|
02.10.2026
18:40 Uhr
|
In der blockierten Frontstadt Oleschky leiden Tausende an Hunger. Nicht nur dort wird sichtbar, wie der Krieg sich zunehmend gegen Zivilisten richtet. Der Wochenrückblick

Oleschky liegt seit 1.682 Tagen auf russisch kontrolliertem Gebiet. Entlang der ukrainischen Kleinstadt am östlichen Dnipro-Ufer verläuft die Straße, auf der noch am ersten Tag der Invasion russische Panzerkolonnen bis vor Cherson vorgestoßen waren. Von den 24.000 Menschen, die damals in Oleschky lebten, befinden sich nach örtlichen Angaben rund 2.000 nach wie vor in der Stadt. Ihnen droht, wie die ukrainische Regierung, Medien und Hilfsorganisationen seit Monaten warnen, eine humanitäre Katastrophe. Nur neun Kilometer liegen zwischen Oleschky und der Großstadt Cherson, die im November 2022 von ukrainischen Truppen befreit wurde. Doch diese neun Kilometer konnte die ukrainische Armee seitdem nicht überwinden, die Brücke über den Dnipro wurde schon damals zerstört. Auch Russland hat keine realistischen Aussichten, den Fluss zu überqueren und Cherson erneut zu besetzen. Dennoch dient das östliche Dnipro-Ufer den russischen Truppen als Aufmarschgebiet für Artilleriestellungen und Drohnentrupps, die von dort aus täglich Cherson beschießen und Jagd auf einzelne Zivilisten am Westufer machen . Oleschky liegt somit am Westrand des russisch besetzten Gebiets in der Südukraine. Transporte aus Russland erreichen die Stadt, wenn überhaupt, gewissermaßen als Letztes. Laut übereinstimmenden ukrainischen Medienberichten erfolgte der letzte reguläre Hilfstransport am 26. Mai. Der letzte Einkaufsladen in der Stadt schloss nach Angaben der UN-Mission in der Ukraine im Januar . Wer Nahrung oder Medikamente besorgen will, muss die Stadt verlassen und dafür bis zu 20 Kilometer zurücklegen. Doch solche Fahrten sind lebensgefährlich: Das Gebiet um Oleschky herum ist stark vermint. In örtlichen Telegram-Kanälen werden ab und an Videos veröffentlicht, die Menschen auf der Suche nach Nahrungsmitteln zu Fuß oder auf dem Fahrrad zeigen. Bereits Anfang Mai mahnte das ukrainische Außenministerium , die Einwohner der Stadt müssten unter menschenunwürdigen Bedingungen leben – ohne Zugang zu fließendem Wasser, Nahrung oder Medikamenten. Strom gibt es in Oleschky schon seit Jahren nicht mehr. Bei der mutmaßlich von Russland verantworteten Zerstörung des Kachowka-Staudamms im Juni 2023 wurde die Stadt fast komplett überflutet – Instandhaltungsmaßnahmen waren seitdem aufgrund der Frontnähe unmöglich. Ukrainische und internationale Medien sowie Menschenrechtsorganisationen beschreiben die humanitäre Lage in der Stadt mit drastischen Worten. Die Menschen hätten wegen der allgegenwärtigen Minen Angst, im nahe gelegenen Wald Pilze zu sammeln oder im Fluss zu angeln. Auf einem Schwarzmarkt in der Nähe des Krankenhauses werde ein Dutzend Eier – wenn es denn Eier gibt – für umgerechnet 16 Euro verkauft. Die Menschen versorgten sich mit dem, was sie selbst im Garten anbauen könnten; weil es nicht reiche, wichen sie zunehmend auf Unkraut aus, das sich zerkochen lasse. Die Versorgungslage habe sich verschlechtert, seit die russischen Truppen dort im Frühjahr auf die umliegenden Wälder ausgewichen seien, um sich vor Drohnen zu verstecken, berichtete der Kyiv Independent im April . Seitdem