Zeit 17.08.2026
09:46 Uhr

Nancy Cartwright: Alles Lüge?


Wir erwarten Wahrheit von den Wissenschaften. Das ist ein Fehler, sagt die Philosophin Nancy Cartwright. Denn sie bieten uns Wichtigeres an: Verlässlichkeit.

Nancy Cartwright: Alles Lüge?
Lesen Sie hier das englische Original DIE ZEIT: Die Physik mit ihren Gesetzen lügt, so haben Sie es vor gut 40 Jahren gesagt. Das hat Sie berühmt gemacht. Würden Sie die Physik heute noch eine Lügnerin nennen? Nancy Cartwright: Ich würde heute kein Buch mehr schreiben, das die Physik im Titel der Lüge bezichtigt. Es sind keine guten Zeiten für einen solchen Titel, der leicht missverstanden werden kann. Das Vertrauen in die Wissenschaften hat in bedrohlichem Maß nachgelassen. Und das kann ich mancherorts sogar verstehen. ZEIT: Wie meinen Sie das? Cartwright: Ich bin in einer Kleinstadt in Pennsylvania aufgewachsen, im heutigen Rust Belt. Dort kenne ich Menschen, deren Existenz davon abhängt, ob die Minen geöffnet bleiben. Die können es sich nicht leisten, zu glauben, dass Kohleverbrennung schlecht für die Umwelt ist. Wir alle finden unsere Wahrheit im eigenen Umfeld – und sei es ein virtuelles –, beziehen sie von den Menschen um uns herum, auf die wir uns verlassen. Für viele im Rust Belt hat das Gesellschaftssystem nicht funktioniert, dazu zählt die Wissenschaft. ZEIT: Wo endet Ihr Verständnis für diese Skepsis? Cartwright: Den Vertrauensverlust verstehe ich, auch die Wahlentscheidung der Brüskierten, selbst wenn ich sie moralisch für falsch halte. Aber dass die Regierung Trump, die es besser weiß, sogar medizinische Forschung stilllegt, das verstehe ich nicht. Das erscheint mir verrückt. Es braucht Forschung, um zu dem detaillierten, robusten Wissen zu gelangen, das nötig ist, damit so vieles funktioniert, worauf wir uns im modernen Leben verlassen. Und dessen Vertrauenswürdigkeit setzen die meisten derer, die der Wissenschaft generell nicht mehr trauen, eben doch voraus: Sie lassen sich trotzdem die Augen mit Lasern operieren. Heute würde ich ein Buch darüber schreiben, wie nützlich die Wissenschaften sind. »Über die wunderbare Kunst, einen Laser zu bauen«, das wäre mein Arbeitstitel. ZEIT: Aber was ist aus der Lügnerin von damals geworden? Ist auf die Physik inzwischen Verlass? Cartwright: Als ich mein Buch in den frühen Achtzigerjahren schrieb, herrschte in der Philosophie eine sehr enge Idee von Wissenschaft vor, die ich verändern wollte. Sie war beschränkt auf die Physik in Reinform: Knappe Gleichungen formulieren allgemeine Gesetzmäßigkeiten, denen alles gehorcht. Ein Beispiel: Wir nehmen an, Objekte der Masse m, die eine Kraft F erfahren, werden mit der Beschleunigung a in Bewegung gesetzt, die wir errechnen können, indem wir F durch m teilen. ZEIT: Isaac Newtons zweites Bewegungsgesetz, die Grundgleichung der Mechanik. Die 82-jährige US-Amerikanerin hat an der London School of Economics and Political Science gelehrt. Sie ist eine Größe der Wissenschaftstheorie. Mit How the Laws of Physics Lie widersprach sie 1983 der Idee einer bruchlos gesetzmäßigen Welt. Im Jahr 2022 folgte mit The Tangle of Science ihr Plädoyer für Verlässlichkeit. Cartwright: Exakt. Es gibt jede Menge Evidenz für die Nützlichkeit dieses Gesetzes. Wir berechnen danach die Statik unserer Häuser, die Antriebe unserer Mondraketen. Und zugleich schummeln wir, wenn wir so tun, als hätten wir gute Evidenz dafür, dass diese Formel allgemein gilt. Etwa 200 Jahre nach Newtons Philosophiae Naturalis wies Albert Einstein mit seiner Speziellen Relativitätstheorie darauf hin, dass die Bewegungsgleichung für Objekte nahe der Lichtgeschwindigkeit sehr viel komplexer ist, da die Masse selbst mit der Geschwindigkeit zunimmt. Etwa zur selben Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts entstand die moderne Quantenmechanik: Auch die kleinsten, leichtesten Teilchen bewegen sich ganz anders, sie verfügen nicht einmal über einen exakt definierten Ort oder Impuls. Newtons Gesetz funktioniert also nur als Annäherung in einem Bereich zwischen den großen und den kleinen Dingen. Aber selbst mit unseren neuesten Theorien, von denen es heißt, sie hätten jene alten, »irrigen« überwunden, haben wir vor allem nützliche Werkzeuge, keine fundamentalen Wahrheiten. ZEIT: Etwas Anschauung, bitte … Cartwright: Der österreichische Philosoph Otto Neurath hat das am Beispiel eines 1.000-Schilling-Scheins illustriert, der vom Wind über den Stephansplatz getrieben wird. Wo genau er landen wird, können wir selbst mit dem besten Modell nicht berechnen. Der Ansatz der Physik wäre es, seine Bewegungsgleichung aufzustellen, als wäre sie universell wahr, und zu versuchen, von seiner Masse und der auf ihn wirkenden Kraft auf die Beschleunigung zu schließen. Aber ohne eine tragfähige Kraftfunktion für den Wind hinzuschreiben – und das können wir nicht –, ist es bloßer Glaube, darauf zu bestehen, dass die Beschleunigung durch Newtons Gesetz bestimmt wird. Vielleicht sind die Dinge einfach komplizierter, als wir denken. ZEIT: Vor Ihrer Zeit als Wissenschaftsphilosophin haben Sie Mathematik und Physik studiert. Wann hatten Sie zum ersten Mal den Verdacht, dass die übliche Idee von den Wissenschaften als Wahrheitsmaschine nicht zu dem passt, was Forscher tun? Cartwright: Ich war oft nicht gut darin, die Übungsaufgaben meiner Physikprofessoren zu lösen, weil ich zu realistisch war. Immer sollte man die Probleme in einer Weise mathematisch idealisieren und vereinfachen, dass die Formeln ihre Gültigkeit behielten. Ich wollte lernen, wie man Quantentheorie auf reale Geräte anwendet, ich wollte einen Kurs über Laser belegen. Doch die Physiker boten keinen an. Stattdessen schickten sie mich zu den Ingenieuren. Warum müssen wir annehmen, dass die Natur eine Gleichung für die ganze Welt hinschreibt und dann den Strahl am Ende berechnet? So funktioniert die Welt nicht. Plausibler ist: Wir haben Gleichungen gefunden, die wir zu verwenden wissen.