Wie Bandsalat kringelt sich das rote Tape. Bandsalat – den Ausdruck für verhedderte Magnetbänder aus Kassetten oder Videos (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article246432696/Betamax-VHS-Video-2000-Beim-Krieg-der-Videoformate-hatten-Filmfans-die-Qual-der-Wahl.html) kennen jüngere Menschen oft nicht mehr. Diese roten Kringel sind allerdings noch deutlich unbekannter, unabhängig vom Alter: Es handelt sich um „Tefifon“, eine Art Vorläufertechnik zu Kassetten aus den 1950er-Jahren, die sich nicht wirklich durchsetzen konnte. Der Grund: Die Firmen wollten Schallplatten (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article256260802/33er-vs-45er-die-revolution-auf-dem-plattenteller-und-der-krieg-der-geschwindigkeiten.html) verkaufen, Konkurrenz unerwünscht. Das Tefifon hat es trotzdem ins Deutsche Schallplattenmuseum (verlinkt auf https://deutsches-schallplattenmuseum.de/) geschafft, zwischen Konzertplakaten, Grammophonen mit riesigem Trichter und bunten Vinyl-Steinchen. 200.000 Platten finden sich im historischen Kesselhaus in Nortorf, nördlich von Neumünster gelegen. Ab 1950 wurden hier ganze 850 Millionen Platten gepresst – unter dem Label Teldec, fusioniert aus Telefunken und Decca. Seit knapp vier Jahren betreiben Ehrenamtler hier ein Museum, das alles andere als eine verstaubte Hobby-Sammlung bietet. Im Eingangsbereich grüßt der King of Rock als Pappaufsteller. Auch die Millionen Elvis-Platten, die in Deutschland verkauft wurden, stammen ursprünglich von hier. Die Sonderausstellung widmet sich derzeit einem anderen ganz Großen, nämlich dem vor gut zehn Jahren verstorbenen David Bowie. Im Erdgeschoss ist Platz für Veranstaltungen: Tanzpartys, Lesungen, natürlich auch Konzerte, einen kleinen Shop und eine gemütliche Thekenbar. Jukeboxen inklusive. Doch das Herzstück ist der Keller: Regalmeter voller Platten und Gerätschaften, die Zeitgeschichte, Musik und Technik miteinander verbinden. Alles beginnt mit einer Tondose und dem sogenannten Phonographen von Thomas Edison. Bevor Musik auf runde, meist schwarze Scheiben gepresst wurde, befand sie sich auf Walzen, und die Nadel zum Abtasten saß eben in der Tondose. Dass bei frühen Abspielgeräten – mitunter schrankhoch, höchst edel und mit integriertem Fach für alkoholische Getränke – die Nadel deutlich rascher abgenutzt war als die Platte, verblüfft ebenso wie die Fortschritte bei der Klangqualität. Krönender Höhepunkt des Rundgangs ist, nicht nur für HiFi-Fans, die Anlage der Marke ELAC im Wert von etwa 100.000 Euro. Wer Tracy Chapman einmal aus diesen schulterhohen Boxen hat singen hören, wird dieses musikalische Ereignis wohl nie wieder vergessen. Schallplatten, oft auch nach ihrem Material „Vinyl“ genannt, erleben seit Jahren ein Revival. Viele Künstler veröffentlichen ihre Alben auch als LP-Fassung, und Plattenspieler gibt es längst mit Bluetooth oder USB-Anschluss. Von 2024 auf 2025 hat sich die Anzahl der verkauften Schallplatten nach Angaben des Onlinehändlers Galaxus auf das Dreifache erhöht. Auch bei Plattenspielern sei das Wachstum seit 2023 stabil „auf bereits hohem Niveau“. Die Käufer sind offenbar mitnichten nur Nostalgiker: Am häufigsten kauften Kunden zwischen 25 und 34 Jahren im vergangenen Jahr einen Plattenspieler; sie machten knapp 28 Prozent aus. Zuletzt sind die Abspielgeräte deutlich günstiger geworden, so der Händler: Junge Erwachsene entdeckten die Schallplatte „als bewusstes Gegenstück zur permanenten Verfügbarkeit“ von Musik, die vor allem beim Streaming gegeben ist. Gute Zukunftsaussichten also für das Schallplattenmuseum, dessen Bestände sich überwiegend aus Schenkungen des NDR speisen. Nur ein Bruchteil ist bislang archiviert. Die allerletzte Scheibe, die einst in diesen Räumlichkeiten gepresst wurde, gehört natürlich dazu: „Men and Women“ von Simply Red aus dem Jahr 1987. Im folgenden Jahr begann das Aus für die Teldec. Der Produktionsprozess der Schallplatten selbst wird ebenfalls anschaulich – was auch insofern spannend ist, als die meisten der rund fünf Millionen Schallplatten, die jährlich in Deutschland verkauft werden, tatsächlich hierzulande entstehen. Im Juni 2028 jährt sich die Vorstellung der ersten Columbia-Schallplatte zum 80. Mal, die das Musikhören für ein breites Publikum ermöglichte. Offenkundig bleibt sie weiterhin jung – und weit mehr als nur ein Tonträger. Deutsches Schallplattenmuseum e.V. (verlinkt auf https://deutsches-schallplattenmuseum.de/) , Niedernstraße 7b, 24589 Nortorf. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr