Welt 29.09.2026
07:28 Uhr

„Wenn Leute wie ich Fehler machen, sind sie tot!“


Wenn Blindgänger oder alte Munition auftauchen, rücken die Entschärfer an. Die Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr würdigt ihre Arbeit zum 80. Bestehen des Hamburger Kampfmittelräumdienstes stellvertretend für alle Bombenräumer.

„Wenn Leute wie ich Fehler machen, sind sie tot!“

Das Geständnis war zumindest überraschend: „Ich habe nicht die stärksten Nerven“, bekannte Walter Merz (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Merz_(Feuerwerker)) , der Erste Sprengmeister der Hansestadt Hamburg, im Frühjahr 1948: „Oft habe ich entsetzliche Angst.“ Hunderte Blindgänger hatte der Maschinenbauingenieur seit dem 3. Mai 1945, als die Briten die in weiten Teilen zerbombte Metropole besetzt hatten, bereits entschärft; dabei hatte es Katastrophen gegeben wie am 30. September 1945: Bei der misslungenen Entschärfung einer britischen 500-Pfund-Bombe (verlinkt auf https://www.welt.de/vermischtes/article160597191/Zwei-Tonnen-schwere-Luftminen-Spitzname-Cookie.html) im Gaswerk Harburg wurden vier Feuerwerker getötet. Da von ihnen nicht viel übrig blieb, mussten Merz und seine Kameraden die Toten „symbolisch“ beerdigen. „Es war ein harter Schlag, besonders weil wir damals glaubten, bald am Ende unserer Arbeit zu sein“, sagte Merz gegenüber WELT. Auch mehr als 80 Jahre nach Kriegsende sind die Entschärfer in Hamburg immer noch aktiv. An ihre Arbeit und ihren nicht selten tödlichen Einsatz erinnert jetzt die Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr (verlinkt auf https://www.hsu-hh.de/) mit einer Ausstellung. Sie zeigt die Entwicklung des Bombenräumkommandos, das seit 1983 Kampfmittelräumdienst (verlinkt auf https://www.feuerwehr.hamburg/krd-815362) Hamburg heißt, vom ersten Chef Walter Merz (1906–1978) bis zu seinem aktuellen Nachfolger André Kowalzik, der seit 2024 als Erster Sprengmeister amtiert. Nach seinen Angaben wurden bis Sommer 2026 allein in Hamburg insgesamt 11.394 Bomben im Boden oder im Wasser gefunden und entschärft oder ausnahmsweise vor Ort kontrolliert gesprengt – das entspricht rund 15 Blindgängern auf jedem Quadratkilometer der Hansestadt. Hinzu kamen allerdings mehr als 19.000 Brandsätze, hunderttausende Granaten und ähnlich viele Waffen. Zum Vergleich: Im Sommer 1945 waren etwa 700 bekannte Bombenblindgänger in Hamburg registriert. Doch im Zuge der Trümmerbeseitigung kamen täglich neue hinzu. Das ist bis heute prinzipiell nicht anders. Am 9. September 2026 stießen Bauarbeiter am Bahnhof Diebsteich, der zum neuen Fernbahnhof (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article68e8bf99d212ab5081d57126/asbest-und-blei-neuer-bahnhof-altona-kommt-erst-2029-und-damit-weitere-zwei-jahre-spaeter.html) ausgebaut wird, auf eine britische 500-Pfund-Bombe. Weil möglicherweise der chemische Langzeitzünder versehentlich aktiviert worden war, legte der Kampfmittelräumdienst einen Sperrradius von 400 Metern um den Fundort. Rund 2500 Menschen mussten evakuiert werden. Immer noch dürften sich mehr als 2500 Bombenblindgänger sowie nicht einmal ansatzweise schätzbare Mengen an sonstiger Munition im Hamburger Boden und in den Gewässern befinden. Die jahrzehntelange Alterung macht den Sprengstoff