habe Russland kein Interesse daran, Nahrungsmittel nach Oleschky zu bringen. Am vergangenen Wochenende berichtete die ukrainische Militärverwaltung Chersons von einem verzweifelt wirkenden Versuch, die Stadt mit Nahrung zu versorgen. Mit Drohnen seien vier Tonnen Nahrungsmittel über Nacht an 100 Orte in Oleschky verteilt worden, in der Hoffnung, die Einwohner würden sie finden. Tatsächlich verbreiteten sich auf örtlichen Telegram-Kanälen in den Tagen darauf Fotos, die den Inhalt dieser Hilfspakete zeigten: Öl, Konserven, mehrere Tüten mit Zucker und Mehl. Nach Darstellung der Leiterin der ukrainischen Stadtverwaltung, die sich auf ukrainisch kontrolliertem Gebiet befindet, dürften viele Hilfspakete die Menschen nicht erreicht haben: Russische Soldaten, die durch die Stadt streiften, würden sie konfiszieren, sagte sie dem Kyiv Independent . Auch eine in Oleschky geborene Aktivistin, die sporadischen Kontakt zu dort verbliebenen Einwohnern hält, sagte der Ukrajinska Prawda , dass die Besatzer auf der Suche nach Nahrung die Bevölkerung ausplündern würden. Noch im März leugnete die Besatzungsverwaltung, dass der Stadt Hunger drohe. Es gebe »objektive Schwierigkeiten« wegen ukrainischen Beschusses, teilte Besatzungschef Wladimir Saldo damals mit . Doch die Versorgung gehe weiter. Inzwischen hat sich der Ton geändert: Die Ukraine sei es, die absichtlich Transporte in die Stadt blockiere, behauptet Saldo. Am 2. September veröffentlichte er ein Video, das einen Drohnenangriff auf mehrere augenscheinlich zivile Fahrzeuge zeigt: ukrainische Drohnen, die den Transport einer humanitären Lieferung blockieren würden. Kurz darauf veröffentlichte ein örtlicher ukrainischer Kanal dasselbe Video: Russische Drohnen hätten den Hilfstransport attackiert. Aus dem Video lässt sich nicht unabhängig ableiten, welche Darstellung stimmt. Doch der Umgang der Besatzer mit der örtlichen Bevölkerung legt nicht unbedingt nahe, dass sie deren Wohlergehen sonderlich interessiert. Völkerrechtlich ist Russland für den Schutz der Menschen auf dem besetzten Gebiet verantwortlich – und doch sind es auch nach russischer Darstellung private Initiativen, die versuchen, humanitäre Transporte zu organisieren. Eine Evakuierung Oleschkys, wie die Ukraine sie fordert und zusammen mit dem Roten Kreuz durchzusetzen versucht, lässt Russland hingegen nicht zu. Besatzungschef Saldo verweist darauf, dass die Menschen den Ort jederzeit selbst verlassen könnten. Was er verschweigt – neben der Gefahr durch Minen: Ohne russischen Pass ist es unmöglich, auf besetztem Gebiet Hilfe zu bekommen, sei es beim Weitertransport nach Russland (um über Umwege in die Ukraine einzureisen) oder akut vor Ort. Auch für medizinische Hilfe ist in besetztem Gebiet ein russischer Pass notwendig. Um diesen zu erhalten, sind wiederum ukrainische Papiere notwendig. In Oleschky jedoch haben die meisten Menschen ihre Dokumente bei der Flut 2023 verloren. Und bereits damals durften Menschen ohne russischen Pass die russischen Checkpoints nicht passieren. Vor Ort lassen die Besatzer indes nicht mal Beerdigungen zu, wie zuletzt verschiedene Medien unter Berufung auf Bewohner berichteten – weil die Leichen von Menschen, die etwa durch Minen oder Drohnen getötet wurden, von einem russischen Amtsarzt begutachtet werden müssten. Den