Anne Haug lebte den Spitzensport so extrem wie kaum jemand anderes. Und dann war plötzlich Schluss. Knapp ein Jahr ist das her: Die Bayreutherin, 2019 Deutschlands erste und bis heute einzige Siegerin (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/article201772366/Ironman-Hawaii-Jan-Frodeno-zurueck-auf-dem-Thron-Sensationssieg-durch-Anne-Haug.html) der legendären Ironman-WM auf Hawaii, gab bei einem Rennen in Spanien auf – und beendete danach überraschend ihre Karriere (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/triathlon/article6874f7127310134cfb629837/Anne-Haug-Mein-Wille-ist-gebrochen-Jetzt-ist-Schluss-Hawaii-Siegerin-hoert-auf.html) . Die diplomierte Sportwissenschaftlerin war erst als Erwachsene zum Triathlon gekommen, gewann auf der olympischen Distanz (1,5 km Schwimmen, 40 km Rad, 10 km Laufen) WM-Silber und -Bronze und nahm 2012 sowie 2016 an Olympischen Spielen teil. Danach wechselte sie auf die Langdistanz (3,8 km, 180 km, 42,195 km). Neben ihrem Hawaii-Sieg wurde sie bei der Ironman-WM einmal Zweite und dreimal Dritte und hält die Weltbestzeit auf der Langdistanz in 8:02:38 Stunden, aufgestellt 2024 in Roth. Kürzlich erschien ihre Autobiografie „Ironmade“. WELT AM SONNTAG erreicht die 43-Jährige telefonisch in ihrer neuen Heimat Lanzarote, wo sie mit Partner und Hund in einem Eigenheim lebt. WELT AM SONNTAG: Trainieren, essen, schlafen, keine Ablenkung, keine Auszeit – das machte Sie glücklich. Was ist es jetzt? Anne Haug: Ich versuche noch, mich daran zu gewöhnen, dass das Leben nicht mehr die über zwei Jahrzehnte gewohnte Struktur hat. Dass das normale Leben flexibler ist. Ich habe aber verschiedene Projekte laufen und finde es spannend und schön, dass ich vieles ausprobieren kann. Es gehört jetzt einfach dazu, etwas spontaner zu sein, obwohl ich diese Routine vermisse, die Tatsache, dass alles von früh bis spät durchgetaktet war. Manchmal denke ich: „Ich bin so faul.“ Was nicht stimmt, aber es stresst mich ein bisschen. WAMS: Sie haben den Spitzensport so ausschließlich gelebt wie kaum jemand anderes. Das Ende hatten Sie zudem nicht vorbereitet. Sie gaben auf, weil Ihr Kopf sagte: Es geht nicht mehr. Da muss der Cut umso härter sein, oder? Haug: Es ist ein Prozess. Ich kann nicht erwarten, 20 Jahre Leistungssport gemacht zu haben und gleich danach etwas anderes zu haben. Das ist der Preis, den ich dafür gezahlt habe, dass ich mich immer ausschließlich auf den Sport konzentriert habe. Aber langsam reiht sich Puzzlestück an Puzzlestück und eine Routine ergibt sich. WAMS: Ihr Entschluss war spontan und sehr konsequent – so konsequent wie Ihre Karriere. Haben Sie den Entschluss mal bereut? Haug: Nein. Mich wundert es selbst, dass ich der Karriere nicht nachtrauere. Aber für mich war so klar, dass es in dem Moment, wenn der Kopf „Nein“ sagt, kein Zurück mehr gibt. Das ist wie eine Vase, die zerbricht. Ich habe nicht darauf gewartet, aber es war mir immer bewusst, dass dieser Tag kommen wird. Ich dachte jedoch, es ereilt mich im Training. Der Moment, wenn der Wille bricht. Dieser Gedanke: „Heute kann ich mich nicht mehr so quälen.