Ein Mitarbeiter des Jobcenters Bremen ist nach kritischen Äußerungen über das Bürgergeld-System in einer ZDF-Dokumentation (verlinkt auf https://www.zdf.de/play/reportagen/am-puls-100/am-puls-mit-sarah-tacke---system-buergergeld-leben-ohne-leistung-100) fristlos entlassen worden. Das berichtet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) unter Berufung auf das Kündigungsschreiben der Stadt Bremen. Auch der „Weser Kurier“ hatte zuvor über Göckens Entlassung berichtet (verlinkt auf https://www.weser-kurier.de/bremen/politik/bremer-jobcenter-ex-mitarbeiter-nach-buergergeld-kritik-gekuendigt-doc8611h6p32rrowlcdopr) . Göcken hatte in der ZDF-Reportage „ Am Puls mit Sarah Tacke – System Bürgergeld: Leben ohne Leistung (verlinkt auf https://www.welt.de/vermischtes/article6a0ac8e40774d40045f0b314/zdf-doku-das-system-macht-missbrauch-einfach-zdf-reporterin-zieht-bitteres-fazit-nach-buergergeld-doku.html) “ deutliche Kritik an der Arbeit der Behörden und am Umgang mit Leistungsmissbrauch geäußert. Nach Angaben der FAZ wirft die Stadt Bremen dem 60-Jährigen nun vor, das Jobcenter mit seinen Aussagen „diffamiert“ zu haben. In der 44-minütigen Dokumentation hatte Göcken die zentrale Aufgabe der Jobcenter als „Geldausgeben“ bezeichnet. Würden die Mitarbeiter alle Bürgergeldempfänger erfolgreich in Arbeit vermitteln, „wäre ihre Tätigkeit überflüssig“, sagte er. Zudem äußerte er die Vermutung, dass „zwischen 30 und 40 Prozent“ der Bürgergeldempfänger in ihren Anträgen keine wahren Angaben machten. Dies sei „ein offenes Geheimnis“. Viele Menschen hätten die Motivation, „im System drinne zu bleiben“. Das Bürgergeld werde so für manche zur „Lebensalternative“. Offizielle Zahlen dazu gibt es laut FAZ allerdings nicht. Göcken habe seine Einschätzung vielmehr auf Erfahrungen von Kollegen sowie auf seine eigene Tätigkeit als Jobvermittler gestützt. „Der Eindruck eines selbsterhaltenden Systems verfestigt sich“ Im „Weser Kurier“ wiederholte Göcken seine Kritik: „Der Eindruck eines selbsterhaltenden Systems verfestigt sich bei mir immer mehr. Die Kosten steigen Jahr für Jahr“, zitiert ihn das Blatt. Aus seiner Sicht muss dringend eine große Reform her, „denn Leistungen ohne Gegenleistung und ohne temporäre Begrenzung haben das System an den Rand des Zusammenbruchs gebracht.“ Als Beispiele für den von ihm angeprangerten Leistungsmissbrauch schilderte er Fälle von scheingetrennten Paaren, die offiziell in zwei Wohnungen leben. Dabei werde eine der Wohnungen gar nicht bewohnt, sondern untervermietet. So käme es zu zusätzlichen Einnahmen. Weitere Kritik äußerte Göcken an der Verwendung von Fördermitteln in den Jobcentern. Im „Weser Kurier“ erklärte Göcken, aus seiner Sicht liege ein besonderer Fokus darauf, die für Integrations- und Bildungsmaßnahmen bereitgestellten Budgets vollständig auszuschöpfen. Als Beispiel verwies er auf einen sogenannten Kreativraum, den das Bremer Jobcenter laut früherer Berichterstattung des Blattes für rund 600.000 Euro gestalten ließ. Das Jobcenter Bremen wies seine pauschale Kritik zurück und betonte, Förderentscheidungen würden auf Grundlage der jeweiligen individuellen Situation getroffen. Die Kommune verweist als Begründung für die Kündigung nun darauf, dass das Interview mit dem ZDF nicht genehmigt gewesen sei. Göcken habe sich vielmehr selbst an den Sender gewandt, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Dem Jobcenter-Mitarbeiter war dieses Risiko jedoch bewusst. „Aus einem schönen System wird ein ungerechtes System, wenn wir diese Dinge nicht ansprechen“, sagte Göcken damals in der Doku zu seiner Motivation, über seine Arbeit zu sprechen. In dem Kündigungsschreiben gesteht die Stadt zwar ein, dass auch Beschäftigte des öffentlichen Dienstes Kritik äußern dürften, „solange sie sachlich und konstruktiv“ sei, zitiert die FAZ weiter aus dem Schreiben. Die Aussagen Göckens hätten diese Grenze jedoch überschritten. Konkret heißt es: „Es wird der Eindruck erweckt, man würde dem gesetzlichen Auftrag, Menschen in Arbeit zu bringen, nicht nachkommen wollen.“ Außerdem entstehe der Eindruck, das Jobcenter würde „nicht ausreichend sanktionieren oder dem vermuteten Missbrauch durch Hilfeempfänger nachgehen, somit unverantwortlich mit öffentlichen Geldern umgehen“. Nach Auffassung des Arbeitgebers überschreiten diese Vorwürfe „die Grenzen der Meinungsfreiheit“. Weiter heißt es in dem Schreiben: „Das Vertrauensverhältnis ist damit zerstört.“ Das Jobcenter Bremen wies die Aussagen seines Mitarbeiters zudem zurück. Für die von Göcken genannte Größenordnung von „30 bis 40 Prozent“ lägen „keine belastbaren Erkenntnisse“ vor. Zugleich erklärte die Behörde, Fälle von Leistungsmissbrauch kämen zwar vor, würden aber „konsequent geprüft und verfolgt“. Göcken kündigte sowohl in der FAZ als auch im „Weser Kurier“ an, juristisch gegen seine fristlose Entlassung vorgehen zu wollen. Ist er nicht erfolgreich, muss er sich vermutlich arbeitssuchend melden.