Als Titelverteidigerin war sie ins Rennen gegangen. 2025 hatte Solveig Løvseth beim Ironman Hawaii überraschend den Sieg eingefahren – und auch bei der diesjährigen Auflage des prestigeträchtigsten Triathlons der Welt (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/triathlon/article6ac8b47559dfcd93a3d5f226/ironman-wm-hawaii-dramatik-zusammenbrueche-und-eine-sensation-bitterer-tag-fuer-lange-silber-fuer-philipp.html) lag die Norwegerin auf Hawaii lange Zeit aussichtsreich im Rennen. Bis sie rund 1000 Meter vor dem Ziel entkräftet zusammenbrach. Es folgten Szenen, die an das historische Drama 1982 von Julie Moss erinnerten. Løvseth hatte 3,86 Kilometer im Pazifik hinter sich gebracht, war 180 Kilometer durch die Lavafelder gefahren, als Dritte vom Rad gestiegen und hatte dann bei Kilometer 34 des Marathons die strauchelnde Taylor Knibb an der Spitze überholt. Die Amerikanerin war im Vorjahr als Führende etwa drei Kilometer vor dem Ziel (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/triathlon/article68eb40830bda2290ccea8630/ironman-wm-kurz-vor-ziel-verliert-die-fuehrende-dehydriert-die-orientierung.html) dehydriert zusammengebrochen und musste aufgeben. Jetzt hatte sie Magenprobleme, übergab sich, nahm das Tempo etwas raus und versuchte an jeder Verpflegungsstation ruhig, sich wieder aufzupeppeln. Løvseths Weg zur Titelverteidigung schien frei. 1,5 Kilometer vor dem Ziel hatte sie noch 1:39 Minuten Vorsprung. Dann diese Szenen: Bei einer Bergab-Passage nach dem Highway hatte die Norwegerin ganz offensichtlich Probleme. Der Impact war zu viel für den ermüdeten Körper. Geplagt von Krämpfen in den Beinen und großer Erschöpfung torkelte sie über die Strecke und stürzte mehrfach. Immer wieder versuchte sie weiterzumachen. Aufgeben kam für die Weltmeisterin nicht infrage. Während erst Taylor Knibb, die sich wieder gefangen hatte, an ihr vorbeilief, folgten auch die Heidelbergerin Laura Philipp und weitere Konkurrentinnen. Als Løvseth dann am Boden lag, schien es endgültig vorbei. Doch die Norwegerin ist zäh. Wieder raffte sie sich auf, stand auf und machte sich auf den Weg. Den Lärm des Zielkanals konnte sie längst hören. Für die letzten 1000 Meter benötigte sie insgesamt mehr als 26 Minuten, doch Zeit spielte keine Rolle mehr. Sie kam schließlich unter dem Jubel der Fans, die die Energieleistung der 27-Jährigen würdigten, als Achte ins Ziel. Siegerin wurde die Vorjahreszweite Knibb, Silber ging an Philipp, die ein beeindruckend konstantes Rennen mit einer Aufholjagd beim Marathon lieferte, Bronze sicherte sich die Schweizerin Julie Derron. Neben den 65.000 US-Dollar für den zweiten Platz auf Hawaii kassierte Philipp außerdem 200.000 US-Dollar für den Sieg in der Ironman Pro Series. „Das hat sie saustark gemacht“, lobte ihr Trainer und Ehemann Philipp Seipp. Für die 39-Jährige war es nach zwei dritten Plätzen auf Hawaii und dem WM-Titel 2024 in Nizza der größte Erfolg in Kona. „Der Zieleinlauf hat in diesem Jahr mehr Spaß gemacht“ Die Duplizität der Ereignisse ist bemerkenswert: Vor einem Jahr hatte Løvseth noch von der Aufgabe der Führenden Knibb profitiert und sich den Sieg geholt. Doch nicht nur Knibb hatte 2025 aufgeben müssen, im sogenannten Energy Lab hatte es zuvor auch die Britin Lucy Charles-Barclay erwischt. Die beiden hatten sich bei herausfordernden Bedingungen ein hartes Duell geliefert und mussten dem Tribut zollen. Charles-Barclay, Hawaii-Siegerin 2023, kam auch dieses Mal nicht ins Ziel. Erneut musste sie aufgeben – fast an derselben Stelle. Jetzt erfuhr auch Løvseth, wie kräftezehrend die letzten Meter eines Ironmans sein können. Nach 9:02:09 Stunden beendete sie schließlich das Rennen – mit einem Rückstand auf Knibb von rund 25 Minuten. Die Amerikanerin, Philipp und Derron nahmen sie im Ziel in Empfang „Das Verrückte ist, dass der Zieleinlauf in diesem Jahr mehr Spaß gemacht hat als letztes Jahr“, so Løvseth, als sie die letzten Meter des Rennens direkt in eine Kamera sprach. Da konnte sie schon wieder lächeln und festen Schrittes gehen. Etwas später ergänzte sie: „Ich habe ja mal gesagt, dass ich gar nicht so kompetitiv sei. Ich glaube, ich bin es doch. Ich wollte unbedingt ins Ziel.“ Die Bilder aus dem vergangenen Jahr, aber noch mehr die Szenen von Samstag erinnern an 1982. Die Fernsehbilder damals machten das Rennen weltberühmt und begründeten endgültig den Mythos: Es waren nur noch wenige Hundert Meter bis zum Ziel. Die Amerikanerin Julie Moss galt als Außenseiterin, war mehr Surfer-Girl als Triathletin. Nun aber lief sie als Führende Richtung Ziel – und brach zusammen. Viermal rappelte sie sich auf und fiel wieder hin, dann zog Kathleen McCartney vorbei. Moss kämpfte weiter und krabbelte ins Ziel. Sie wurde zum Sinnbild des Ironman-Mottos „Anything is possible“, alles ist möglich.