darin nicht ungefährlicher, sondern im Gegenteil nimmt seine Brisanz durch chemische Prozesse sogar zu. Nicht mehr helfen konnten die Entschärfungsspezialisten etwa am 18. Dezember 1948. Auf dem Lagerplatz einer Schrottfirma in Niendorf explodierte an diesem Samstag kurz vor 15 Uhr eine 454 Kilogramm schwere US-Bombe mit chemischer Langzeitzündung. Offenbar handelte es sich um eine M65 (verlinkt auf https://www.nationalmuseum.af.mil/Visit/Museum-Exhibits/Fact-Sheets/Display/Article/196231/m65-1000-lb-bomb/) mit rund 50 Prozent Sprengstoffanteil am Gesamtgewicht. Die Folgen waren verheerend: Ein 40-jähriger Mann wurde getötet, 35 Personen erlitten teilweise schwere Verletzungen. Acht Häuser wurden vollständig zerstört und zwölf weitere schwer beschädigt. In einem Umkreis von mehr als tausend Metern entstanden schwerste Schäden an Fenstern und Dächern. Stahlplatten und Sauerstoffflaschen, die auf dem Schrottplatz gelegen hatten, wurden bis zu 800 Meter weit fortgeschleudert. An der Stelle, an der die Bombe gelegen hatte, fand sich nun ein Trichter von etwa zwölf Metern Durchmesser und fünf Metern Tiefe. Der Rauchpilz der Explosion stieg mehrere hundert Meter hoch auf. Acht Familien mit insgesamt 23 Personen verloren ihr Dach über dem Kopf – und das in einer Stadt, in der ohnehin mehr als 200.000 Menschen in Behelfsbauten wie Baracken oder notdürftig abgedichteten Kellern zerstörter Häuser lebten. Denn rund 300.000 der 1939 bestehenden 563.600 Wohnungen in Hamburg waren nach dem Krieg zerstört oder unbewohnbar. Die Ausstellung der Bundeswehr-Bibliothek orientiert sich an den Amtszeiten der bisher acht Ersten Sprengmeister. In Erinnerung bleiben nämlich ihre bekanntesten Einsätze, weniger der Alltag mit der Suche nach möglichen Blindgängerfundorten und der glücklicherweise meist unnötigen Alarmbereitschaft. Am 2. April 1949 musste sich Walter Merz erstaunlicherweise mit einer deutschen Bombe beschäftigen. Ein Schweißer namens Erich Krause hatte im Hamburger Hafen an einem für die USA bestimmten drei Meter langen Stahlzylinder Merkmale einer Bombe entdeckt – und sofort das Räumkommando benachrichtigt. Auf der Spitze der Hafenzunge Krahnhöft, etwa 500 Meter Luftlinie vom Gasometer Grasbrook (heute Standort des Einkaufszentrums Westfield) entfernt, arbeiteten zu dieser Zeit die Männer einer Hamburger Verwertungsfirma. Vor dem ausgebrannten Schuppen 37 türmten sich allerlei Stahlteile, die in die USA exportiert werden sollten. Dafür zerkleinerten Schweißer die angelieferten Metallteile, weil Hochöfen nur Teile mit bestimmten Maßen einschmelzen konnten. An diesem Sonnabendmorgen luden die Arbeiter aus einem Waggon zwei deutsche Einmann-Torpedos und mehrere Stahlhohlkörper zum Verschrotten aus. Krause begann, die Hohlkörper zu zerlegen. Er begann an einem von ihnen, über dessen Spitze ein eckiger Blechmantel gezogen war. Nach einer halben Stunde, Krause hatte mit seinem Schneidbrenner den Eisenmantel bereits geöffnet, bemerkte er beim Wenden ein Bombenschloss. Bis auf eine Handbreit war er bereits an die Sprengladung herangekommen. Walter Merz stellte fest, dass es sich um eine deutsche Luftmine des Typs SC 1000 handelte, die mit rund 600 Kilogramm hochexplosivem Sprengstoff gefüllt war. So eine Luftmine