“ WAMS: Aber diesen Gedanken haben andere Sportler auch sicherlich hin und wieder. Und raffen sich wieder auf. Warum war das bei Ihnen nicht so? Haug: Mein Wille hat mich immer angetrieben. Und ich wusste, wenn er irgendwann bricht und der beschriebene Gedanke kommt, ist meine Superpower, die mich ausgemacht hat, weg. Und dann kann ich den Sport nicht mehr professionell betreiben. Ich glaube auch, dass dieser Schritt für mich einfacher war, weil ich auf der Langdistanz alles erreicht hatte. Ich wusste: Es geht nicht besser. Und dann ist es auch gut zu gehen. WAMS: Wie sehen Sie rückblickend diese extreme Art, wie Sie den Sport gelebt haben? Haug: Ich würde auf keinen Fall behaupten, dass mein Weg der richtige ist, aber es war mein Weg. Ich war einfach nicht mit körperlichem Talent gesegnet. Mein Talent war es, immer hart zu arbeiten und immer motiviert zu sein. Jeder muss seine Karten dementsprechend ausspielen. Und um Weltklasse zu sein, musste ich so leben. Ich habe mich aber nicht dazu gezwungen, es war einfach das, was natürlich aus mir herauskam. Ich liebte es einfach, nur für den Sport zu leben. Ich bin ja nicht im Leistungssport groß geworden, deshalb war es zudem ein großes Privileg für mich. WAMS: Sie klingen sehr mit sich im Reinen. Haug: Die einzige Prämisse, die ich immer hatte: „Wenn es morgen vorbei ist, will ich sagen, dass ich nichts unversucht gelassen habe.“ Das habe ich mir geschworen. Deswegen habe ich jeden Tag versucht, das Beste herauszuholen, und so rigoros gelebt. Zumal ich ja weiß, wie kurz die Phase des Spitzensports ist und wie schnell es vorbei sein kann. Ich wollte rückblickend nie etwas bereuen, und das tue ich auch nicht. Es ist ein befriedigendes Gefühl, zu wissen, dass ich nichts ausgelassen habe. WAMS: Sie beschreiben in dem Buch, wie der Switch weg vom extremen Leben schleichend begann. War das rückblickend der Anfang vom Karriereende? Haug: Definitiv. In der Situation selbst merkt man das nicht, aber rückblickend war das der Fall. Ich musste 24 Stunden am Tag für den Sport leben, um Weltklasse zu sein. Wenn das nicht mehr der Fall ist, leidet die Regeneration, die Qualität im Training – und dann bist du nicht mehr absolute Spitze, sondern einen Schritt dahinter. Oder verletzt und öfter krank. So jedenfalls war es bei mir. Zudem ist das Niveau in der Spitze heute krass hoch. WAMS: Sie haben ausschließlich für den Sport gelebt, daneben gab es nichts. Jetzt sind da Haus, Partner, Hund, Jobprojekte – hätten Sie sich selbst in diesem Leben gesehen, hätte Ihnen das jemand vor zwei Jahren gesagt? Haug: Wahrscheinlich nicht. Aber ich habe auch nie gedacht, dass ich jemals Profisportlerin werde. Die Tür ist aufgegangen, und ich habe es dann kennengelernt. Ich möchte glauben, dass alles im Leben seinen Sinn hat und alles zur richtigen Zeit kommt WAMS: Können Sie das neue Leben genießen? Auch wenn es, wie Sie sagten, ein Prozess ist? Haug: Ja, ich genieße es sehr. Es ist genauso, wie es kommen musste. Und ja, ich freue mich einfach. Es war das Richtige und zum richtigen Zeitpunkt. Man merkt irgendwie, wenn etwas anderes kommen muss. Und das ist dann okay. WAMS: Sport spielt weiterhin eine große Rolle. Sie starteten kürzlich bei einem kleinen Triathlon und bei einem Halbmarathon. Ohne geht nicht, oder? Haug: Ich treibe immer noch wahnsinnig gern Sport, konzentriere mich vor allem aufs Laufen und Radfahren. Und ich möchte ja weiterhin im Sport tätig sein, will meine Erfahrung weitergeben. Da möchte ich natürlich als Vorbild stehen und nicht als unfitte Ex-Sportlerin. Man kann auch nicht sein halbes Leben lang 30, 35 Stunden Sport die