Welt 06.06.2026
07:12 Uhr

„Luftverschmutzung kann die Alterung des Gehirns beeinflussen“


Luftverschmutzung gilt als Risiko für Herz und Lunge. Nun zeigt eine Studie: Feinstaub könnte auch das Gehirn treffen – besonders den Part, der Wörter und das Allgemeinwissen speichert. Die Folgen wären gravierend.

„Luftverschmutzung kann die Alterung des Gehirns beeinflussen“

Feinstaub gilt bereits als Risiko für Herz, Lunge und Gefäße. Nun rückt ein weiteres Organ in den Fokus. Eine Studie der University of California in Davis (UC Davis) kommt zu dem Schluss, dass eine dauerhafte Belastung auch das Gehirn in Mitleidenschaft ziehen kann – und zwar das semantische Gedächtnis, jene Fähigkeit des Gehirns, Bedeutungen, Fakten, Wörter und das Allgemeinwissen zu speichern und abzurufen. Es ist eine Art inneres Lexikon des Menschen. Wer es verliert, verliert nicht nur sein Faktenwissen, sondern kann auch seinen Alltag nicht mehr bewältigen. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass langfristige Belastung durch Luftverschmutzung nicht nur die körperliche Gesundheit beeinträchtigt, sondern auch die Alterung des Gehirns beeinflussen kann, insbesondere in Bezug auf Unabhängigkeit und Lebensqualität“, sagt Kathryn Conlon, Professorin am Institut für Gesundheitswissenschaften der UC Davis und Mitautorin der Studie. Im Mittelpunkt der Analyse standen Partikel mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometern beziehungsweise tausendstel Millimetern – kurz PM2,5. Diese winzigen Partikel entstehen unter anderem bei Verbrennungsprozessen, im Verkehr, in der Industrie, beim Heizen oder durch sekundäre chemische Reaktionen in der Atmosphäre. Wegen ihrer geringen Größe können sie tief in die Lunge eindringen, in den Blutkreislauf gelangen und Entzündungsprozesse auslösen. Frühere Studien haben PM2,5 bereits mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und erhöhter Sterblichkeit in Verbindung gebracht. Zunehmend wird nun untersucht, welche Rolle Luftverschmutzung beim kognitiven Abbau und dem Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit spielen könnte. Die aktuellen Ergebnisse wurden im Fachmagazin „Alzheimer’s & Dementia: Behavior & Socioeconomics of Aging“ (verlinkt auf https://alz-journals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/bsa3.70074) veröffentlicht. Die Forscher stützten sich dabei auf Daten von 740 Erwachsenen im Alter von 53 bis 94 Jahren, die an der „Kaiser Permanente Study of Healthy Aging in African Americans“, kurz STAR, teilnahmen. Diese Langzeitstudie wurde 2017 gestartet und soll Faktoren identifizieren, die gesundes Altern des Gehirns insbesondere bei Afroamerikanern beeinflussen. Das ist besonders relevant, weil sie in den USA deutlich häufiger an Alzheimer und anderen Demenzformen erkranken als weiße Erwachsene. Für die Studie berechneten die Forscher die durchschnittliche PM2,5-Belastung (verlinkt auf https://www.welt.de/wissenschaft/plus252467990/Riskanter-Feinstaub-Wie-der-Tod-aus-den-Wohnraeumen-verschwand.html) an den Wohnadressen der Teilnehmer über Zeiträume von fünf, zehn und 17 Jahren. Anschließend verglichen sie diese Werte mit drei geistigen Leistungsbereichen des Gehirns: dem semantischen Gedächtnis, der Fähigkeit, sich an die Inhalte von Gesprächen zu erinnern (verbales episodisches Gedächtnis) sowie zielgerichtet, geplant und selbstbeherrscht zu handeln (exekutive Funktionen). Das Ergebnis war auffällig: Menschen, die über viele Jahre höheren Feinstaubwerten ausgesetzt waren, schnitten bei Tests des semantischen Gedächtnisses schlechter ab. Dieser Zusammenhang blieb auch bestehen, nachdem Faktoren wie Alter, Bildung, Einkommen und Familienstand berücksichtigt wurden. Für die beiden anderen kognitiven Bereiche fanden die Forscher dagegen keine einschränkenden Effekte. Die Größenordnung des Befunds ist bemerkenswert. Nach Angaben der Forscher war der Zusammenhang zwischen langfristiger PM2,5-Belastung und schlechterem semantischen Gedächtnis größer als der Effekt, den man von zehn Jahren normaler