Zeit 11.03.2026
16:53 Uhr

(+) Peter Schneider: Er hatte den Mut, zu springen


Ohne Menschen wie Peter Schneider geht keine Demokratie. Hier verabschiedet sich sein langjähriger Verleger von dem Schriftsteller.

(+) Peter Schneider: Er hatte den Mut, zu springen
Als ich 1984 für ein paar Wochen in New York Verlagskollegen, Schriftsteller und Literaturagenten besuchte, machte ein brillanter ganzseitiger Artikel in der Buchbeilage der New York Times Furore. Der britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie feierte darin voller Bewunderung die gerade erschienene englische Übersetzung von Peter Schneiders Buch Der Mauerspringer (The Wall Jumper). So etwas passierte und passiert deutschsprachigen Autoren in den USA nicht oft. Wie noch viele weitere englischsprachige Schriftsteller seitdem – etwa Ian McEwan – staunte Rushdie über dieses Buch und fragte sich völlig zu Recht: Warum hatte bis dahin kein anderer bekannter westdeutscher Schriftsteller über diesen doch hochinteressanten Elefanten im Raum – über diese aberwitzige, mörderische Grenze, die die Stadt Berlin und das Land seit 1961 durchschnitt – ein Buch geschrieben, das literarisch und thematisch der schmerzhaften Wunde gerecht wurde, von der doch so viele Deutsche unmittelbar betroffen waren? Ein Buch über dieses hässliche, monströse Bauwerk, das die Berliner jeden Tag vor Augen hatten und doch zugleich verdrängten, das sie achselzuckend hinnahmen, als Strafe für Auschwitz akzeptierten oder als leicht gruseliges landmark building den Touristen auf eigens dafür errichteten Aussichtsplattformen vorführten? Das wäre einem englischen oder amerikanischen Schriftsteller nicht passiert! In der DDR hatte es immerhin Christa Wolfs Erzählung Der geteilte Himmel gegeben.