Welt 13.09.2026
21:31 Uhr

Der Unternehmer hinter der Krach-Affäre spendete auch an die CDU


Eine Spende an die Berliner SPD bringt Gaurav Garg in die Schlagzeilen. Doch WELT-Recherchen zeigen: Schon Jahre zuvor floss Geld aus seinem Unternehmensumfeld an die CDU.

Der Unternehmer hinter der Krach-Affäre spendete auch an die CDU

Nur elf Tage vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl rückten Ermittler bei Steffen Krach an. Sie durchsuchten die Wohnung des SPD-Spitzenkandidaten, sein Büro in Hannover und die Berliner Parteizentrale. Der Verdacht: Krach soll vor Jahren, als er Regionspräsident in Hannover und Aufsichtsratschef des damals noch städtischen Klinikums Lehrte war, einem Unternehmer bei einer Grundstücksausschreibung nicht nur Insiderinformationen gesteckt, sondern auch eine Spende für sein Abstimmungsverhalten im Aufsichtsrat entgegengenommen haben. Krach weist die Vorwürfe strikt zurück. Im Zentrum der Affäre steht auch der Unternehmer Gaurav Garg. Wer ist der Mann, der kurz vor der Berlin-Wahl die SPD in eine Krise gestürzt hat? WELT-Recherchen zeigen: Der 53-Jährige ist deutscher Staatsbürger mit indischen Wurzeln, lebt in Burgdorf, einer Stadt östlich von Hannover. Dort hat der jahrelang angesehene Unternehmer spätestens ab Ende 2008 ein weit verzweigtes Firmengeflecht aufgebaut. Seine insgesamt etwa 20 Unternehmen sind vor allem in der Pflege, im Gesundheitswesen und im Immobiliengeschäft tätig. Garg ist seit Jahren einer der Hauptsponsoren des Stadtmarketings Burgdorf, einem Zusammenschluss regionaler Unternehmer und städtischer Vertreter. Bereits 2012 arbeitete sein Pflegedienst gemeinsam mit der Stadt Burgdorf und der Wohnungsbaugenossenschaft Südheide am „Burgdorfer Modell – Wohnprojekt Q+“, wie aus einem Beitrag des niedersächsischen Sozialministeriums hervorgeht. Auch später blieb Garg im örtlichen Wirtschaftsleben präsent: 2016 tagte der Stadtmarketing-Arbeitskreis „Arbeit und Wirtschaft“ in seinem inzwischen eröffneten Quartierstützpunkt Q+. Wie der „AltkreisBlitz“ (verlinkt auf https://www.altkreisblitz.de/2016/09/08/internetseite-ich-kaufin-burgdorf-startet-in-den-herbsttagen/) damals berichtete, begrüßte Garg die Teilnehmer persönlich; anschließend wurden sein Unternehmen und die Einrichtung vorgestellt. Seit 2019 war Armin Pollehn Bürgermeister der Stadt. Der CDU-Politiker übernahm anschließend auch den Vorsitz im Verwaltungsrat der Stadtsparkasse Burgdorf. Dort kreuzten sich kommunale und geschäftliche Verbindungen mit Gargs Firmengeflecht: Die Sparkasse hielt schließlich 40 Prozent an der 1. BIG Projekt GmbH und 29 Prozent an der 2. BIG Projekt GmbH. Beide Gesellschaften wurden von Garg geführt. Die Unternehmen kauften und verkauften Immobilien und entwickelten Bauprojekte. Noch enger war Gargs Verbindung zum damaligen Sparkassenvorstand Thomas Lüer. Lüer war zugleich Geschäftsführer von Immobiliengesellschaften, gemeinsam mit Garg. In der 2. BIG Projekt GmbH führten beide zeitweise gemeinsam die Geschäfte; bereits 2018 waren sie gemeinsam Geschäftsführer der GSW Immobilien GmbH. Im selben Jahr rückte Lüer auch in den Vorstand der Stadtsparkasse Burgdorf. Doch dann kam die Kommunalwahl 2021. Die CDU geriet unter Druck, wurde auch tatsächlich am Ende nur zweitstärkste Kraft. Nach der Kommunalwahl 2021 wurde auch der Verwaltungsrat der Stadtsparkasse neu besetzt. Pollehn verlor im November den Vorsitz des Gremiums. Die CDU setzte sich zwar dafür ein, den Bürgermeister an der Spitze des Verwaltungsrats zu halten, konnte sich damit jedoch nicht durchsetzen. Pollehn gehörte dem Gremium anschließend nur noch beratend an. Eine Recherche von WELT zeigt nun: Im Jahr der Kommunalwahl hat Garg auch an die CDU gespendet. Der öffentlich einsehbare Rechenschaftsbericht 2021 weist Zuwendungen seiner „AR Seniorendienste GmbH“ von insgesamt 13.998 Euro aus – dieselbe Firma, die auch an die Berliner SPD gespendet hat. Ob die Spende vor oder doch nach der Wahl stattfand, lässt sich aus dem Rechenschaftsbericht nicht entnehmen. Eine Anfrage an Garg blieb am Sonntag – wie mehrere Anfragen zuvor auch schon zur Causa Krach – unbeantwortet. Ebenfalls unklar ist, ob hinter der Zuwendung an die CDU ein konkretes Geschäftsinteresse Gargs in Burgdorf stand, was genauso wie bei der SPD unzulässig wäre, oder ob es sich lediglich um die politische Unterstützung eines Unternehmers handelt. Letzteres wäre durchaus gut denkbar, denn die Spende betrug mehr als 10.000 Euro und musste veröffentlicht werden. Hätte es in diesem Zusammenhang im Vorfeld juristisch fragwürdige Vorgänge gegeben, hätte man sich offensichtlich keine Mühe gegeben, das zu