. Eine davon ist besonders pikant: Sie führt in einen Laden direkt neben dem Büro des örtlichen Parlamentsabgeordneten. „Das ist mir egal“, sagt er auf Nachfrage der Reporterin hin Der französischen Anklage zufolge operierte Jamal von etwa 2012 bis 2016 aus dem Lager Grande-Synthe (bei Dünkirchen). Damals funktionierten die illegalen Einreisen nach Großbritannien noch vor allem über Lastwagen, mittlerweile nutzen Schlepper und Schleuser bevorzugt aufblasbare Boote. Von seinen Kunden verlangte Jamal, der laut Zeugen im Lager den Spitznamen „Pascha“ trug, damals 4500 bis 5000 Pfund pro Person für die Überfahrt nach Großbritannien. Das gefilmte Material der BBC zeigt auch, wie der Mann von der Reporterin mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird und sich wenig reuig zeigt (verlinkt auf https://x.com/Notguiltytv/status/2072676902469251228) . Er wisse nicht, was genau sie ihm vorwerfe, er habe sich auch nichts zuschulden kommen lassen. So sei er nie in Schleusergeschäfte verwickelt gewesen und sei auch nicht in Frankreich inhaftiert worden. Er lebe stattdessen bereits seit 2009 in England. Als die Reporter ihm Fotos aus dem Jahr 2016 in Frankreich zeigen, auf denen auch seine markanten Tätowierungen zu sehen sind, erwidert er: „Das ist mir egal.“ Undercover gefilmte Ton- und Filmaufnahmen zeigen Jamal dann aber im Gespräch mit anderen Männern und mit Aussagen wie: „Wir kennen hier jeden – diese Stadt gehört uns.“ Weiter führt er den Vertrauten gegenüber aus, dass er „gutes Geld“ verdiene, unter anderem mit dem „Transport von Zigaretten“ aus einem Lagerhaus. Pikant: Asylbewerber, die (auch in anderen Ländern) 12 Monate oder mehr im Gefängnis einsaßen, werden in Großbritannien gesondert behandelt. Ihre Anträge werden oft als „unzulässig“ abgelehnt, zudem wird die Abschiebung vorangetrieben. Womöglich, so mutmaßen die Reporter, wurden die Unterlagen im Fall Jamal von den Behörden nicht gut genug gecheckt, oder aber er habe einen seiner diversen Aliasnamen genutzt. Im Prozess in Frankreich wurde laut BBC auch bekannt, dass der damals 36-Jährige sich seine zahlreichen Namen teils in die Innenseite seiner Basecaps schrieb, um im Alltag nicht durcheinanderzukommen. Abgeordneter fordert „lückenlose Aufklärung“ Die BBC-Recherche (verlinkt auf https://www.bbc.com/news/articles/clye9zn0y1ro?at_ptr_name=facebook_page&at_campaign_type=owned&at_link_origin=BBC_Leicester&at_link_id=A5C58ACA-75EA-11F1-9D2F-8FC8297988D3&at_medium=social&at_link_type=web_link&at_format=link&at_campaign=Social_Flow&at_bbc_team=editorial&fbclid=IwY2xjawSzUYdleHRuA2FlbQIxMABicmlkETE0UmxIVldTOEFyRGRBeG5Uc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHjf-jqvuBIS0N3-dzaUDjedLyyYoMGwQPCP_3IwasURE4vZ9zSlU7Awi5XuG_aem_Zji6yE5nnxnHCtMMrnkQtQ&app-referrer=deep-link) wurde mittlerweile auch von anderen britischen Medien aufgenommen und zitiert. Der „Guardian“ (verlinkt auf https://www.theguardian.com/uk-news/2026/jul/02/convicted-people-smuggler-uk-should-deported-tories) hat die britische Regierung um eine Stellungnahme gebeten und die folgende Antwort bekommen: Zu dem konkreten Einzelfall könne und wolle man sich nicht äußern. Aber: „Wir teilen jedoch die Bestürzung der Öffentlichkeit über diese Berichte und arbeiten mit Hochdruck daran, den Sachverhalt zu klären. Wir werden einen Missbrauch unseres Einwanderungssystems nicht tolerieren; deshalb schieben wir Personen ohne Aufenthaltsrecht derzeit so häufig ab wie seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr.“ Auch der Tory-Abgeordnete Alberto Costa, dessen Bürogebäude im Filmbeitrag kurz zu sehen ist, hat sich mittlerweile online zu Wort gemeldet. Er spricht in seinem Statement bei X (verlinkt auf https://x.com/AlbertoCostaMP/status/2072701428292853876) von einem „schockierenden und unverzeihlichen Versagen“ des britischen Innenministeriums. „Berichten zufolge konnte ein verurteilter Menschenhändler, der weder ein Aufenthalts- noch ein Arbeitsrecht für das Vereinigte Königreich besitzt, in Blaby ein Geschäft eröffnen und betreiben – ohne dass die Polizei von Leicestershire, die Bezirksverwaltung von Blaby oder ich als zuständiger Abgeordneter darüber informiert wurden“, schreibt der Abgeordnete weiter, der für die Conservative Party einen Parlamentssitz im Wahlkreis South Leicesterhire errang. „Dies wirft ernsthafte Fragen hinsichtlich der Kompetenz der Regierung und ihrer Fähigkeit zur Durchsetzung von Gesetzen auf. Ich fordere von den zuständigen Ministern umgehend Antworten sowie eine lückenlose Aufklärung dieses eklatanten Versagens“, so Alberto Costa. Die Reporter selbst ziehen in ihrer Reportage ein eher deprimierendes Fazit. Wörtlich heißt es: „Jamals Fall ist kein Einzelfall. Unsere Recherchen haben ergeben, dass sich mehr als 20 weitere Schleuser im Vereinigten Königreich aufhalten. Europäische Strafverfolgungsbehörden haben 15 dieser Fälle bestätigt – darunter einige, bei denen bereits Verurteilungen durch Gerichte in Frankreich, Deutschland und Belgien vorliegen. Wir erfuhren von einem Mann, der in Frankreich verurteilt wurde, nun in Manchester mit Gebrauchtwagen handelt und mutmaßlich weiterhin in Schleuseraktivitäten verwickelt ist.“