zerstörte im Umkreis von hundert Metern buchstäblich alles, und noch in anderthalb Kilometern Entfernung entstanden schwere Luftdruckschäden. Das Gaswerk in Grasbrook und ein Teil der Speicherstadt wären bei der Explosion der Luftmine sicher erheblich mitgenommen worden. Die Feuerwerker des Bombenkommandos bargen die Luftmine vorsichtig und transportierten sie ab, doch für eine kontrollierte Sprengung gab es in Hamburgs Umgebung keinen geeigneten Platz: Die Luftdruckwirkung wäre so groß, dass noch im Umkreis von zwei Kilometern alle Fensterscheiben eingedrückt worden wären. Also musste der Sprengstoff portionsweise aus der Luftmine gepult werden. Der zweite Nachfolger von Walter Merz hieß Karl-Heinz Gäbler (1925–2018). Mehr als 200 Blindgänger hatte er persönlich entschärft. Zum Abschied in den Ruhestand sagte er bei einem der seltenen Pressetermine: „Nein, Fehler habe ich wohl nicht gemacht; denn wenn Leute wie ich Fehler machen, sind sie tot!“ Der nächste in der Reihe der Ersten Sprengmeister war Manfred Schubert (1945–2021). Ihm verliehen die Hamburger für seine Leistung bei der Entschärfung einer 1000-Pfund-Bombe an der Kreuzung Gazert- und Denickestraße den Beinamen „Retter von Harburg“. Am Nachmittag des 26. Juli 1993 fiel einem Baggerfahrer bei Erdarbeiten ein metallisches Rumpeln auf: In der Schaufel seines Auslegers lag eine Bombe. Nur 40 Minuten später war Schubert vor Ort und stellte fest: „Verflucht, das Ding wurde bewegt. Es kann sein, dass der Zeitzünder in Gang gesetzt wurde. Wir müssen sofort alle Menschen im Umkreis von 300 Metern evakuieren.“ Hunderte Polizisten räumten das Viertel; gegen 21 Uhr glich es einer menschenleeren Geisterstadt. Eine Viertelstunde später begannen die längsten Minuten in Schuberts Leben: Zusammen mit seinem Stellvertreter und späteren Nachfolger Peter Voß sowie dem Sprengmeister Peter Bodes bei dessen erstem Einsatz in Hamburg entfernte er ein herausstehendes Teil des Zünders und sah ins Innere der Bombe. „Die Säureampulle muss schon während des Krieges geplatzt sein“, berichtete Schubert später. Das Zelluloidplättchen, das den Schlagbolzen festhielt, war bereits angefressen. Und dann war da noch die Ausbausperre: „Die kleinste Erschütterung kann die Bombe hochgehen lassen.“ Während ein Sprengmeister den Zünder festhielt, fräste ein anderer. Gegen 22 Uhr bewegte sich der Zünder endlich. Die drei Männer sahen einander an, nickten, dann drehte Schubert den Zünder eine halbe Minute lang vorsichtig im Uhrzeigersinn aus dem Gewinde. Es war geschafft. Schweißüberströmt umarmten sich die Männer. Zwar übernehmen seither manche Aufgaben der Entschärfer ferngesteuerte Roboter, doch eine hochdiffizile Aufgabe bleibt der Job in jedem Fall. Jederzeit können Blindgänger bei Bauarbeiten auftauchen – nach 1945 entstanden viele Neubauten angesichts der Wohnungsnot ohne gründliche Untersuchung der Grundstücke. Werden diese Häuser aus den 1950er-Jahren nun abgerissen, besteht die Möglichkeit, auf jahrzehntelang im Boden verborgene Blindgänger zu stoßen. Bibliothek der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, bis 23.10. Weitere Informationen unter www.ub.hsu-hh.de/80-jahre-kampfmittelraeumdienst/ Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur und Terrorismus.