Welt 17.09.2026
07:13 Uhr

„In einem unbekannten Land, vor gar nicht allzu langer Zeit“


Neben dem „Braunen Bär“ und Bonanzarädern ist sie eine der großen Jugendkultur-Ikonen der 1970er: die Zeichentrickserie „Biene Maja“. Millionen Kinder wuchsen mit ihr auf – und sind bis heute Fans geblieben.

„In einem unbekannten Land, vor gar nicht allzu langer Zeit“

Keine Handys, kein Internet – stattdessen Schlaghosen, Schallplatten mit Discomusik und auf den Straßen lauter Golf I: Wenn die Sprache auf das Leben in der Bundesrepublik der 1970er kommt, wird vielen Nostalgikern warm ums Herz. Das gilt besonders für diejenigen, die damals Kinder waren. Als Mädchen und Jungs bekamen sie zwar durchaus auch die Krisen jener Zeit mit, wie beispielsweise Ölpreis-Schock (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article248709464/Oelkrise-in-Deutschland-1973-Das-ist-der-groesste-Mist-des-20-Jahrhunderts.html) , RAF-Terror (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/raf/article236393607/RAF-Terror-Andreas-Baader-erklaerte-den-Volkskrieg.html) oder Jahrhundert-Frost (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article249178260/Jahrhundert-Winter-1978-79-Als-Norddeutschland-im-Schnee-versank.html) . Aber weitaus lebhafter im Gedächtnis blieben der Spaß jener Tage, die Trends und Produkte, die in besagtem Jahrzehnt für Jugendliche auf den Markt kamen. Einige davon waren prägend und gelten heute als Klassiker. Zum Beispiel das Eis „Brauner Bär“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article251678510/Sommer-Brauner-Baer-Ed-von-Schleck-Gruenofant-Eis-Klassiker-lassen-Nostalgiker-dahinschmelzen.html) , Bonanzaräder mit Bananensattel oder die ersten Playmobil-Figuren (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article254345680/Playmobil-Aus-Franken-wanderten-die-Figuren-in-Kinderzimmer-rund-um-die-Welt.html) . Und erst recht die damals neuen Zeichentrickserien im Fernseh-Kinderprogramm, die in Zusammenarbeit mit ZDF und ORF in japanischen Trickfilmstudios entstanden. Der Look dieser Produktionen mit den großen Kulleraugen der Figuren und knalligen Farben ist heutigen Manga-Fans wohlbekannt, aber damals war er hierzulande noch neu und ungewohnt, geradezu gewagt. Nicht alle Eltern, die eher den klassischen Stil von Disney-Trickfilmen schätzten, waren davon angetan. Mancher Kritiker schmähte die Serien gar als Schund. Aber die Kinder waren meist begeistert – und die Einschaltquoten hoch. Inhaltlich griffen die Produktionen oft bekannte Stoffe auf. Wie die Serie „Wickie und die starken Männer“. Sie beruhte auf Kinderbüchern des schwedischen Autors Runer Jonsson und handelte von einem cleveren Jungen, der als Sohn des Häuptlings Halvar im Wikingerdorf Flake lebt und mit den Erwachsenen in See sticht, um wilde Abenteuer zu erleben. Auf der Suche nach einer guten Idee reibt er sich immer an der Nase, um dann zu rufen: „Ich hab‘s!“ Die Serie entstand auf Initiative von Josef Göhlens, dem damaligen Leiter des Kinder- und Jugendprogramms des ZDF. Zunächst hatte ihm eine Puppenspielserie vorgeschwebt, dann jedoch beauftragte er zusammen mit dem ORF das japanische Trickfilm-Studio Zuiyo Enterprises mit der Umsetzung. „Wickie“ war 1974 erstmals im ZDF-Kinderprogramm zu sehen, wurde schnell Publikumsfavorit und lief dann weltweit in diversen Ländern. Weitere Zeichentrick-Hits der Dekade waren unter anderem „Heidi“, im Jahr 1974 von Zuiyo produziert und ab 1977 vom ZDF gesendet. Die Serie erzählte die Abenteuer des Mädchens Heidi, das bei seinem Großvater, dem Alm-Öhi in den Schweizer Alpen lebt. Oder „Pinocchio“, basierend auf dem Kinderbuch-Klassiker von Carlo Collodi und seit 1977 in Deutschland ausgestrahlt. Sowie „Sindbad“, eine Serie über die Märchen aus der Sammlung Tausendundeine Nacht, die hierzulande seit 1978 zu sehen war. Und ein weiterer, bis heute beliebter Klassiker war natürlich die Biene Maja. Vor 50 Jahren – im September 1976 – war sie das erste Mal als Zeichentrickfigur im deutschen Fernsehen zu sehen. An einem Donnerstagnachmittag kam sie aus ihrer Wabe und flog durchs ZDF-Programm. In der deutsch-österreichisch-japanischen Koproduktion besteht Maja gemeinsam mit ihrem gemütlich veranlagten Kumpel Willi in rund hundert Folgen viele Abenteuer: Sie rettet Grashüpfer Flip aus einer fleischfressenden Pflanze, gerät ins Netz von Spinne Thekla oder hilft dem Tausendfüßler Hironimus aus der Patsche. Die Biene hat keine Scheu vor der Welt. Ihrem Kumpel Willi, dem Eberhard Storeck die legendäre näselnde Stimme verlieh, sagt sie oft, wo’s lang geht. In der Folge „Maja und die Heuschrecke“ gibt Willi etwa ängstlich zu bedenken: „Man wagt sich nicht an was ran, was man nicht kennt.