Woche machen und dann zu sehr runterfahren. Du fühlst dich sonst einfach nicht wie ein Mensch. Mein Kopf und Körper brauchen den Sport. WAMS: In den letzten Jahren hatten Sie mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen – mit Corona-Diabetes (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/plus238502213/Ironman-WM-Corona-und-Diabetes-Schon-morgens-taten-meine-Muskeln-weh.html) , einer Schilddrüsenerkrankung sowie einer Thrombose im Auge. Wie geht es Ihnen heute? Haug: Mir geht es wirklich sehr, sehr gut. Vielleicht liegt es daran, dass Körper und Geist nach dem Schlussstrich mal runterfahren konnten und daran, dass dieser wahnsinnige Druck, den ich mir selbst gemacht habe, weg ist. Das alles hat auch die Corona-Diabetes (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/triathlon/plus241405167/Anne-Haug-Trotz-der-Tatsache-dass-ich-esse-verhungere-ich-energetisch.html) verschwinden lassen. Manchmal merke ich noch etwas Druck auf dem Auge, aber die vollständige Genesung dauert einfach etwas. WAMS: Während Ihrer Karriere sagten Sie über sich selbst, eine Getriebene zu sein. Und dass ein Männchen mit Peitsche in Ihrem Kopf sei. Ist es noch da? Haug: Wenn ich an einer Startlinie stehe, hat sich nichts geändert. Ansonsten fokussiere ich mich auf andere Dinge. Ich habe letztens einen Impulsvortrag in einem Unternehmen gehalten – vor so einer Aufgabe spüre ich eine ähnliche Anspannung wie vor einem Rennen, weil ich performen muss. Ob Personal Training, Talks, Fachvorträge über sportwissenschaftliche Themen – ich will das alles gut machen. Ich glaube auch, es ist eine Charaktereigenschaft, diesen perfektionistischen Anspruch an sich zu haben. Es kanalisiert sich jetzt nur in andere Projekte. Ich glaube, das verliert sich auch nicht, aber ich bin froh, dass ich den ganz großen Druck und Stress aus dem Spitzensport nicht mehr habe. WAMS: Ist dieser große Traum, das Ziel, das im Spitzensport immer präsent ist, im Leben danach ersetzbar? Haug: Nein, ich glaube, du kannst Spitzensport mit nichts vergleichen. Das ist etwas so Extremes und Einzigartiges, dass man das wahrscheinlich nie mehr findet. Und es wäre vermessen, nach etwas Ähnlichem auch nur zu suchen. Es war einfach die geilste Zeit meines Lebens, von der ich keine Sekunde missen möchte. Und dafür bin ich dankbar. Jetzt ist es aber vorbei. Ich vermisse es auch nicht, denn nun kommt etwas anderes. Aber dass man dieses eine große Ziel hat, dem man das ganze Leben unterordnet, ist vorbei. Flexibler und spontaner zu sein, hat ja auch etwas. WAMS: Schaffen Sie es mittlerweile, mal zur Ruhe zu kommen? Haug: Schwierig. Ich weiß auch gar nicht, ob ich das will. Ich glaube, ich brauche immer eine gewisse Unzufriedenheit, dieses Gefühl, etwas Neues zu wollen, weil mich das antreibt. Das macht das Leben für mich interessant. Ich nehme es einfach so an, wie es bei mir ist, und dass genau das neue Projekte generiert. WAMS: Aber was genau hat Sie angetrieben, immer ins Extreme zu gehen? Haug: Zu sehen, wo meine körperliche Grenze ist. Etwas zu schaffen, was ich für sehr schwer, für eine große Barriere halte. Von dem ich vielleicht im ersten Moment denke: „Das schaffe ich nie.