Welt 11.03.2026
15:36 Uhr

„Es ist ganz wichtig, mit dem ersten Treffen nicht zu lange zu warten“


Wie gelingt Online-Dating jenseits der 50, ohne Peinlichkeiten und Pannen? Zwei Expertinnen erklären, wie ein gutes Profil aussieht, warum die erste Nachricht mehr sein muss als „Na, wie geht’s?“ – und woran die Partnerwahl oft scheitert.

„Es ist ganz wichtig, mit dem ersten Treffen nicht zu lange zu warten“

Singles über 50 tun sich schwer mit dem Online-Dating. Diese Beobachtung haben Petra Frömsdorf, Online-Dating-Expertin mit jahrelanger Erfahrung aus internationalen Plattformvergleichen, und Esther Winter, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Beziehungscoach, gemacht. Die beiden Freundinnen – selbst über 50 – haben deshalb ihr Wissen gebündelt und klären im Buch „Herz sucht Anschluss“ mit Mythen, Ängsten und falschen Erwartungen auf. WELT: Viele Singles über 50 glauben, Online-Dating sei etwas für Verzweifelte. Wer sind die Menschen, die sich in der zweiten Lebenshälfte erneut verlieben möchten? Petra Frömsdorf: Unsere Singles sind ein Spiegel der Gesellschaft. Die meisten stehen mitten im Arbeitsleben, haben im realen Alltag aber kaum Möglichkeiten, neue Menschen kennenzulernen. Obwohl sie Zugang zum Internet und zu digitalen Medien haben, fühlen sich viele im Umgang mit Online-Dating noch unsicher. Sie fragen sich, ob sie vielleicht schon zu alt dafür sind oder ob es überhaupt möglich ist, auf virtuellem Weg einem Menschen zu begegnen, der wirklich zu ihnen passt. Esther Winter: Diese Menschen zeichnet eine Besonderheit aus: Sie haben ein gelebtes Leben hinter sich – mit einer oder mehreren Trennungen. Da gibt es den gut gefüllten Rucksack mit Erfahrungen und Problemen. Frömsdorf: Noch vor 30 Jahren sind viele in ihren Beziehungen geblieben, auch wenn sie unglücklich waren. Einfach, weil es so war. Heute sind Singles über 50 fitter, leben länger und haben noch Erwartungen an das Leben. WELT: Was sollten Singles beachten, damit genau diese Erwartungen ihre Suche nicht blockieren? Winter: Wer mit dem Online-Dating starten möchte, sollte sich ein paar Fragen stellen: Was ist mir wichtig? Was fehlt mir? Wo passt ein Partner in mein Leben? Was ist ein No-Go? So kann jeder für sich herausfinden, wie weit jemand in das eigene Leben darf – ob als Reisebegleitung oder nur für Intimes. Denn besonders in der zweiten Lebenshälfte haben sich viele ein stabiles Leben mit Hobbies, Freunden oder familiären Verpflichtungen aufgebaut. Frömsdorf: Jemand, der weiß, dass er seine Wohnung behalten möchte, und nur jemanden für die Freizeit sucht, geht erfolgreicher auf die Suche. Jeder hat Dinge, die nicht verhandelbar sind – im Alter mehr denn je. Es hilft, sich dieser bewusst zu sein und sich vielleicht auf einen Zettel zu schreiben. Winter: Dinge, die nicht verhandelbar sind – wie „Schlafen nur mit offenem Fenster“ – können bei Partnervermittlungen auch in die Suchmaske eingegeben werden. So wird direkt aussortiert. Ob es funkt, ist dann eine andere Sache. WELT: Nicht jeder wird sofort wissen, was oder wen er eigentlich sucht. Winter: Ich empfehle Fragen wie „Ist mir gemeinsames Frühstück wichtig?“ oder „Muss man die gleichen Hobbies haben oder Partei wählen?“ So nähert man sich schrittweise. Frömsdorf: Männer und Frauen sind da tatsächlich auch unterschiedlich. Männer über 50 würde lieber wieder zusammenwohnen und ihre Hobbies teilen. Die Unabhängigkeit, die sich die Frau erkämpft hat, möchte sie aber nur ungerne aufgeben. WELT: Und doch, so steht es in Ihrem Buch, gibt es einen Satz, den sie unabhängig vom Geschlecht immer wieder hören: Ich möchte jemanden, bei dem ich mich sicher fühlen kann. Was steckt dahinter? Winter: Dabei geht es nicht um das Finanzielle, wie man vielleicht im ersten Moment denken würde – sondern um Vertrauen und