verschleiern. Ging es also tatsächlich am Ende nur um eine herkömmliche Spende an politisch nahestehende Kandidaten? Fakt ist: Vier Jahre später tauchte dieselbe Garg-Firma erneut als Parteispender auf. Am 29. Dezember 2025 überwies die AR Seniorendienste GmbH 9900 Euro an die Berliner SPD. Zu dieser Zeit konkurrierte eine weitere Gesellschaft aus Gargs Unternehmensumfeld um das Gelände des ehemaligen Krankenhauses in Lehrte. Aufsichtsratsvorsitzender des kommunalen Klinikkonzerns war Steffen Krach. Die Klinikum Region Hannover GmbH (KRH) wollte das Gelände verkaufen. Zu den letzten beiden Interessenten gehörten die „G&W Vermögensverwaltung“ von Garg und die „Hahne-Gruppe“. Krach, daraus macht er bis heute kein Geheimnis, favorisierte das Konzept von G&W. Warum er das womöglich auch einfach aus Überzeugung tat, lässt sich aus dem Vergleich beider Konzepte erahnen. Die von der „Hahne-Gruppe“ und der „G&W Vermögensverwaltung“ erarbeiteten Konzepte liegen WELT vor – und unterscheiden sich deutlich in ihrer Ausarbeitung. Hahnes lediglich achtseitige Präsentation skizziert vor allem mögliche Nutzungen des Klinikgeländes, darunter Pflege, psychiatrisches Wohnen, Arztpraxis und Dialyse. G&W legte dagegen ein 48 Seiten umfassendes Konzept samt Anlagen vor, mit Flächenberechnungen, Finanzierungsmodell, einem Investitionsvolumen von rund 115 Millionen Euro und einem Projektzeitplan bis 2034. Doch nicht die unterschiedliche Ausarbeitung der Konzepte beschäftigt heute die Ermittler. Brisant wurde das Verfahren, als G&W nach Ablauf der Angebotsfrist sein Kaufpreisgebot noch einmal erhöhte. Nach bisherigen Erkenntnissen besserte das Unternehmen um mindestens 700.000 Euro nach und lag damit knapp über dem Höchstgebot der „Hahne-Gruppe“. Beim KRH entstand der Verdacht, Garg könnte zuvor vertrauliche Informationen über das Konkurrenzangebot erhalten haben. Garg weist den Verdacht zurück. Auch Krach bestreitet, mit Garg Kontakt gehabt zu haben. Während dieses Verfahrens ging die Spende aus Gargs Unternehmensgruppe bei der Berliner SPD ein. Krach erklärte später, er habe erst am 7. Januar von der Zahlung erfahren und am folgenden Tag ihre Rückzahlung veranlasst. Am 9. Januar ging das Geld zurück. Ein entsprechender Überweisungsbeleg liegt WELT vor. Garg bestreitet ebenfalls einen Zusammenhang zwischen der Spende und dem Geschäft in Lehrte. Nach Darstellung seines Anwalts ging die Initiative für die Zahlung von der Berliner SPD aus. „Er bekam ein Anschreiben mit Kontonummer und Verwendungszweck – alles ausgefüllt – und entschied sich, eine entsprechende Spende zu tätigen“, zitierte die „Hannoversche Allgemeine“ Gargs Anwalt. „Diese Spende stand in keinem Zusammenhang mit den Verkaufsverhandlungen und erfolgte auf den direkt an ihn durch die Berliner SPD ergangenen Spendenaufruf.“ Von der Berliner SPD gab es dazu zunächst keine Stellungnahme. Am 19. Februar stimmte der Aufsichtsrat des KRH schließlich über die verbliebenen Angebote ab. Den Zuschlag erhielt die „Hahne-Gruppe“. Krach enthielt sich anscheinend bei der Abstimmung. Wenig später wurde aus dem Bieterverfahren ein Fall für die Justiz. Am 3. März erstattete das Klinikum Strafanzeige. Bemerkenswert: Schon am 20. Mai durchsuchten Ermittler Gargs Geschäftsräume und beschlagnahmten Smartphones und weitere IT. Was danach mit dem sichergestellten Material geschah und welche Erkenntnisse die Ermittler in den folgenden Monaten gewannen, ist bislang nicht bekannt. Skurril: Während die Durchsuchung bei Garg vergleichsweise schnell ging, dauerte es Monate, bis gegen Krach die Ermittlungen überhaupt erst begonnen wurden. Nach WELT-Informationen leitete die Staatsanwaltschaft Hannover demnach erst am 3. September ein Verfahren gegen den SPD-Politiker ein. Vier Tage später, am 7. September, erließ das Amtsgericht Hannover den Durchsuchungsbeschluss. Am 9. September wurden die Durchsuchungen vollstreckt – eine bemerkenswert schnelle Umsetzung, kurz vor der Abgeordnetenhauswahl in Berlin. Was den Ausschlag dafür gab, das Ermittlungsverfahren gegen Krach erst Anfang September einzuleiten, ist bislang nicht bekannt. Die Staatsanwaltschaft will keine Details nennen. Maximilian Heimerzheim (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/maximilian-heimerzheim/) berichtet für WELT und „Politico“ über die SPD und gesellschaftspolitische Themen. Lars Petersen (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/lars-petersen/) ist Leiter National im Investigativ-Team von WELT, Business Insider Deutschland und Politico Deutschland und kümmert sich seit Jahren um Machtkämpfe und Affären hinter den Kulissen von Wirtschaft und Politik.