“ Das lässt Maja nicht gelten. „Dann bleib eben hier, wenn du zu feige bist.“ Als sie sich ohne ihn aufmacht, nimmt sich Willi ein Herz. „Nein, nein, nein. Warte auf mich. Alleine lasse ich dich da nicht hinfliegen.“ Zunächst wurden 52 Folgen der Serie gezeigt, 1979 und 1980 kamen je 26 neue Folgen hinzu. Wiederholungen gab es immer wieder. Die Erstausstrahlung der Zuiyo-Produktion fand in Japan statt, und zwar schon ab April 1975 beim Sender TV Asahi. Als die Fernsehserie in Deutschland startete, war die neugierige Biene Maja schon 64 Jahre alt: Der Autor Waldemar Bonsels schrieb 1912 das Buch „Die Biene Maja und ihre Abenteuer“. Willi tauchte darin allerdings nicht auf. Bonsels gehört zum historisch nicht kleinen Kreis judenfeindlicher Künstler. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten etwa schrieb er antisemitische Artikel und diente sich in opportunistischer Haltung dem Regime an. „Damals musste man die Kinder im Fernsehen erziehen, das wollte ich partout nicht“ Die Zeichentrickserie ging wie „Wickie“ und Co. auf Josef Göhlen zurück. Die Geburtsstunde für die TV-Maja soll 1974 in einem Taxi in München gewesen sein: Göhlen und sein Kollege Herbert Hauk vom Österreichischen Rundfunk (ORF) suchten eine „Wickie“-Nachfolgeserie und konnten Bonsels Witwe überzeugen, dass Maja als Trickserie gut funktionieren würde. Der Cartoonist Marty Murphy und sein Team entwickelten in Los Angeles die Drehbücher, in Japan (bei Nippon Animation in Tama bei Tokio) wurde gezeichnet. Die Serie sei anfangs oft als Kitsch kritisiert worden, erzählte Göhlen einmal. „Damals musste man die Kinder im Fernsehen erziehen, das wollte ich partout nicht. Ich wollte sie unterhalten, in einem guten Sinne.“ Und Göhlen sagte auch: „Die Figur ist nicht nur lieb und nett, sondern hat viele Attitüden, die auch Pippi Langstrumpf hat.“ Die Serie ist kaum vorstellbar ohne den Titelsong, einen Ohrwurm und Partyklassiker, den einst Karel Gott mit seinem metallisch klaren und zugleich strahlend warmen Tenor unverwechselbar intonierte. „In einem unbekannten Land, vor gar nicht allzu langer Zeit, war eine Biene sehr bekannt, von der sprach alles weit und breit.“ Der tschechische Sänger sah den Erfolg des Evergreens nicht voraus. „Ich habe überhaupt nicht geahnt, wie populär das Lied in Deutschland werden würde“, sagte der 2019 mit 80 Jahren gestorbene Sänger einmal. „Von da an konnte keines meiner Konzerte in Deutschland ohne es auskommen.“ Zur Interpretation des Liedes durch Gott soll es eher zufällig gekommen sein. Er habe zufällig seinen Freund, den Komponisten Karel Svoboda, getroffen, so Gott. „Er hat mich gefragt: Was machst du heute Nachmittag? Und ich habe geantwortet, dass ich einen Kaffee trinken gehe.“ Stattdessen führte der Weg ins Studio. „Die Aufnahme ist uns so hervorragend gelungen, dass wir in einer halben Stunde fertig waren.“ Svoboda schuf auch die eingängige Musik des Kult-Märchenfilms „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article254153070/Aschenbroedel-Co-Diese-Klassiker-verzaubern-das-deutsche-Publikum-bis-heute.html) und das populäre, von Mary Roos gesungene Intro-Lied der Zeichentrickserie „Pinocchio“ (Zitat: „Kleines Püppchen, freches Bübchen, wo hat man dich zuletzt gesehen? Du wolltest doch zur Schule gehen...“). Zwischen 2013 und 2017 entstand eine modernisierte Neuauflage des Maja-Stoffs als computeranimierte Serie. Der 3D-Version, für die Helene Fischer das Titellied einsang, fehlt aber nach Ansicht von vielen Nostalgikern mittleren Alters der Charme der legendären 1970er-Jahre-Version. Für sie ist die Liedzeile „In einem unbekannten Land, vor gar nicht allzu langer Zeit“ heute auch doppeldeutig: Sie steht für Majas Welt, aber auch für die wehmütige Erinnerung an die alte Bundesrepublik. Für WELTGeschichte blickt Martin Klemrath (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/martin-klemrath/) neben klassischen historischen Themen auch regelmäßig auf popkulturelle Phänomene vergangener Jahrzehnte zurück. Darunter eine bahnbrechende Sitcom der 80er und 90er: „Eine schrecklich nette Familie“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article255276978/Eine-schrecklich-nette-Familie-Mit-Brachialhumor-begeisterte-Al-Bundy-seine-Fans-und-entgeisterte-Kritiker.html) .