Selbstvertrauen. Leider verharren immer noch zu viele in Beziehungen, die ihnen nicht guttun. Sie denken, sie sind es nicht wert, geliebt zu werden. Das gilt auch bei Enttäuschungen. Meldet sich der Mann nach einem Date zum Beispiel nicht mehr, suchen gerade Frauen den Fehler bei sich. Dabei hat der andere ja falsch gehandelt. Frömsdorf: Auch meine Beobachtung bestätigt, dass gerade Frauen so etwas persönlich nehmen. Dabei kann hinter dem Verhalten des anderen einfach die Angst stecken, etwas zu beenden. WELT: Was entgegnen Sie, wenn Sie die Frage: „Bin ich zu alt für Online-Dating?“ hören? Frömsdorf: (lacht) Ganz einfach: Es gibt kein „zu alt“. Viele Partnerbörsen haben sich auf Ü60 und älter spezialisiert. Online ist nicht mehr nur ein Medium für junge Menschen. Vor 30 Jahren war man mit 75 Jahren alt. Heute leben viele mit 90 Jahren noch recht selbstständig. Winter: Das Bedürfnis nach Nähe hat keine Altersgrenze. WELT: Die heute 50-jährigen Männer sind zu Hause meist noch mit einer klassischen Rollenverteilung groß geworden. Hängen sie den gleichaltrigen Frauen, die sich eine Unabhängigkeit aufgebaut hat, hinterher? Winter: Ich glaube, viele Männer kommen schon recht gut alleine zurecht. Da ist die Suche nach einem Hausmütterchen nicht vordergründig. Zur Wahrheit gehört aber auch: Es gibt Frauen, die gerne versorgen. Frömsdorf: Meine Beobachtung ist, dass Frauen eher gleichaltrig oder älter suchen. Die Hemmschwelle, Jüngere zu daten, ist recht groß. Andersherum ist es akzeptierter – Männer suchen eher bei Jüngeren. WELT: Mit mehr Erfolg? Frömsdorf: Das kommt darauf an. Manche Männer haben die erste Lebenshälfte hauptsächlich ihrer Karriere gewidmet. Sie sind nun über 50 und es kommt bei ihnen das Bedürfnis nach einer Familie und nach Kindern auf. Diesen Traum können Sie natürlich nur mit einer jüngeren Frau verwirklichen. Andere wiederum wünschen sich zwar eine wesentlich jüngere Frau, können und wollen aber deren Wunsch nach Familie nicht erfüllen. Die letztere Gruppe sollte gerne auch die Augen nach gleichaltrigen oder etwas älteren Frauen aufhalten. WELT: Neben der Lebenserfahrung hat sich auch Frust aufgebaut. Was sind die größten Probleme für über 50-Jährige? Winter: Die größten Herausforderungen sind häufig unverarbeitete Verletzungen. Hinzu kommt, dass Online-Dating eine gewisse digitale Kompetenz und Frustrationstoleranz erfordert. Gleichzeitig liegt gerade in dieser Lebensphase eine große Stärke: Man kennt sich selbst besser, weiß um die eigenen Bedürfnisse und kann bewusster wählen. Entscheidend ist, offen zu bleiben und Vergangenes nicht zum Maßstab für jede neue Begegnung zu machen. WELT: Welche Vorteile hat die Onlinesuche für ältere Menschen? Frömsdorf: Durch die Fragebögen bei Partnervermittlungen kann gezielt nach der Person gesucht werden, die ins eigene Leben passt. Fester Partner oder eine Freizeitbegleitung? Wer so etwas vorab klärt, muss solche vielleicht doch eher heiklen Themen nicht direkt beim ersten Treffen ansprechen. Winter: Wer mit 20 datet, sucht jemanden fürs Leben – für Heirat, Kinder und ein Haus. Wer älter ist, hat bereits Erfahrungen gesammelt. Die Intention zu daten ist eine andere. Da gilt es nicht, sich was aufzubauen. Es geht mehr um das Genießen. WELT: Muss es dafür eine Plattform für Menschen über 50 sein? Frömsdorf: Das ist Geschmackssache. Wenn man bereit ist, jüngere Singles zu daten, dann ist man auch auf einer Mainstream-Plattform gut aufgehoben. Allerdings möchten viele Singles über 50 nicht so gern mit Jüngeren in Konkurrenz treten und fühlen sich auf einer Ü50-Plattform wohler. Entscheidend für den Erfolg im Online-Dating ist die Wahl einer kostenpflichtigen Partnerbörse. Wer nämlich bereit ist, in sein Liebesglück zu investieren, meint es ernst. Außerdem sind die Sicherheitsmaßnahmen auf diesen Plattformen