Kürzlich saß eine AfD-Sympathisantin bei Emine Gökçe im Wohnzimmer. Es ging um Geschäftliches. Doch plötzlich änderte sich das Thema – und der Ton. Angst habe sie. Vor einer Islamisierung. So erzählte sie der erstaunten Gökçe. Vor den Kriminellen, die ins Land gekommen seien. Und vor der Frauenverachtung im Islam. Und dann all diese Ungebildeten unter denen! Deshalb fürchte sie nicht die AfD, sondern die Muslime – also Menschen wie Gökçe. Die saß neben ihr auf der Couch. Und hatte ihrer Besucherin gerade erst in Weinblätter gerollten Reis und Melone in Scheiben serviert. In diesem Moment ahnte die Deutsche türkischer Abstammung, welchen Gegenwind sie bald häufiger spüren dürfte. Denn: Sie könnte als erste Abgeordnete mit Kopftuch in ein deutsches Parlament einziehen – in den Landtag NRW. Für den kandidiert sie. Nominiert wurde sie jüngst von den Grünen ihrer Heimatstadt Krefeld (verlinkt auf https://www.gruene-krefeld.de/2026/05/06/gruene-krefeld-nominieren-dr-emine-goekce-und-julia-paschek-als-landtagskandidatinnen/) (die hatten sie kurz zuvor zum Parteieintritt ermutigt). „Natürlich werde ich mich auch dem islamkritischen Teil unserer Bevölkerung widmen“, beteuert Gökçe gegenüber WELT, während sie wieder auf ihrer Couch sitzt und in den schönen Garten blickt. Aber das sei nicht immer ganz leicht, weil verständliche Sorgen und heftige Vorurteile oft wild gemixt würden. Ein gewisses Verständnis bringt sie zum Beispiel dafür auf, wenn Zeitgenossen über die Bildungsferne mancher Migranten klagen. Auch wenn diese Klage nicht an sie adressiert sein kann. Gökçe ist promovierte Chemikerin, Leiterin eines Umweltlabors, erfolgreiche Unternehmerin und Einser-Abiturientin, die eine Klasse übersprang. Ebenso drollig wäre es, ihrem Gatten Bilal Bildungsferne vorzuwerfen. Er sitzt neben ihr im Wohnzimmer und unterstützt ihre politischen Ambitionen (obwohl der Physiker seine Stirn in ernste Sorgenfalten legt, sobald seine Frau vom Ausstieg aus der Atomenergie schwärmt). Als Professor für Maschinenbau lehrt er an der Uni Wuppertal. Daneben beschäftigt er sich publizistisch mit der Frage, wie man vor allem Menschen mit Zuwanderungsgeschichte zu mehr Bildungserfolg verhelfen kann (etwa mit seinem Buch „Erfolg kennt keine Herkunft“ (verlinkt auf https://www.gabal-verlag.de/buch/erfolg-kennt-keine-herkunft/9783967392494) ). Natürlich ist den Gökçes die BAMF-Studie von 2020 bekannt, nach der „das Bildungsniveau der Muslime ab 16 Jahren im Durchschnitt niedriger“ liegt „als das von Personen ohne Migrationshintergrund“. Das Paar hat aber klare Vorstellungen, wie man dies ändern und dadurch für den Bildungsstandort Deutschland einen Schatz heben könnte. „Intelligenz ist in Bevölkerungen ungefähr gleich verteilt“, fasst Bilal eine in der Forschung häufig vertretene These (verlinkt auf https://db.arabpsychology.com/race-and-intelligence-2/) zusammen. Folglich gehe es darum, die Potenziale Zugewanderter effektiver zu heben. Genauso, wie das auch bei ihnen gelang. Weder Emine noch Bilal Gökçe stammen aus einem Akademikerhaushalt. Beide sind Kinder türkischer Einwanderer. Bilals Mutter arbeitete als Putzfrau, Emines Vater als Bahnfahrer. Das Krefelder Viertel, in dem Bilal aufwuchs, ist als Brennpunkt verschrien. Dennoch starteten sie auf ihrem Bildungsweg, von den Eltern unterstützt, raketenartig durch. Vor allem zwei Barrieren verhindern den Gökçes zufolge oft, dass das Bildungspotenzial von Migranten erfolgreicher gehoben wird. Zum einen: der fehlende Glaube an sich selbst. „Wer im eigenen Umfeld keine Akademiker kennt, dem fehlen oft ermutigende Vorbilder, um das Gymnasium oder ein Studium zu wagen“, sagt Bilal. Bisweilen stoße man unter Migranten auch auf Kurzsichtigkeit. Dann drängten Eltern ihre Kinder zum schnellen Geld, also zu einer Ausbildung anstelle eines Studiums ohne sofortiges Einkommen. Das Apotheker-Praktikum in der zehnten Klasse Deshalb mühen sich Emine und Bilal auf ihren Social-Media-Kanälen oder bei Vorträgen (mit Titeln wie „Ohne Vorbilder an die Spitze“), ihre Geschichten publik zu machen: Seht her, zwei muslimische Gastarbeiterkinder haben es geschafft. Alles ist möglich. Sogar mit Kopftuch. Das