Du bist ein Schwerverbrecher“, feixt der vielleicht sieben oder acht Jahre alte Junge. Sein kleiner Bruder hat gerade dreist das Absperrband der Polizei ignoriert. „Aber wir wohnen hier“, gibt er zurück. Ein paar Meter weiter liegt der Eingang zum Welfen-Gymnasium in der Kleinstadt Schongau. Ganze Kolonnen an Polizeiautos stehen dort. Aus München sind Spurensicherung und Exekutivbeamte angerückt, aus dem 120 Kilometer entfernten Rosenheim der Großteil der Spezialkräfte und der Führungsstab. Schongau liegt am äußersten westlichen Rand Oberbayerns, der letzte Zipfel im Einzugsgebiet des Rosenheimer Präsidiums. Der Aufwand erschließt sich bis zum Abend nur teilweise, dann aber doch in aller Dramatik. Die Ermittler geben zuerst nur wenige Informationen preis. Ein 16-Jähriger habe mit einer Waffe zwei 13-jährige Mädchen schwer verletzt. Mehr könne man aus „ermittlungstaktischen Gründen“ nicht sagen. Der erste, der trotzdem mehr Details verrät, ist Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. Der Täter sei mit einer Pistole und einem Messer bewaffnet gewesen. Aber auch das war nur ein Vorgeschmack auf die tatsächliche Dimension dieser Tat. Wie haarscharf Schongau einem tödlichen Amoklauf entging, war bis dahin öffentlich noch nicht bekannt. Dass die Sache größer war, zeichnet sich am frühen Abend zuerst dadurch ab, dass Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sich auf den Weg in die entlegene Kleinstadt macht. Dass der Bundesinnenminister sich aus Berlin an den Ort eines Verbrechens macht, passiert auch dann nicht oft, wenn es das eigene heimatliche Bundesland betrifft. Am frühen Abend rollt er in einem schwarzen Mercedes-Kleinbus vor das Schulgelände, wo er sich über den Tatort führen lässt. Das dauert eine gute Dreiviertelstunde – der Schulkomplex ist riesig. Er umfasst die Staufer-Grundschule, die Mittelschule, die Pfaffenwinkel-Realschule und das Welfen-Gymnasium. Der Eingang zum Gymnasium liegt am Dornauer Weg, dort, wo der kleine Junge die Absperrung ignorierte. Dort geschah am Mittag das, was die Polizei nur sehr vage, Bayerns Landesinnenminister schon etwas konkreter und der Bundesinnenminister dann in vielen verstörenden Details schildern. „Der Täter hat sich dem Gymnasium mit einer Schusswaffe genähert“, erklärt Dobrindt nach seiner Besichtigung vor Journalisten. Er habe einen Schuss abgefeuert. Der habe aber niemanden getroffen, es sei niemand verletzt worden. Die Waffe – es handelt sich um eine Pistole – habe danach versagt. Der Täter habe außerdem mehrere Messer bei sich gehabt. Eines davon habe er gezogen und zwei 13-jährige Schülerinnen angegriffen, „zwei Opfer, die in dem Moment in seine Schreckensbahn geraten sind“. Er habe sie schwer verletzt. Beide kamen in Krankenhäuser, eines per Helikopter. Anschließend sei der Täter über das Schulgelände gestreift. Um 12.50 Uhr, fährt Dobrindt fort, sei beim Notruf der Alarm eingegangen. Auf dem Schulgelände müssen sich währenddessen dramatische Szenen abgespielt haben. „17 Minuten nach der Alarmierung war der Täter überwältigt“, referiert der Bundesinnenminister – wobei es womöglich Lehrer waren, die den Angreifer in Schach hielten. Der 16-Jährige durchquerte das Gelände innerhalb von rund zehn Minuten in voller Länge. „Ich darf sagen, dass ich tief beeindruckt davon bin, wie hier Lehrkräfte dafür gesorgt haben, dass Schlimmeres verhindert werden konnte“, sagte Dobrindt. Gestoppt wurde der Täter nach WELT-Informationen dann vor der Sporthalle. Da waren dann auch die ersten Polizeibeamten eingetroffen, die ihn überwältigten und festnahmen. Der Täter sitzt in Untersuchungshaft. Zur Identität des Angreifers sagte Dobrindt nur, er sei „EU-Bürger“, und zwar „ohne Flüchtlingshintergrund“. Vorher war schon durchgesickert, dass er Kroate sei. Der Minister sagte auch, er sei schon vorher psychisch aufgefallen. Er erklärte: „Der Täter, das ist jetzt schon bekannt, war in Behandlung.“ Er sei außerdem ein ehemaliger Schüler der Schule. Sein Motiv sei noch nicht klar. Eine Beziehung zu den verletzten Mädchen gebe es wohl nicht. Die beiden seien zufällig Opfer geworden. Für Schongau sei diese Tat „traumatisierend“, so Dobrindt. „Die Wunden, die hier gerissen wurden, werden lange anhalten.“ Ähnlich äußert sich auch der Schongauer Landrat Johann Bertl (CSU): „Kein Elternteil will je so eine Situation erleben“, sagte er. Feuerwehr, Sanitäter und Hilfsdienste hatten schon am frühen Nachmittag eine Auffangstelle für die Schüler und Angehörige eingerichtet. Das Gebiet rund um die Schule blieb bis in den Abend gesperrt. Christoph Lemmer (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/christoph-lemmer/) berichtet für WELT als freier Mitarbeiter vor allem über die Politik und Gerichtsprozesse in Bayern.