viel höher als auf kostenlosen Dating-Apps. WELT: Als besonders problematisch sehen Sie „Romance Scammer“. Was ist das und welche Warnsignale gibt es? Frömsdorf: Das sind Betrüger, die es aufs Geld abgesehen haben (verlinkt auf https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/wirtschaft_nt/article698ea3160abe5c8b74ecdcc9/liebesschwindel-fabriken-richten-milliardenschaeden-an.html) – inzwischen leider eine richtige Industrie. Auffällig ist, dass sie nie telefonieren oder sich treffen wollen. Sie erfinden immer wieder Ausreden, warum es beim Schreiben bleiben muss. Daher die Faustregel: Online-Dating und Geldforderungen passen nicht zusammen. Sei es auch noch so ein „Notfall“. Winter: In meiner Praxis war mal ein älterer Herr, von Beruf Arzt, der Tinder nutzte. Dort wurde er hauptsächlich von jungen Russinnen angeschrieben, die seine Sehnsucht bedienten und die Einsamkeit erkannten. Ihn machte stutzig, dass Fragen nach einem Telefonat oder Videocall immer ausgewichen wurden. So hat er rechtzeitig gemerkt, dass etwas nicht stimmt und den Kontakt beendet. Frömsdorf: Es ist ganz wichtig, mit dem ersten Treffen (verlinkt auf https://www.welt.de/kmpkt/article6943cf0a3b6ec42d15041d94/dating-mit-diesen-fragen-gelingt-das-perfekte-erste-date.html) nicht zu lange zu warten. Auch, weil man sonst zu viele Wunschvorstellungen dazu spinnt. Winter: Ich finde es auch wichtig, die Ausstrahlung live zu sehen, mit allen Sinnen. Am Ende muss eben auch die Chemie stimmen. WELT: Und doch ist der erste Eindruck das Profil. Was sollte vermieden werden? Frömsdorf: Der Text sollte nicht zu lang sein, aber die liebsten Aktivitäten abbilden. Nicht einfach Sport schreiben, sondern schon genauer werden. Auch kann man gerne etwas aus seinem Alltag teilen oder beschreiben, wen man sich aus dem Alltag wünscht. Wichtig ist, sich selbst darzustellen und nicht so, wie man gerne wäre. Winter: Es ist wie mit einem Bewerbungsgespräch. Schummeln fällt einem auf die Füße. WELT: Sie plädieren für Authentizität – doch beim Foto neigen einige vielleicht dazu, ein etwas älteres zu nehmen. Ist ein bisschen Schummeln okay? Frömsdorf: Natürlich will jeder die beste Version von sich selbst zeigen. Dafür muss aber nicht geschummelt werden. Es hilft schon, aufs Licht zu achten und seine Schokoladenseite zu zeigen. Winter: Man sollte beim ersten Date schon zu erkennen sein (lacht) . Sonst ist die Enttäuschung bereits programmiert. WELT: Sie schreiben: „Du bist kein Produkt, das an den Mann gebracht werden muss.“ Kommt mit dem richtigen Mindset automatisch das beste Profil zustande? Winter: Entscheidend ist ein ressourcenorientiertes Mindset. Ich empfehle, sich die eigene Lebensleistung bewusst vor Augen zu führen und aufzuschreiben: Welche Herausforderungen habe ich gemeistert? Welche Kompetenzen bringe ich mit? Dieses Bewusstsein schafft innere Sicherheit und Selbstbewusstsein. Frömsdorf: Zu bedenken ist auch, dass Plattformen wie Tinder nur das Bild mit Namen und Alter haben – das ist mit Anfang 20 vielleicht noch ok. Aber mit über 50 ist das eigentlich nicht der Maßstab, mit dem man gemessen werden möchte. WELT: Die erste Kontaktaufnahme ist meist schriftlich. Was gilt es zu beachten? Frömsdorf: Was auf jeden Fall vermieden werden sollte, sind Floskeln oder kopierte Nachrichten. Komplimente bitte nicht wahllos verteilen. Man sollte merken, dass sich der andere das Profil angeschaut hat. Ich empfehle außerdem, die Person immer mit Namen anzusprechen. So simpel, aber viele machen es leider nicht. WELT: Welchen Satz möchten Sie Menschen über 50 mit auf dem Weg geben, bevor sie sich auf die Suche machen? Winter: Vertraue dir und dem, was du bist und was du in deinem Leben erreicht hast. Frömsdorf: Online-Dating ist kein Zeichen von Verzweiflung, sondern von einer bewussten Entscheidung.