Welt 10.09.2026
07:11 Uhr

Was es mit „den drei Öffnungen“ der Kaiserin auf sich hatte


Antike Quellen stellen Kleopatra als Femme fatale, den Kaiser Caligula als wahnsinnigen Tyrannen dar. Welche Intentionen sich hinter Mythen und Verfälschungen verbargen, hat der Historiker Alexander Demandt in einer großen Studie analysiert.

Was es mit „den drei Öffnungen“ der Kaiserin auf sich hatte

Unter den zahlreichen Western, die John Ford mit John Wayne drehte, nimmt „ Der Mann, der Liberty Valance erschoss (verlinkt auf https://www.welt.de/welt_print/article2013548/Der-groesste-Filmschauspieler-aller-Zeiten.html) “ aus dem Jahr 1962 einen Spitzenplatz ein. Es geht darin um einen renommierten US-Senator, der zur Beerdigung eines alten Freundes in die Kleinstadt seiner frühen Jahre zurückkehrt. Dort erzählt er Reportern, warum er das tut: Weil das erfolgreiche Duell mit dem Revolvermann Liberty Valance, das seine Karriere begründete, nicht von ihm, sondern von seinem verstorbenen Freund gewonnen wurde. Auf das Angebot, die Beichte zu veröffentlichen, antwortet der Chefredakteur jedoch: „When the legend becomes fact, print the legend!“ Dass diesem Bonmot eine zutiefst menschliche Charaktereigenschaft zugrunde liegt, belegt der bekannte Althistoriker Alexander Demandt (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article239171261/Alexander-Demandt-Der-vielseitigste-Althistoriker-wird-85.html) in seinem neuen Buch „Geschönte Geschichte“ (C. H. Beck, 603 S., 38 Euro) mit zahllosen Beispielen. Diese Enzyklopädie von „Fälschung und Fabelei seit der Antike“ ist in mehrfacher Hinsicht ein Ereignis. Zum einen zieht darin der 89-jährige Emeritus der Freien Universität (FU) Berlin eine Bilanz seines Forscherlebens, das ihn seit der Suche nach einem Habilitationsthema in den 1960ern beschäftigt hat; seine Funde haben seitdem zahlreiche Kästen mit Karteikarten und Festplatten gefüllt. Zum anderen hat das Thema eine globale Aktualität, seit US-Präsident Donald Trump „Fake News“ (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article204382614/Donald-Trump-verdoppelt-Zahl-falscher-und-irrefuehrender-Aussagen.html) zur legitimen Kategorie politischer Kommunikation erklärt hat. Dass derartige Rhetorik schon in der Antike zum Tagesgeschäft gehörte, macht Demandt in einem regelrechten Stakkato deutlich. Wenn etwa der Kaiser Augustus in seinem Tatenbericht „Res gestae“ behauptete, dem römischen Volk die „Freiheit“ wieder geschenkt und das Reich über „alle Grenzen in die Nachbarländer hinein erweitert zu haben“, waren das blanke Euphemismen. Denn die Freiheit der Republik war mit der Errichtung seines Regimes endgültig passé, und nach der Katastrophe des Varus im Teutoburger Wald (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article242155481/Schlachtfeld-Kalkriese-Wo-Varus-und-seine-Legionaere-ihr-Leben-liessen.html) konnte von einem Imperium „bis an die Elbmündung“ keine Rede mehr sein. Wenn sich drei Jahrhunderte später Kaiser Konstantin als „Restitutor“ der „Freiheit“ präsentierte, kaschierte auch das nur die Tatsache, dass sich ein Usurpator nach seinem Sieg im Bürgerkrieg vom Feind der Freiheit zu ihrem Beschützer gewandelt hatte. Zu ähnlicher Camouflage wurde der „Frieden“ missbraucht. Philipp II. von Makedonien erklärte sich zum Friedensbringer für Griechenland, nachdem er 338 v. Chr. dessen Staatenwelt unterworfen hatte. Wenn sein Sohn Alexander der Große sich von seinem Hofmaler auf einem Siegeswagen porträtieren ließ, vor dem der Kriegsdämon gefesselt einhergeht, war das pure Heuchelei. Seine 13 Herrschaftsjahre waren eine einzige Abfolge von Kriegszügen. Einen längeren Abschnitt hat Demandt der „Damnatio memoriae“ (Verdammung des Andenkens) in Rom gewidmet. Die Löschung eines Namens und seines Trägers aus dem kollektiven Gedächtnis war eine erstaunlich wirksame Methode der Geschichtsumdeutung, die Historikern bis heute Stoff zum Nachdenken liefert. Waren Kaiser wie Caligula (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article224876185/Roemisches-Reich-Einige-stiessen-ihm-sogar-das-Schwert-durch-die-Schamteile.html) , Nero, Domitian wirklich wahnsinnige Tyrannen, wie die Quellen unisono berichten, oder wollte die Elite – denn nur sie hinterließ Bücher oder Inschriften – sich damit nur einem neuen Regime andienen oder ihre Kollaboration mit dem alten kaschieren? Dabei gingen die Römer geradezu