In der Liste der berühmten Archäologen nimmt der Brite Leonard Woolley (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Leonard_Woolley) (1880–1960) einen herausragenden Platz ein. Zwölf Jahre, von 1922 bis 1934, leitete er die Ausgrabungen in den Ruinen von Ur im Süden Mesopotamiens und entdeckte damit nichts weniger als eine Zivilisation, von der bis dahin nur mysteriöse Hinweise im Alten Testament bekannt gewesen waren: die Welt der Sumerer, die vor 5000 Jahren die erste Hochkultur zwischen Euphrat und Tigris entwickelten. Ihren Baumeistern „waren alle heute geläufigen Grundprinzipien der Architektur vertraut“, fasste Woolley seine Ergebnisse zusammen: „Die Metallhandwerker besaßen ein Wissen über ihre Stoffe und eine technische Erfahrung, mit der nur wenige alte Völker wetteifern konnten. Die Kaufleute trieben einen weitgespannten Fernhandel und legten ihre Transaktionen schriftlich nieder.“ Diesen großen Vorbildern folgte auch ein gewisser Ea-nasir, der um etwa 1800 v. Chr. in Ur „mit allem handelte, womit sich Profit zu machen lohnte“, wie es der Archäologe Michael Rice (verlinkt auf https://www.goodreads.com/author/show/545976.Michael_Rice) ausdrückte. Der umtriebige Geschäftsmann war wohl kein Sumerer, sondern gehörte zu den Akkadern, die kurz zuvor im Süden Mesopotamiens ein Reich um die Hauptstadt Babylon errichtet hatten. Ea-nasir bediente sich der sumerischen Praxis und führte ein Archiv mit seiner Geschäftskorrespondenz, das Woolley bei seinen Grabungen entdeckte. Vor allem ein Brief startete seitdem eine erstaunliche Karriere, die bis ins „Guinness-Buch der Rekorde“ (verlinkt auf https://www.guinnessworldrecords.com/world-records/537889-oldest-written-customer-complaint) führte: als ältester Beschwerdebrief der Menschheit. Der für damalige Verhältnisse großzügige Gebäudekomplex, den Woolley in Ur identifizierte, lässt auf den Wohlstand schließen, den seine Geschäfte Ea-nasir einbrachten. Rückgrat seiner Unternehmungen war wohl der Handel mit Kupfer, dem existenziellen Rohstoff der Epoche (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article204150616/Experimental-Archaeologie-Wie-die-Bronze-zu-den-Imperien-des-Altertums-kam.html) , denn mit einer Beimischung von etwa zehn Prozent Zinn wird aus dem Metall die harte Bronze. Da Ea-nasir eine Zeitlang in einem Ort namens Dilmun – vermutlich eine Insel im Arabischen Golf – gearbeitet hat, gehen Wissenschaftler davon aus, dass der Kaufmann im einträglichen Fernhandel mit iranischem Kupfer engagiert war, das dort umgeschlagen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article150403747/1177-v-Chr-der-erste-Kollaps-der-Globalisierung.html) wurde. Möglicherweise verlor er bei der Abwicklung von Großaufträgen für den Palast von Ur seine kleineren Geschäftsbeziehungen aus den Augen. Das würde die Mahnungen erklären, die bei ihm eingingen. So beschwerten sich Leute darüber, dass sie Kupfer zwar bezahlt, aber nicht erhalten habe. Zum Rekordhalter aber avancierte der wütende Brief, den der Geschäftspartner Nanni an Ea-nasir richtete. Die Keilschrifttafel wird seit 1953 im British Museum (verlinkt auf https://www.britishmuseum.org/collection/object/W_1953-0411-71) in London verwahrt, wurde bereits 1960 publiziert und 1967 von dem Assyriologen Leo Oppenheim (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Leo_Oppenheim) übersetzt. Aber erst das Internet machte ihren Inhalt, wohl wegen seiner Zeitlosigkeit, zum globalen Ereignis. „Für wen halten Sie mich, dass Sie jemanden wie mich mit einer solchen Verachtung behandeln?“, echauffierte sich Nanni. „Ich habe Männer als Boten geschickt, um die Tasche abzuholen mit meinem (bei Ihnen hinterlegten) Geld. Aber Sie haben mich mit Verachtung behandelt, indem Sie sie mehrmals mit leeren Händen zu mir zurückgeschickt haben, und zwar durch feindliches Gebiet.“ Das war noch nicht alles, denn auch mit den Lieferungen, die ihn erreichten, war der Kunde alles andere als zufrieden: „Beachten Sie, dass ich von nun an kein Kupfer von Ihnen annehmen werde, das keine gute Qualität hat. Ich werde die Barren einzeln in meinem eigenen Garten auswählen und von meinem Ablehnungsrecht Ihnen gegenüber Gebrauch machen.“ Dass Nanni trotz seines Ärgers die Geschäftsbeziehungen aufrechterhielt, lässt – als das Schreiben formuliert wurde – auf einen Mangel an Alternativen schließen. Doch Ea-nasirs unseriöses Geschäftsgebaren hinterließ schließlich doch Spuren. Wie Woolley erkannte, musste der Kaufmann sein Anwesen in Ur irgendwann deutlich verkleinern. Offenbar sprudelten die Gewinne nicht mehr. Spätestens um 1800 v. Chr. dürfte Ur auch in das Altbabylonische Reich eingegliedert worden sein. Von dessen Großkönig Hammurabi I. ist eine berühmte Sammlung mit Gesetzen auf uns gekommen, in der es auch um Gepflogenheiten in der Wirtschaft geht. In Paragraf 108 wird der Umgang mit einer Geschäftsfrau beschrieben, die fehlerhaftes Bier auf den Markt (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article227844179/Aegypten-5000-Jahre-alte-Brauerei-erzeugte-22-000-Liter-Bier-in-einem-Brauvorgang.html) brachte: Sie soll ertränkt werden, lautete das Urteil. Schlechte Zeiten für Leute wie Ea-nasir. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.