Seit der Zerstörung des Naturhistorischen Museums bei der Operation Gomorrha im Sommer 1943 wartet Hamburg auf ein neues Naturkundemuseum. Bis zum Freitag dieser Woche schien das Museum in greifbarer Nähe. Es sollte in Kooperation mit der Leibnizgemeinschaft entstehen – möglichst im Elbtower an den Elbbrücken. Nun fordert die Grünen-Bürgerschaftsfraktion einen Verzicht auf das Projekt. Der Grund: Hamburg brauche die Millionensumme für den Bau an anderer Stelle dringender. Auslöser der neuen Debatte ist ein Angebot des Hamburger Immobilienunternehmens Büll & Liedtke, das am Freitag öffentlich geworden ist. Das Unternehmen bietet laut einem Bericht des „Hamburger Abendblatts“ an, das geplante Naturkundemuseum statt im Elbtower in einem repräsentativen Kontorhaus am Besenbinderhof am Hauptbahnhof unterzubringen. Die Kosten für das frühere Generali-Haus und den schlüsselfertigen Umbau zum Museum würden demnach bei 495 Millionen Euro liegen und damit rund 100 Millionen Euro unter der bislang vom Senat verfolgten Elbtower-Lösung. Für die Grünen sei jedoch auch die günstigere Variante keine Option, wie die Bürgerschaftsfraktion überraschend mitteilte. „100 Millionen Euro weniger machen aus einem sehr teuren Projekt noch lange kein Schnäppchen“, erklärte Fraktionschef Michael Gwosdz. „Einer Lösung mit diesen Kosten wird die Grüne Bürgerschaftsfraktion daher nicht zustimmen.“ Die Ablehnung richtet sich dabei nicht allein gegen den Elbtower oder den nun vorgeschlagenen Alternativstandort. Nach Angaben der Fraktion können die mit dem Leibniz-Institut vereinbarten und in einem Staatsvertrag festgeschriebenen Ziele in Forschung, Sammlung und Wissenschaftstransfer auch ohne einen Museumsneubau erreicht werden. Statt in ein großes Museumsprojekt sollten die Mittel aus Sicht der Grünen stärker in Kinder, Familien, Schulen und Hochschulen fließen. Damit stellen die Grünen ein Vorhaben infrage, das Hamburg seit Jahrzehnten beschäftigt. Das Naturhistorische Museum am Steintorwall gehörte einst zu den bedeutendsten seiner Art in Deutschland. Zwar konnten Teile der Sammlungen aus dem zerstörten Bau gerettet werden, ein Wiederaufbau blieb jedoch aus. Die Bestände gingen später an die Universität Hamburg und wurden über verschiedene Standorte verteilt. Immer wieder gab es in den vergangenen Jahrzehnten Bestrebungen, die Sammlungen an einem Ort zusammenzuführen und Hamburg erneut ein großes Naturkundemuseum zu geben. Vor allem die Hamburger Grünen kämpften für ein solches Schaufenster für die herausragenden Sammlungen und die Forschung in dem Bereich. Neue Dynamik erhielt das Vorhaben 2020, als das Hamburger Centrum für Naturkunde gemeinsam mit dem Bonner Museum Koenig zum Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels weiterentwickelt wurde. Der Senat feierte den Schritt als Erfolg. Der Plan: Das Museum werde mit seinem Dreiklang aus Ausstellung, Forschung und Sammlung ein wesentlicher Bestandteil des neuen Instituts sein. Auch Katharina Fegebank (Grüne), damals Wissenschaftssenatorin, heute Umweltsenatorin, wertete die Entscheidung als Durchbruch. Die Grünen mit ihrer Spitzenkandidatin Fegebank machten das Naturkundemuseum sogar zu einem Thema im Bürgerschaftswahlkampf 2020. Umso erstaunlicher, dass die Fraktion ein einst so gefeiertes Projekt einfangen will. Auch beim großen Koalitionspartner der SPD zeigte man sich am Freitag sehr überrascht über den Vorstoß. Nach Angaben der SPD erfolgte die Initiative der Grünen ohne vorherige Rücksprache. SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf erklärte, seine Fraktion habe das Projekt stets kritisch gesehen und dies auch innerhalb der Koalition deutlich gemacht. Zugleich habe die SPD aber immer die Bedeutung des Vorhabens für Wissenschaft, Forschung und die naturkundlichen Sammlungen anerkannt. „Der Vorstoß der Grünen war mit uns nicht abgestimmt“, sagte Kienscherf. Man hätte sich eine sorgfältige Beratung und Abstimmung in der Koalition gewünscht. Umso bemerkenswerter sei es, dass die Grünen nun aus der Fraktion heraus einem „Prestigeprojekt der grün geführten Wissenschaftsbehörde“ eine Absage erteilten. „Es wird jetzt darauf ankommen, dass die Grüne Bürgerschaftsfraktion und ihre Wissenschaftssenatorin zu einer gemeinsamen Haltung kommen.“ Scharfe Kritik kommt auch von der CDU. Fraktionschef Dennis Thering sprach von einer Kehrtwende der Grünen. Mit ihrer Erklärung verabschiedeten sich diese faktisch sowohl vom Elbtower als auch vom Neubau eines Naturkundemuseums. Über Jahre habe die Ansiedlung des Museums im Elbtower zu den zentralen Projekten des rot-grünen Senats gehört. Besonders bemerkenswert sei der Zeitpunkt der Erklärung. Ausgerechnet an dem Tag, an dem Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) zu einer mehrtägigen Delegationsreise nach Vietnam und China aufgebrochen sei, nutzten die Grünen eine Pressemitteilung, um sich öffentlich von zwei wesentlichen Vorhaben der bisherigen Senatspolitik zu distanzieren: dem Elbtower und dem Museum. Ein solcher Vorgang innerhalb einer Regierungskoalition sei höchst ungewöhnlich. Thering warf den Grünen zudem vor, die Konsequenzen ihres Vorstoßes nicht zu Ende zu denken. Hamburg habe sich verpflichtet, für die naturkundlichen Sammlungen eine dauerhafte und angemessene Lösung zu schaffen. Wer den Neubau eines Naturkundemuseums infrage stelle, müsse gleichzeitig erklären, wie diese Verpflichtung künftig erfüllt werden solle. „Einfach gegen alles zu sein, ersetzt kein tragfähiges Konzept“, erklärte der CDU-Fraktionschef. Auch beim Elbtower lasse die Erklärung viele Fragen offen. Wenn die Grünen das Projekt nun ebenfalls infrage stellten, müssten sie erläutern, welche Perspektive sie für den Standort sehen. Thering forderte Bürgermeister Tschentscher auf, trotz seiner Reise schnell für Klarheit zu sorgen. Hamburg brauche Antworten darauf, wie es mit dem Naturkundemuseum weitergehen solle, wie die Verpflichtungen gegenüber den naturkundlichen Sammlungen erfüllt werden könnten und welche Zukunft der Senat für den Elbtower noch sehe.