Welt 12.10.2026
19:30 Uhr

„Es ist ja das Ziel der Demokratie, dass wir Leute einfach scheiße finden, die so viel Macht haben“


Satiriker El Hotzo bewertet Misstrauen in Politiker als demokratisch erwünscht. Bundeskanzler Friedrich Merz sei in seinem Amt „wirklich furchtbar“. Ihm fehle zudem eine positive Zukunftserzählung.

„Es ist ja das Ziel der Demokratie, dass wir Leute einfach scheiße finden, die so viel Macht haben“

El Hotzo kann dem wachsenden Vertrauensverlust in politische Autoritäten auch Positives abgewinnen. „Wenn man jemanden demokratisch wählt, dann soll das ja niemand sein, der über uns steht, der herrscht und gottgleich ist“, erklärte der Satiriker im „SZ“-Podcast von Ronen Steinke. Deshalb bewerte er das schwindende Vertrauen in die „über allem schwebende Parteiendemokratie“ sowie den abnehmenden Respekt für Amtsträger als gute Entwicklung. „Es ist ja genau das Ziel einer Demokratie, dass wir Leute auch einfach scheiße finden, die so viel Macht haben.“ Pauschales Misstrauen werde zu Unrecht stets in „eine Querdenker-AfD-Impfleugner-Ecke geschoben“, schilderte der frühere Autor von Jan Böhmermanns „ZDF Magazin Royale“ (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/article6aba892911145109616bbed5/zdf-magazin-royale-intendant-hatte-traenen-in-den-augen-boehmermann-erklaert-das-ende-seiner-show.html) . Oft stehe hinter jedem Politiker und jeder öffentlichen Person im Allgemeinen „einfach ein Freak“, dem das Vertrauen entzogen gehört. Dafür sei er selbst ein gutes Beispiel. „Gerade gegenüber einem Friedrich Merz, der – ohne jetzt irgendwie allzu demagogisch zu sein – über mich herrscht, darf man durchaus eine gewisse Antipathie haben und auch ein bisschen mal frecher das Maul aufmachen, als man unbedingt müsste“, bewertete Sebastian Hotz, so der bürgerliche Name des Satirikers. Zugleich zeigte El Hotzo Mitgefühl mit dem CDU‑Vorsitzenden. Dieser habe in den vergangenen 20 bis 30 Jahren „alles dafür getan, um eines Tages Kanzler zu werden“, schilderte er. „Jetzt macht er diesen Job seit anderthalb Jahren und er ist einfach wirklich furchtbar darin. Und das tut mir ein bisschen leid für ihn.“ Es sei einfacher, Merz anzugreifen, als dies bei seinen Vorgängern der Fall gewesen sei. Ihm fehle die Ruhe, die „unverrückbare Politprofis“ wie Helmut Kohl oder Angela Merkel ausgestrahlt hätten. Die CDU charakterisierte er als professionell zugeknöpft, als „gutbürgerliche Verwalterpartei, die wirtschaftsnah ist, die unpopuläre Maßnahmen auch mal durchdrückt“. Auf Grundlage dessen zweifelte er an der oft gestellten Forderung, sich an der Authentizität von Politikern wie dem AfD‑Spitzenkandidaten aus Sachsen-Anhalt, Ulrich Sigmund, zu orientieren. „Ich frage mich, ob es überhaupt authentische CDU-Politiker geben kann“, erklärte El Hotzo zweifelnd. Mit Veranstaltungen wie Sven Schulzes Auftritten mit Dieter Hallervorden (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article6a6cb23eef632fe6ede6705e/sachsen-anhalt-cdu-tritt-als-afdlight-mit-hallervorden-an-pfui-scharfe-kritik-an-anti-merz-wahlkampf-der-cdu.html) im Namen der Meinungsfreiheit zöge die Partei am falschen Hebel. „Wir sind die grauen Männer, aber wir machen unseren Job“, müsse vielmehr die Losung lauten. Als authentisch bewertete er zumindest Philipp Amthors Strandkorb-Lieferung ins Kanzleramt, die für Spott und Kritik gesorgt hatte (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article6ab973e9019febc3f63d2596/inside-cdu-nach-spott-und-kritik-amthor-laesst-strandkorb-aus-kanzleramt-entfernen.html) . Er sei bei der Doku-Reihe „Inside CDU“ nicht an der von vielen beanstandeten Szene hängengeblieben. „Dafür steht doch die CDU – ein bisschen volkstümlich sein, aber eigentlich auch nur so als Pose“, erklärte El Hotzo. „Das hat mich dann irritiert, dass das ein derart großes Thema im Internet war.“ Zwar handele es sich bei den Kosten von 2000 Euro für den Strandkorb um viel Geld, aber einen Ausdruck von Abgehobenheit der CDU könne er darin nicht erkennen. Philipp Amthor ähnele einem „Simpsons-Charakter“, der bereits an seiner Silhouette erkennbar werde. Deshalb sei er in der Politik relativ weit gekommen. „Er scheint auch Macht ganz gut organisieren zu können“, ergänzte El Hotzo. „Das war ja ein großer Friedrich-Merz-Einpeitscher, als es auf die Zielgerade seiner Kandidatur ging. Und lange sah es so aus, als würde er damit richtig gut fahren.“ Dem Bundeskanzler und dessen Partei warf der Satiriker vor, auf eine positive Zukunftserzählung zu verzichten. „Es gibt nur ein: Wenn es jetzt schlechter wird, könnte es in Zukunft ein bisschen weniger schlecht sein. Aber das kann ja nicht das Ziel von politischer Gestaltung sein“, bemängelte er. „Und es kann auch nicht das Ziel sein, dass man immer nur über die nächsten sechs, zwölf, achtzehn Monate plant.“ Merz müsse erklären, warum er als Comedian künftig sechs Tage pro Woche arbeiten solle. Wenn dieser nicht beantworten könne, warum sich die Bürger aufopfern müssen, sei es für die AfD einfach, zu sagen: „Wir müssen uns gar nicht opfern, wir müssen einfach nur 10 Millionen Ausländer abschieben.“