aber gebe es in Oleschky nicht mehr. Teilweise blieben daher Leichen auf der Straße liegen, bis sie von herrenlosen Hunden gefressen würden, berichtet die Ukrajinska Prawda unter Verweis auf Einwohner. Der Sender BBC schrieb in einem Bericht zur Lage in Oleschky, ihm lägen »zahlreiche« Fotos vor, welche solche Darstellungen belegten. Weil sie zu verstörend seien, sehe man von einer Veröffentlichung ab. Es ist unklar, weswegen Russland eine Evakuierung Oleschkys verhindert – sei es durch das Rote Kreuz oder auf eigene Initiative, mit eigenen Mitteln, auf eigenes Gebiet. Die Ukraine wirft Russland vor, die Einwohner als lebende Schutzschilde zu benutzen. Zwar scheiterte die Ukraine bereits 2023 und 2024 daran , das Ostufer des Dnipro zurückzuerobern, um den täglichen Beschuss auf Cherson zu beenden. Doch ukrainische Drohnen können die Angreifer deutlich schlechter treffen, solange Tausende Zivilisten in dem Ort verbleiben. Möglich ist auch, dass Russland versucht, die humanitäre Notlage der Ukraine anzulasten – wie es das bereits intensiv in staatlichen Medien tut. Oder dass sich die Führung in Moskau schlicht nicht für die Einwohner Oleschkys interessiert. Oleschky ist geografisch besonders gefährdet, doch ein Einzelfall ist die Stadt nicht. In vielen Städten und Siedlungen entlang der gesamten Frontlinie verbleiben auch nach Jahren des Krieges nur wenige Prozent der Vorkriegsbevölkerung dauerhaft. Diese Gebiete werden von Russland täglich mit Drohnen und schweren, unpräzisen Gleitbomben attackiert. In Hunderten Ortschaften im ganzen Land ist der Aufenthalt zu jedem Zeitpunkt lebensgefährlich. Im ukrainischen Hinterland wiederum weitet sich der Krieg gegen die Zivilbevölkerung weiter aus – auch weil die Trennlinie zwischen militärischen und zivilen Zielen nach Jahren des gegenseitigen Abnutzungskrieges zunehmend verschwimmt. Die Ukraine bombardiert in Russland Ölraffinerien und Warenlager – nicht nur um die russische Kriegskasse zu schwächen, sondern auch um der russischen Bevölkerung zu zeigen, dass der Krieg auch sie betrifft. Innerhalb der Ukraine wiederum hat Russland nach Beobachtungen von Militärbloggern bereits mehr als 350 Tankstellen attackiert, auch in frontfernen Gebieten. In Kyjiw und Umgebung werden immer wieder Medikamenten- und Lebensmittellager angegriffen. Seit Donnerstag trafen russische Drohnen gleich dreimal eine der Brücken, die den westlichen mit dem östlichen Teil Kyjiws verbinden. Mit Drohnen lassen sich große Brücken kaum zerstören, aber dauerhaft unbrauchbar machen. Und auch der wirtschaftliche Schaden ist enorm: Jeder größere Luftangriff kostet das Land nach Regierungsangaben knapp 40 Millionen Euro pro Stunde, weil in dieser Zeit kaum Geschäftsaktivität stattfindet. Neuartige jetbetriebene Drohnen , die Russland zunehmend einsetzt, und der Mangel an Abwehrmitteln gegen ballistische Raketen weiten die Möglichkeiten Wladimir Putins, die ukrainische Zivilbevölkerung leiden zu lassen, spürbar aus. Und der Winter, in dem das Energiesystem auch in Kyjiw den russischen Angriffen nicht mehr standzuhalten droht, naht. Das Zitat: Die neue Rakete Sowohl Russland als auch die Ukraine schießen die meisten gegnerischen Drohnen und Marschflugkörper ab. Deutlich schwieriger ist die Abwehr ballistischer Raketen. Nach