Zeit 19.03.2026
20:50 Uhr

Preis der Leipziger Buchmesse 2026: Eine selten großartige Entscheidung


Die Gewaltgeschichte Europas verbindet die Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse. Das heißt nicht, dass es hier nichts zu lachen oder zu schwärmen gäbe.

Preis der Leipziger Buchmesse 2026: Eine selten großartige Entscheidung
Ein Mann liegt in Rom auf der Couch seiner Therapeutin und versucht, seine Familiengeschichte zu begreifen. In ihr verdichtet sich rund ein Jahrhundert europäischer Geschichte zwischen Odessa, Konstantinopel und Bulgarien – all die Traumata und Geheimnisse, all die Kriege und Revolutionen. Die jüngere Generation kann damit wenig anfangen, die Tochter ist schwer genervt von der Vergangenheitsfixierung ihres Vaters. Der Versuch, sein Leben als Erzählung zu fassen, der suchende Blick in die Geschichte prallt auf eine junge Generation, die die Mythen der Vergangenheit durchschaut und ironisch bricht. Das ist, kurz gesagt, die Rahmenhandlungen des extrem dichten und ganz fantastischen Romans Goldstrand von Katerina Poladjan . Völlig zu Recht wurde er heute mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Der Roman hat nur etwa 160 Seiten, aber er erzeugt eine Fülle an Eindrücken, dass man am Ende meint, etwas Monumentales gelesen zu haben. Eli Fontana, der Mann auf der Couch, kreist auch als Künstler um seine Lebensgeschichte. Als Regisseur hat er den entscheidenden Moment seiner Familiengeschichte verfilmt: Der Philosophiedozent Lew besteigt 1920 in Odessa mit seinen Kindern Vera und Felix ein Schiff Richtung Konstantinopel. 15 Stunden nach Abreise wird Vera abends zum letzten Mal im Salon gesehen, dann muss sie über die Reling gestiegen und ins Meer gesprungen sein, so jedenfalls die naheliegende Vermutung. Der Vater rechnet sich aus, dass ihre Leiche an einem bestimmen Strandabschnitt in Bulgarien angespült werden müsste und zieht mit dem übrig gebliebenen Sohn in eine Hütte dorthin. Felix wächst hier auf, wird Architekt und baut an einem Hotel für den sogenannten "Goldstrand" mit. Hier soll ein sozialistisches Ferienparadies entstehen, und hier lernt Felix eine urlaubende Römerin kennen und zeugt in einem One-Night-Stand eben jenen Eli, der seinen Vater nie kennenlernen wird. Soweit der Plot. Aber es ist kaum möglich, all die Geschichten, Scéancen, Fragmente zu ordnen, die dieser Roman erzählt und die sich wie zauberhaft doch zu einem stimmigen Ganzen fügen. Was den Roman so großartig macht, ist ohnehin die Art, wie Poladjan erzählt. Szenisch stark, ihre Liebe zum Tschechowschen Theater scheint immer wieder durch, und sie erzählt in einer hochliterarisch verknappten Sprache. Und vor allem ist da dieser Humor, dieses Talent für absurd komische Dialoge, auf der Couch der Therapeutin, zwischen den Generationen und den ernstesten Menschen, die mal dem Sozialismus, mal dem italienischen Faschismus zugeneigt sind. Es ist ein ganz starker Roman, den die Jury aus einer ohnehin starken Liste von Nominierten ausgewählt hat. Nachdem der Leipziger Preis in den vergangenen Jahren manchmal mit eher kuriosen Entscheidungen von sich reden gemacht hat, darf die Auswahl dieses Jahr euphorisch gefeiert werden. Es war eine kluge, ausgewogene Auswahl von Werken, die alle ästhetisch anspruchsvoll und zugänglich zugleich waren. Da war Helene Bukowski, die sich der wahren Geschichte einer DDR-Pianistin annahm . Da war Anja Kampmanns ebenfalls fantastischer Roman Die Wut ist ein heller Stern über den Aufstieg der Nazis aus der Sicht einer Akrobatin in einem Reeperbahn-Varietétheater. Da war Norbert Gstreins Jahrhundertroman Im ersten Licht , der seinen Helden als am Rand Stehenden zweier Weltkriege begleitet und der Frage nachgeht: Wie schuldig kann man sich machen, wenn man nichts macht? Und da war auch Elli Unruhs Debütroman Fische im Trüben – eine echte Entdeckung, wir werden hier literarisch in die 1970er- und 1980er-Jahre entführt, in das Leben russlanddeutscher Familien in Kasachstan. Es ist, als seien die Nominierten in der Kategorie Belletristik dieses Jahr in einen Dialog getreten über die Gewaltgeschichte Europas, über Ideologien und totalitäre Systeme und was Menschen sich einander darin antun können. Katerina Poladjan ist selbst mit sieben Jahren mit ihrer Familie aus der Sowjetunion nach Deutschland gekommen, etwas, das sie heute wieder in ihrer Dankesrede erwähnt hat. Die Erinnerungen an Ohnmacht und Totalitarismus trägt sie mit sich. Aber auch den unbedingten Willen, den dunklen Seiten der Welt, damals wie heute, etwas entgegen zusetzen. Das gelingt ihr mit Goldstrand bravourös.