akribisch vor: Texte wurden ausgemeißelt, Bilder zerstört, Akten verbrannt. Zugleich wuchs die Liste der Perversionen, die das Bild von „schlechten“ Kaisern wie Commodus, Elagabal oder Phokas bis ins Unkenntliche verzerrten. Anregend ist auch die Dekonstruktion zahlreicher Ursprungsfabeln, handelt es sich doch um „Bewusstseinstaten, mit Vernunftgründen erschlossen oder nach Wunschvorstellungen gestaltet“. Um ihre demokratische Verfassung zu legitimieren, führten die Athener sie auf den ionischen Helden Theseus zurück. Damit konnten sie ein höheres Alter als der legendäre Lykurg beanspruchen, der Gesetzgeber Spartas. Deren Bürger beriefen sich wiederum auf eine Abstammung von den Herakliden, Nachfahren des dorischen Helden Herakles, deren mythische Rückkehr die Herrschaft der Stadt über weite Teile der Peloponnes begründete. „Kein Anfang ist von Anfang an ein Anfang, sondern wird zu einem solchen erst in der Folgezeit“, schreibt Demandt: „Er muss rückblickend konstruiert werden, und das gibt Gelegenheit zur wunschgemäßen Gestaltung.“ Hans-Joachim Gehrke, (verlinkt auf https://uni-freiburg.de/alte-geschichte/team/emeriti/prof-dr-dr-hc-mult-em-hans-joachim-gehrke/) 1984 bis 1987 Demandts Kollege am Friedrich-Meinecke-Institut der FU, hat dafür den Begriff der „intentionalen Geschichte“ geprägt, mit der Gemeinschaften sich ihrer Identität versichern. Wenn sich etwa Juden an die Leiden unter Pharao und den Auszug aus Ägypten erinnern, verlegen sie den Ursprung ihrer Geschichte nicht nur in die Bronzezeit, sondern finden in der gemeinsamen Wanderung ins von Jahwe gelobte Land den Beweis für ihre Reichsgründung. Auch die Christen woben an ihrem Gründungsmythos. Von Petri Reisen oder gar Romaufenthalt vermelden die frühen Zeugnisse nichts. Erst Ende des 1. Jahrhunderts weiß man von seinem Martyrium, erst im 2. von verschiedenen Aktionen in der Hauptstadt der Welt. Um 200 wird schließlich bekannt, dass Petrus gekreuzigt wurde. Dass die Hinrichtung kopfüber stattfand, kommt bald darauf hinzu. Als eine Archäologin in den 1950ern erklärte, im Vatikan das Grab Petri gefunden zu haben, sorgte der Erwartungsdruck dafür, dass das Resultat feststand. Gegen alle wissenschaftliche Kritik erhob Papst Paul VI. den Fund 1965 zum Dogma (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article164748289/Auf-ein-Grab-gruendeten-die-Nachfolger-Petri-ihre-Macht.html) . Dabei starb der Apostelfürst wohl in Jerusalem, in seinem Bett, schreibt Demandt: „Gemachte Wahrheit wird verwendet für die Stärkung der Gläubigen und für die Bekehrung der Ungläubigen.“ Ein Kapitel widmet der Historiker den „schlimmen Frauen“. Seit Eva wurden sie Opfer übler Verleumdung. Die ägyptische Königin Kleopatra, mit der sein Adoptivvater Caesar und sein Rivale Marcus Antonius das Bett teilten, wurde in der Propaganda des Augustus das „ fatale monstrum (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article117532014/Im-Bett-besiegte-Kleopatra-die-maechtigsten-Maenner.html) “. Angeblich trachtete sie danach, Rom zu vernichten; daher wurde ihr der Krieg erklärt und nicht Antonius. Was zudem den Vorteil bot, nicht in einen ungeliebten Bürgerkrieg ziehen zu müssen, sondern gegen bösartige Barbaren ins Feld ziehen zu können. Theodora, die Frau des Kaisers Justinian, wurde als Hure geschmäht, die als Frau niederer Herkunft im Circus „ mit ihren drei Öffnungen ihrem vorehelichen Gewerbe nachgegangen sei (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article213212072/Byzanz-Sie-bediente-30-Maenner-pro-Nacht-mit-drei-Koerperoeffnungen.html) “. Selbst vom großen Philosophen Sokrates ging die Mär, dass seine zänkische Frau Xanthippe ihm das Leben verleidet habe. Einem Jüngling, der ihn über Pro und Kontra der Ehe befragte, soll der Denker geantwortet haben: „Was du auch tust, du wirst es bereuen.“ Diese pralle Tour d’Horizon durch Fake News in der Antike und ihrem Nachleben sei für die Wissenschaft eine permanente Herausforderung, resümiert Demandt, der mit Verweisen auf Fake News in der Gegenwart nicht zurückhält: „Zweckmäßig angepasste Geschichte erweist zwar ihren Nutzen in immer neuen Konstellationen nach immer alten Mustern und sichert ihr so dauerhaft Interesse, aber stellt auch eben dadurch den Historiker immer wieder vor die Aufgabe, sie zu entschleiern, zu fragen: Was steckt dahinter?“ Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.