Studium kann sich auszahlen – so lautet ihre Botschaft. Zum anderen sehen sie noch immer ein Hindernis, von dem man laut Emine „gehofft hätte, dass wir es längst hinter uns gelassen haben: Ausgrenzung, die bis zum Rassismus reicht“. Natürlich stehe dahinter nicht immer böser Wille, erläutert sie. Manchmal sei es nur Gedankenlosigkeit oder Furcht. Im Ergebnis aber laufe es auf dasselbe hinaus: auf Entmutigung. So wurde Emine, als sie sich in der zehnten Klasse für ein Apotheker-Praktikum bewarb, wegen ihres Kopftuches abgelehnt. Schon zuvor hatte sie trotz hervorragender Noten nur eine eingeschränkte Gymnasialempfehlung erhalten – weil ihre Eltern sie laut Grundschule ja nicht unterstützen könnten. Und Bilal bekam von seinem Grundschullehrer den Rat: „Mach eine Ausbildung. Studium ist nichts für dich.“ Sie kommen aus dem Erzählen nicht heraus, so viele Berichte kennen sie. Von Lehrern, die Migranten aus Prinzip schlechtere Deutschnoten geben und dazu offen stehen. Oder von Abteilungsleitern aus Bundesministerien, die ihre im Ramadan fastenden Mitarbeiter vor Publikum zusammenstauchen und lächerlich machen. „Die Botschaft solcher Erlebnisse lautet: ‚Ihr gehört nicht dazu‘. Das entmutigt und hindert Menschen daran, ihr Potenzial zu heben“, seufzt Emine. Bald dürfte sie Gelegenheit haben, dagegen im Parlament vorzugehen. Nur: Wie bekämpft man Abneigung oder Furcht? „Durch Begegnung“, antwortet die 39-Jährige. Wo man sich kennenlerne, weiche die Furcht. Und wechselseitiges Verständnis werde möglich. „Politik und Entscheider sollten auch öfter dorthin gehen, wo Muslime zu finden sind: in die Moscheen.“ Gerade weil große Moscheeverbände oft misstrauisch beäugt würden, „sollte man keinen Bogen um sie schlagen. Es geht ja nicht um unkritischen Austausch, sondern darum, dass sich zwei Bevölkerungsgruppen nicht immer fremder werden.“ In einigen Fällen könnten auch behutsame Quotierungen Migranten den Weg in gesellschaftliche Räume bahnen, die ihnen bislang verschlossen seien. Und in Hochschulen sollte das Führungspersonal kurz und knapp darin geschult werden, worauf man bei Muslimen Rücksicht nehmen könnte (zum Beispiel auf einen kleinen sauberen Platz zum Beten). Damit das gelingt, brauche es noch etwas: „ein Bewusstsein, dass Muslime normaler Teil der deutschen Bevölkerung sind“. Und um daran zu erinnern, bedürfe es der Sichtbarkeit von Muslimen. Was zu Gökçes Kopftuch führt, das für diese Sichtbarkeit sorgt. Sie rechnet damit, dass ihr einiges an Argwohn entgegenschlagen wird, sollte sie als erste Volksvertreterin mit Kopftuch auftreten. Die Vorwürfe sind ihr geläufig. Etwa, dass hinter dem Tuch oft Zwang stecke. Die BAMF-Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ (verlinkt auf https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Forschung/Forschungsberichte/fb38-muslimisches-leben.pdf?__blob=publicationFile&v=18) besagt allerdings, dass nur maximal neun Prozent der hiesigen Kopftuchträgerinnen aus Rücksicht auf Familie oder Bekannte das Tuch tragen. Auch Gökçe erzählt, sie habe den Hijab „freiwillig in der sechsten Klasse angezogen – gegen den Willen meiner Eltern. Die haben mich gewarnt, ich könnte mir dadurch meine berufliche Zukunft verbauen.“ Mutige Frauen im Iran Erstaunlicherweise stehen die Gökçes heute dem Standpunkt von Emines Eltern nahe. Hätten sie neben ihrem Sohn auch eine Tochter, würden sie „ihr derzeit vom Kopftuch eher abraten, um ihr alle Türen offenzuhalten“. Auch wenn sie den Mut der jungen Frauen bewunderten, die heutzutage das Kopftuch anzuziehen wagten. Und auch wenn dies natürlich Sache der (fiktiven) Tochter wäre. Wie ernst es Emine Gökçe mit dieser Liberalität ist, beweist sie längst. So engagierte sie sich bei den Grünen für „die mutigen Frauen im Iran, die über das Kopftuch selbst entscheiden möchten“. Diese Freiheit wünscht sie sich auch hierzulande. Bei der Polizei, in Schulen oder Unternehmen – auch, damit Musliminnen nicht länger entmutigt würden und ihr Potenzial entfalten könnten. Und um für Deutschland einen Schatz an brachliegendem Potenzial zu heben. Aber würde die Islamkritikerin, die einst auf Gökçes Couch saß, nicht all das als Islamisierung abtun?