Welt 05.10.2026
11:37 Uhr

Medizin-Nobelpreis geht an zwei Forscher aus Deutschland


Zwei Deutsche und ein US‑Amerikaner sind die Gewinner des diesjährigen Nobelpreises für Medizin. Bei der Forschung im Bereich Optogenetik wird gezeigt, wie Nervenzellen im Gehirn Erinnerungen und Gefühle formen.

Medizin-Nobelpreis geht an zwei Forscher aus Deutschland

Die beiden Deutschen Peter Hegemann und Georg Nagel sowie der US-Forscher Karl Deisseroth erhalten in diesem Jahr den Nobelpreis für Medizin. Ausgezeichnet werden ihre Entdeckungen im Bereich der Optogenetik, wie das Karolinska-Institut in Stockholm mitteilte. Bei der Optogenetik werden Methoden der Optik und Genetik zur nicht-invasiven Anregung einzelner Neurone kombiniert. Mit ihr werde gezeigt, „wie Nervenzellen im Gehirn Erinnerungen, Gefühle und Verhaltensweisen formen“, erklärte das Nobelkomitee. Die Preisträger hätten den Grundstein für eine neue Ära in den Neurowissenschaften gelegt. Mittlerweile lässt sich das Verfahren bereits therapeutisch nutzen – etwa in der Augenmedizin. Mit einem Protein lassen sich Gehirnzellen aktivieren Hegemann (71) und Nagel (73) entdeckten Anfang der 2000er Jahre – damals noch an den Max-Planck-Instituten für Biochemie und Biophysik – in einer einzelligen Alge das Protein Kanalrhodopsin (Channelrhodopsin), das Zellen empfindlich für Licht macht. Unter Einfluss von blauem Licht öffnet sich ein sogenannter Ionenkanal, der für elektrische Impulse sorgt. Deisseroth (54) setzte das Gen für dieses Protein zunächst in Neuronen von Ratten ein. Dadurch konnte er diese Nervenzellen mit Licht aktivieren. Zwei Jahre später gelang ihm dies in den Gehirnen von lebenden Mäusen. Ein Beispiel für die praktische Anwendung ist etwa die Netzhauterkrankung Retinitis pigmentosa, bei der durch verschiedene Erbgut-Mutationen die Lichtrezeptoren der Netzhaut – der Retina – zugrunde gehen. Mithilfe einer optogenetischen Therapie ermöglichten Forscher vor einigen Jahren einem Patienten, der durch die Netzhauterkrankung seit Jahrzehnten blind war, ein rudimentäres Sehen. In der Studie – einem Machbarkeitsnachweis – injizierte das Team in das schwerer betroffene Auge des damals 58-Jährigen einmalig Viren, die den Bauplan für das Kanalrhodopsin ChrimsonR enthielten. Mit dem in bestimmten Zellen der unteren Netzhaut entstehenden Ionenkanal konnten die Zellen aus einfallendem Licht elektrische Signale erzeugen, die sie an das Sehzentrum im Gehirn weiterleiteten. Nach der Therapie konnte der Patient mit einer Spezialbrille im Labor Gegenstände erkennen und greifen. Im Alltag registrierte er etwa ein Telefon, eine Tür oder einen Zebrastreifen. Höheres Preisgeld für Gewinner Vor 125 Jahren war der erste Medizin-Nobelpreisträger ebenfalls ein Deutscher, Emil von Behring. Zuletzt war im Jahr 2013 ein Medizin-Nobelpreis an einen deutschen Forscher gegangen: Thomas Südhof. 1995 hatte als erste und bislang einzige deutsche Frau die Tübinger Entwicklungsbiologin Christiane Nüsslein-Volhard den Medizin-Nobelpreis erhalten. Die Auszeichnung ist mit zwölf Millionen schwedischen Kronen (umgerechnet rund 1,2 Millionen Dollar) dotiert, die sich die drei Wissenschaftler teilen. Die Nobelstiftung hat das Preisgeld kürzlich erst auf zwölf Millionen Kronen angehoben. „In diesem Jahr feiern wir das 125-jährige Bestehen des Nobelpreises. Aus diesem Anlass freuen wir uns, das Preisgeld um eine Million erhöhen zu können“, sagte die Geschäftsführerin der Nobelstiftung, Hanna Stjärne, im September. Der Betrag wurde seit der ersten Verleihung im Jahr 1901 schon mehrfach angepasst. 2025 hatten sich mit Mary Brunkow, Fred Ramsdell und Shimon Sakaguchi drei Wissenschaftler aus Japan und den USA den Nobelpreis für ihre Forschung zum Immunsystem (verlinkt auf https://www.welt.de/wissenschaft/article68e38b9a89973cba61e82ea5/medizin-nobelpreis-preis-geht-an-drei-immunforscher-aus-den-usa-und-japan.html) geteilt. Der Medizin-Nobelpreis bildet traditionell den Auftakt der Nobelpreiswoche. Am Dienstag folgt der Preis für Leistungen in der Physik, am Mittwoch der für Chemie. Am Donnerstag und Freitag werden die Preisträger in den Kategorien Literatur und Frieden bekannt gegeben.