Welt 07.07.2026
16:24 Uhr

Nach mehr als 100 Jahren – IOC streicht diese Sportart aus dem Programm


Es war der Tag der Wahrheit. Entweder nimmt das IOC bei einer der traditionsreichsten Sportarten endlich auch die Frauen ins olympische Programm auf – oder es streicht auch die Männer. Der Tag endet mit dem Todesstoß für eine ganze Sportart.

Nach mehr als 100 Jahren – IOC streicht diese Sportart aus dem Programm

Bis zuletzt hatten die Athletinnen und Athleten, die Trainer, Verbände und Fans dieser Wintersportart nicht nur gehofft, sondern waren optimistisch gewesen, dass es eine Zukunft gibt. Dann aber, am späten Dienstagnachmittag kam die Schocknachricht: Die Ära der Nordischen Kombination (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/nordische-kombination/) bei Olympischen Spielen ist nach mehr als 100 Jahren vorerst beendet. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) tagt derzeit in Lausanne und hat beschlossen: Die Sportart zählt für die Winterspiele 2030 in Frankreich nicht mehr zum Wettkampfprogramm. Bei den Winterspielen im Februar in Italien (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/olympia/article69970068bbc0d13fd82fdab0/olympia-dann-habe-ich-sofort-wieder-gelegen-sturz-drama-um-deutsche-kombinierer.html) waren ausschließlich die Männer startberechtigt gewesen. Das IOC begründete seine Entscheidung unter anderem damit, dass die Nordische Kombination laut Studien beim Publikum die unbeliebteste Sportart der Winterspiele 2014, 2018, 2022 und 2026 gewesen sei. Außerdem konzentriere sich die Sportart zu sehr auf wenige Länder: Bei den vergangenen vier Olympischen Winterspielen hatten Sportler aus fünf unterschiedliche Nationen Medaillen gewonnen. Zu wenig aus Sicht des IOC. Es geht um Träume, Training – und Existenzen Für die Kombination ist diese Entscheidung, die bereits in den vergangenen Jahren wie ein Damoklesschwert über ihr hing, ein Desaster. Es geht um Kindheitsträume, die unerfüllt bleiben, um Jahre und Jahrzehnte langes hartes Training, für das manche nun nie den olympischen Lohn ernten können – und es geht auch schlichtweg um Existenzen. Denn mit dem olympischen Status einer Sportart stehen und fallen auch Förderungen und Mittel. Jahrelang hatten Athletinnen und Athleten sowie die Verbände für einen Verbleib beim wichtigsten Sportereignis der Welt gekämpft (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/olympia/article6989b3bf1b67ed5930a1f780/olympia-nordische-kombination-eine-sportart-kaempft-ums-ueberleben-heute-geht-es-um-mehr-als-gold-silber-bronze.html) und die Mängelliste, die ihnen das IOC gegeben hatte, Schritt für Schritt – aus ihrer Sicht – abgebaut und Forderungen unter anderem nach mehr Vielfalt und neuen Formaten erfüllt. Hätte sich das IOC für einen Erhalt im Programm entschieden, wären 2030 wohl auch erstmals die Frauen dabei gewesen – ihnen war der Zutritt zu den Spielen in dieser Sportart trotz erheblicher Bemühungen des Weltverbandes und der Athletinnen bisher seitens des IOC verwehrt geblieben. Die Nordische Kombination war damit die letzte Sportart der Winterspiele gewesen, in der Frauen nicht antreten durften. Deutschlands beste Kombiniererin Nathalie Armbruster hatte während der Spiele von Mailand und Cortina d'Ampezzo kommentiert: „Ich wäre da vor Ort und könnte meinen Kindheitstraum leben, aber ich darf es nicht. Weil ich eine Frau bin.“ Schon vor der heutigen IOC-Entscheidung stand fest: Entweder die Frauen werden jetzt aufgenommen – oder die Sportart wird komplett gestrichen. Dass sich das IOC dann tatsächlich für Letzteres entscheidet, kam für viele überraschend. Mit der Kombination wird eine Sportart gestrichen, die seit der erstmaligen Austragung im Jahr 1924 fester Bestandteil der Winterspiele war. In dreieinhalb Jahren werden in den französischen Alpen also Skispringer und Langläufer antreten, aber keine Kombinierer mehr. IOC: Auch Social Media als Gradmesser Argumente für die Streichung der Kombination sind aus Sicht des IOC eine seiner Ansicht nach fehlende Leistungsdichte in der Spitze, Gewinnerinnen und Gewinner aus den immer selben Nationen sowie bei den Frauen der noch junge Weltcup, der erst 2020 und damit 37 Jahre nach den Männern ins Leben gerufen wurde. Andererseits aber muss man feststellen: Die Frauen haben ganz ohne den Schub einer olympischen Akzeptanz, der für gewöhnlich als mächtiges Katapult wirkt, in den vergangenen Jahren bezüglich Leistungsdichte und Nationenvielfalt einen beeindruckenden Sprung gemacht. Dem IOC jedoch reichte das offenbar nicht. Es honoriert weder die Entwicklung bei den Frauen unter erschwerten Bedingungen noch die Bemühungen im Männerbereich sowie die neu geschaffenen Formate, sondern setzt andere Prioritäten und sieht die Gesamtentwicklung der Sportart als nicht ausreichend an. Das IOC sammelte jahrelang Informationen wie TV-Quoten und Zuschauerzahlen, aber auch Reichweiten von Instagram-Postings. „Wir sind uns der Herausforderungen bewusst, vor denen die Nordische Kombination sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen steht“, hatte IOC-Sportdirektor Pierre Ducrey vorab zu der Aufgabe beschrieben. Die Auswertung der entscheidenden Daten von den Winterspielen in Italien im Februar gab nun den Ausschlag – gegen die Nordische Kombination. Neu dabei: Mixed-Wettbewerbe, Freeride und mehr Alexander Ospelt, Präsident des Ski-Weltverbandes Fis, sprach von einer großen Enttäuschung und schwierigen Entscheidung für die Fis sowie für die nationalen Verbände. Man werde aber „alles in unserer Macht Stehende tun“, um die vom IOC aufgezeigten Herausforderungen zu bewältigen, „und wir werden hart daran arbeiten, die Nordische Kombination 2034 wieder bei den Olympischen Winterspielen zu sehen“. Bei den Athleten einer anderen Sportart war die Erleichterung hingegen groß: Das IOC beschloss, den Parallel-Riesenslalom im Snowboard entgegen jüngster Befürchtungen im Programm zu lassen und außerdem eine Mixed-Staffel zu ergänzen. Neu aufgenommen wurden zudem die Single-Mixed-Staffel im Biathlon, eine Mixed-Staffel im Skicross, das Super-Team-Event der Skispringerinnen sowie Freeride, also das Skifahren und Snowboarden in freiem Gelände. Im Eiskunstlauf kommt die Disziplin Synchron bei den Frauen dazu, ein Synchron-Wettkampf mit neun Sportlerinnen parallel auf dem Eis.