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14.03.2026
10:36 Uhr
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Das Jahrhundert bebt, doch die zeitgenössische Philosophie scheint zu schlafen. Eine Ermunterung zur Geistesgegenwart

Zu sagen, was die eigene Gegenwart ist, gehört gewiss zum Anspruchsvollsten, was sich denkende Menschen vornehmen können. Besondere Dringlichkeit entwickelt diese Aufgabe erfahrungsgemäß in Zeiten zivilisatorischer Umbrüche oder gar Abgründe. In Zeiten also wie den gegenwärtigen. Wobei als einschlägige Instanz, diesen Dienst zu vollbringen, bis zum heutigen Tage die sogenannte Philosophie gehandelt wird. Nicht ganz ohne historischen Grund. Tatsächlich sind allein mit Blick auf die vergangenen, durchaus katastrophischen hundert Jahre westlicher Kultur sämtliche Schulen, die das Feld akademischen Philosophierens bis heute prägen, als geisteswache Reaktionen auf kulturelle Abbrucherfahrungen begreifbar. So nahm das, was gegenwärtig als "Analytische Philosophie" gefasst wird, einst im Wien der Nachkriegszeit nach 1918 einen Ursprung. Das Wirken des dortigen "Wiener Kreises" zum Ende der 1920er-Jahre war von dem Bestreben geleitet, den fundamentalen Umbrüchen in Mathematik und Physik, welche die eigene Zeit erschüttert hatten, ebenso aufklärend gerecht zu werden wie den anhebenden weltanschaulichen Radikalisierungen.