ukrainischen Angaben produziert Russland jährlich mehr als 700 davon. Die Ukraine: null. So zumindest bisher. Bereits im vergangenen Herbst teilte der ukrainische Drohnenhersteller Fire Point mit, an zwei Modellen ballistischer Raketen zu arbeiten. Das kleinere davon, unter der Bezeichnung FP-7, wurde bereits im Frühjahr getestet . Am Donnerstagabend teilte Präsident Wolodymyr Selenskyj schließlich mit, die Rakete sei erstmals im Kampf eingesetzt worden. Auf X veröffentlichte er ein Video, das deren Start zeigen soll: »Ukrainische taktische ballistische Rakete. FP-7. Erster Kampfeinsatz.« Auch den nächsten logischen Schritt kündigte Selenskyj an: Ob es der Ukraine gelingen kann, ihre neuen Raketen in Serie zu produzieren, ist offen. Schon die Serienproduktion des 2025 in Dienst gestellten Marschflugkörpers FP-5 ist kompliziert und leidet unter russischen Attacken auf Produktionsanlagen und einem Mangel an Bauteilen. Die FP-7 soll laut einer Ankündigung des Herstellers eine Reichweite von 200 Kilometern haben und einen Gefechtskopf von 150 Kilogramm tragen. Damit bleibt das Modell unterhalb der Werte der US-Rakete ATACMS, welche die USA der Ukraine nur widerwillig und in geringen Stückzahlen geliefert hatten. Mit der FP-9 arbeitet die Firma zwar an einer größeren Rakete, die deutlich weiter fliegen und einen größeren Gefechtskopf tragen soll. Doch angesichts der russischen Raketenangriffe, die aus Mangel an Abfangraketen kaum abgewehrt werden können , dürfte für die Ukraine vor allem der Beschuss russischer Abschussrampen Priorität haben. Und dafür wiederum müsste die Rüstungsindustrie des Landes Selenskyjs Hoffnung auf baldige Produktion in Serie erfüllen. Die wichtigsten Meldungen: nordkoreanische Gefangene, Russlands Militärbudget und ein Brand in Estland Diplomatischer Streit: Die Übergabe von zwei nordkoreanischen Kriegsgefangenen an Südkorea sorgt für Spannungen zwischen der Ukraine und der Regierung in Seoul . Südkorea wirft der Ukraine vor, die Übergabe der Gefangenen entgegen einer Vereinbarung zwischen den beiden Ländern öffentlich gemacht zu haben und die Existenz einer solchen Vereinbarung zu leugnen. Die beiden nordkoreanischen Soldaten hatten aufseiten Russlands gekämpft, wurden im Januar 2025 gefangen genommen und sind auf eigenen Wunsch nach Südkorea gebracht worden. Kriegsetat: Russland will sein Rüstungsbudget im kommenden Jahr auf umgerechnet 178 Milliarden Euro erhöhen. Das geht aus russischen Regierungsdokumenten hervor, aus denen die Nachrichtenagentur Reuters zitiert. Die Pläne entsprechen einer Erhöhung des Budgets um 27 Prozent und einer Verdreifachung seit dem Vorkriegsjahr 2021. Estland: Die estnische Regierung wirft russischen Geheimdiensten vor , hinter einem mutmaßlichen Anschlag auf einen Rüstungshersteller in der Hauptstadt Tallinn zu stehen. Man habe »Sicherheit«, dass es sich um einen von Russland in Auftrag gegebenen Sabotageakt gehandelt habe, teilte Außenminister Margus Tsahkna mit. Dabei geht es um einen Brand bei dem Unternehmen Milrem Robotics Mitte August. Die Firma entwickelt unbemannte Militärsysteme, die auch in der Ukraine eingesetzt werden. Verfolgen Sie alle aktuellen Entwicklungen im russischen Krieg gegen die Ukraine in unserem Liveblog . Die vergangene Folge des Wochenrückblicks finden Sie hier .