Alterung erwarten würde. Das bedeutet nicht, dass Feinstaub allein Gedächtnisverlust verursacht. Neue Feinstaub-Grenzwerte ab 2030 Beobachtungsstudien können Zusammenhänge zeigen, aber keine endgültigen Kausalbeweise liefern. Dennoch passt das Ergebnis zu einer wachsenden Zahl wissenschaftlicher Arbeiten, die Luftverschmutzung als möglichen Faktor der Gehirnalterung untersuchen. Auch für Deutschland ist dieser Zusammenhang relevant, auch wenn die Belastung in den vergangenen Jahren deutlich gesunken ist. Nach Angaben des Umweltbundesamtes (Uba) wurden die geltenden europäischen Luftqualitätsgrenzwerte 2025 erneut eingehalten; für Feinstaub war es bereits das achte Jahr in Folge. Doch die Entwarnung ist begrenzt. Ab 2030 gelten in der EU strengere Vorgaben. Der Jahresgrenzwert für PM2,5 sinkt dann von 25 auf zehn Mikrogramm pro Kubikmeter. Eine vorläufige Auswertung für 2025 zeigt, dass rund 18 Prozent der Messstationen noch über diesem künftigen Wert liegen. Zudem verweist das Umweltbundesamt darauf, dass Kälteperioden, höherer Heizbedarf und grenzüberschreitender Schadstofftransport zeitweise zu erhöhten Feinstaubwerten führen können. Noch anspruchsvoller sind die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO. Sie empfiehlt für PM2,5 im Jahresmittel fünf Mikrogramm pro Kubikmeter. Dem Uba zufolge war zwischen 2010 und 2023 nahezu die gesamte Bevölkerung in Deutschland Konzentrationen ausgesetzt, die über diesem WHO-Richtwert lagen. Gleichzeitig sank der Anteil der Bevölkerung, der über dem künftigen EU-Grenzwert von zehn Mikrogramm pro Kubikmeter lag, sehr stark: von praktisch der gesamten Bevölkerung im Jahr 2010 auf etwa 0,1 Prozent im Jahr 2023. Deutschland hat also Fortschritte gemacht, bleibt aber gemessen an gesundheitsorientierten WHO-Empfehlungen weiterhin nicht am Ziel. Die neue US-Studie lenkt den Blick aber auch auf soziale Ungleichheit. Von Luftverschmutzung sind oft die ärmeren Wohnviertel betroffen. Menschen mit niedrigerem Einkommen und ethnische Minderheiten leben häufiger in der Nähe stark befahrener Straßen, Industrieanlagen oder anderer Emissionsquellen. Wenn Feinstaubbelastung tatsächlich zur Gehirnalterung beiträgt, wäre saubere Luft nicht nur eine Frage des Umweltschutzes, sondern auch eine Frage gesundheitlicher Chancengleichheit. „Luftverschmutzung ist eine veränderbare Exposition“, betonen die Forscher. Genau das macht sie zu einem Ansatzpunkt für Prävention. Politisch bedeutet das: Luftreinhaltepolitik könnte mehr leisten, als Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verhindern. Sie könnte auch dazu beitragen, das Risiko kognitiver Einbußen im Alter (verlinkt auf https://www.welt.de/wissenschaft/article244734748/Luftverschmutzung-Schon-geringe-Feinstaub-Werte-steigern-Demenzrisiko.html) zu senken. Mögliche Maßnahmen reichen von strengeren Emissionsstandards über weniger Verkehr in Städten bis zu saubereren Heizsystemen und einer Reduktion von Vorläuferstoffen aus Landwirtschaft und Industrie. Besonders wichtig ist dabei, die Belastung dort zu senken, wo sie am höchsten ist. Auch Einzelne können ihre persönliche Belastung verringern, wenngleich Luftverschmutzung primär ein strukturelles Problem bleibt. Hilfreich sind Luftqualitäts-Apps und Warnsysteme, das Vermeiden intensiver körperlicher Aktivität an Tagen mit hoher Belastung, HEPA-Filter in Innenräumen, geschlossene Fenster bei Smog oder Rauch sowie Abstand zu stark befahrenen Straßen beim Sport. Bei Waldbrandrauch oder dichtem Verkehr kann im Auto die Umluftfunktion kurzfristig die Belastung reduzieren. Die Studie liefert keine endgültige Antwort auf die Frage, warum Menschen im Alter kognitiv abbauen und dement werden. Aber sie erweitert das Bild. Gehirngesundheit entsteht nicht nur durch Ernährung, Bewegung oder Bildung. Sie hängt offenbar auch von der Qualität der Luft ab, die Menschen über Jahrzehnte einatmen. Für eine alternde Gesellschaft bedeutet das: Saubere Luft könnte ein Baustein sein, um länger selbstständig, sprachfähig und geistig orientiert zu bleiben.