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13.03.2026
02:56 Uhr
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Eine neue Studie der Universität Paderborn spricht von "Vertuschungsspiralen". Das Ausmaß des Missbrauchs in der Kirche ist demnach doppelt so hoch wie bisher angenommen.

Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Paderborn ist nach einer unabhängigen Studie deutlich höher als bislang bekannt. Für die Jahre 1941 bis 2002 gibt es demnach Hinweise auf 210 Beschuldigte und 489 Betroffene – fast doppelt so viele wie bisher angenommen. Das teilte die federführende Universität Paderborn am Donnerstag bei der Vorstellung des Untersuchungsberichts mit. Bisher hatte die Deutsche Bischofskonferenz für die Jahre 1946 bis 2014 lediglich 111 Priester im Erzbistum Paderborn identifiziert, die 197 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben sollen. "Diese Zahlen sind stark zu korrigieren", sagte die Mitautorin und Historikerin Nicole Priesching. Es müsse von einem Dunkelfeld ausgegangen werden, "über dessen Ausmaß man nur spekulieren kann". Die Studie spricht von "Vertuschungsspiralen" in der katholischen Kirche . Die Aufarbeitung stehe erst am Anfang. "Vertuschungsspirale" soll Betroffene zum Schweigen gebracht haben Beschuldigte Kleriker, Bistumsmitglieder und Erzbischöfe hätten demnach Einfluss auf Betroffene und ihre Angehörigen genommen, damit diese auf Anzeigen verzichteten. Unter anderem seien Pfarrer davon ausgegangen, dass "stillschweigend von ihnen erwartet wurde, ebenfalls Druck auf Betroffene auszuüben", heißt es in der Studie. Die Erwartungshaltung habe sich häufig mit dem sozialen Umfeld in der Gemeinde gedeckt. "Diese Vertuschungsspirale sorgte wiederum dafür, dass Betroffene den beschuldigten Priestern weiterhin ausgeliefert blieben", sagte Priesching. Am Freitag will sich das Erzbistum ausführlich äußern. Missbrauchsbetroffene reagierten mit Bestürzung. "Wir Betroffenen haben diese Studie erhofft und erwartet", sagte Reinhold Harnisch, der Sprecher der Betroffenenvertretung im Erzbistum Paderborn. Er sprach von einem doppelten Missbrauch – einmal durch die Täter, ein zweites Mal durch das Versagen der Institutionen. "Dieser doppelte Missbrauch, der dauert an." Dennoch gebe die neue Studie den Betroffenen "ein Stück Würde zurück". Der Sprecher der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch, Matthias Katsch, sprach von einem "Tag der Trauer und des Zorns". "Das Ausmaß der Verbrechen im Erzbistum Paderborn, die Anzahl der Priestertäter über die Jahrzehnte und die Gewissenlosigkeit, mit der die Täter geschützt und die Opfer ignoriert worden sind, sind erschütternd", sagte er der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA). Weitere Studie ist in Arbeit Der aktuelle Paderborner Erzbischof Udo Bentz bezeichnete die Untersuchung als Meilenstein auf dem Weg der Aufarbeitung. "Das schuldhafte Versagen früherer Bistumsverantwortlicher lässt sich nicht relativieren. Als heutige Bistumsverantwortliche verpflichtet uns diese historische Wirklichkeit, an einer neuen Kultur der Glaubwürdigkeit auf allen Ebenen zu arbeiten", teilte er mit. Das Wissenschaftlerteam der Universität Paderborn war seit 2020 mit der historischen Studie befasst. Für die unabhängige Untersuchung wurden den Angaben zufolge personenbezogene Akten von beschuldigten Priestern, das Erzbischöfliche Geheimarchiv, private Nachlässe, Gerichts- und Strafakten, Protokolle sowie Briefwechsel untersucht. Zudem wurden rund 80 Interviews mit Zeitzeugen und Betroffenen geführt. Gegenstand der neuen Studie sind die Amtszeiten der Erzbischöfe Lorenz Jaeger (1941–1973) und Johannes Joachim Degenhardt (1974–2002). Nach Angaben der Universität sind allein aus der Amtszeit Jaegers Namen von 144 Beschuldigten und 316 Betroffenen bekannt. In die Amtszeit Degenhardts fallen demnach 98 Beschuldigte und 195 Betroffene. Ein zweites Forschungsprojekt untersucht aktuell die Amtszeit von Erzbischof Hans-Josef Becker (2003 bis 2022). Erste Ergebnisse sollen im Jahr 2027 vorgestellt werden.