“ Ich wollte immer wissen: Wie schnell kann ich sein? Was kann ich noch optimieren? Sonst wäre ich auch in der Covid-Zeit nicht immer so motiviert gewesen, ich brauchte keine Wettkämpfe. Das hat mich immer gestresst. Klar ist es faszinierend, zu gewinnen, und du brauchst es auch, um davon leben zu können und um das Maximale aus dir herauszuholen. Dafür benötigst du Weltmeisterschaften oder große Rennen. Aber für meine eigene Motivation brauche ich nur ein Laufband und eine Rolle. WAMS: Große Barrieren überwinden, das Unmögliche schaffen – kleine Ziele waren nie Ihr Ding, oder? Haug: Dadurch bin ich Vize-Weltmeisterin geworden, habe Medaillen gewonnen, zweimal die Weltrangliste angeführt, bin Team- und Sprintweltmeisterin. Wenn ich zurückblicke, was ich auf dem Weg alles geschafft habe, denke ich: „Wow, ich habe mein Potenzial wirklich zu 158 Prozent ausgeschöpft.“ Wenn ich mir nur das Ziel gesetzt hätte, in die Erste Bundesliga zu kommen, hätte ich nie diese Karriere gemacht. Deswegen finde ich es auch gut, dass nicht alle Ziele und Träume in Erfüllung gehen – sonst waren die Ziele und Träume nicht groß genug. WAMS: Denn außer dieser sehr intrinsischen Motivation hatten Sie ja immer auch einen konkreten Traum. Haug: Eine Olympiamedaille zu gewinnen. Das ist mir nie gelungen. Diesen Traum loszulassen, war sehr schwer. Es hat wirklich lange gedauert, weil ich immer dachte, es gebe noch irgendetwas, was ich nicht probiert habe. Diesen Zweifeln musst du aber irgendwann Grenzen setzen. Bis dieser Prozess abgeschlossen war, hat es ein paar Jahre gedauert. Aber wie gesagt, es war richtig so. WAMS: Nach dem geplatzten Olympia-Traum erreichten Sie den Olymp später doch noch in Ihrer beeindruckenden Langdistanz-Karriere. Wie würden Sie Ihr Credo beschreiben: Immer nach den Sternen greifen? Haug: Ja, definitiv. Sich große Ziele zu setzen. Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man den Mut hat, es einfach mal zu probieren und zu schauen: Wie weit kann ich es treiben? Wenn man dann ehrlich sagen kann, alles probiert zu haben, kann man auch zufrieden sein damit. Denn es ist okay, an Träumen zu scheitern. Aus meiner Sicht geht es darum, sein Potenzial auszuschöpfen. Und deswegen braucht man diese großen Träume. Wenn man es nie versucht, wird man es nie wissen. Und der Weg dorthin wird vieles bereithalten. WAMS: Große Ziele begeistern und motivieren mehr als kleine. Auch Genugtuung, Zufriedenheit, Glück sind bei Teil- oder großen Erfolgen anders. Stimmen Sie zu? Haug: Wenn etwas schwer erkämpft ist, wenn es ein langer, harter Weg ist, wenn du auch Rückschläge und all das, was dazugehört, durchstehen musst, dann ist die Befriedigung viel größer. Wenn du weißt, dass du alles gegeben hast. Das ist viel geiler – ob es dann in Erfüllung gegangen ist oder nicht. Du weißt einfach, es wäre nicht mehr gegangen. Und das ist für mich das schönste Gefühl, denn dann muss man nichts bereuen. Vor allem merkt man: Es geht immer mehr, als man denkt. Viele Menschen trauen sich grundsätzlich viel zu wenig zu. WAMS: Manche Menschen sind allerdings zufrieden in ihrer Komfortzone, weil sie ihnen genügt. Vielleicht aber auch aus Angst vor dem Scheitern? Haug: Vielleicht ist es ein Schutzreflex. Menschen sind verschieden. Ich glaube auch, dass es für wahnsinnig viele Menschen total schwierig ist, etwas zu finden, das ihnen wirklich Spaß bringt. Oder worin sie gut sind. Viele Menschen finden einfach nicht dieses Glück. Es ist ein großes Privileg zu wissen, was man gerne tut und das idealerweise als Job machen zu dürfen.